Motivation – Teil 2: Der Motor – Emotionen in unserem Gehirn

In diesem Teil soll es darum gehen, wie Motivation in unserem Gehirn entsteht. An dieser Stelle wird deutlich, dass das Konzept der Motivation untrennbar mit dem der Emotion verbunden ist. Wie in Teil 1 bereits dargestellt, entsteht Motivation, d.h. der Antrieb zu zielgerichtetem Verhalten, in Folge der Erwartung positiver Emotionen. Mit positiver Emotion ist hier vor allem „Lust“ bzw. „Befriedigung“ gemeint.

Das „Belohnungssystem“

Vermittelt werden Emotionen und speziell Belohnungs- und Befriedigungsempfinden maßgeblich durch evolutionär „alte“ und im Gehirn innenliegende Gehirnregionen, nämlich durch das so genannte limbische System, den nucleus accumbens und Teile des Mittelhirns (Mesencephalon), sowie durch ein sehr „junges“ Gehirnareal, den PFC (präfrontaler Cortex, gelegen hinter unserer Stirn). Das limbische System wiederum umfasst unter anderem den Hypothalamus (vegetative „Schaltzentrale“ und Schnittstelle zum Hormonsystem), den Hippocampus (unersetzlich für unser Gedächtnis) und die Amygdala (auch Mandelkern genannt, spielt die Hauptrolle bei Angst). All diese Gehirnstrukturen nutzen als Neurotransmitter Dopamin, weshalb man dieses Konglomerat zusammenfassend auch „meso-limbokortikal dopaminerges System“ nennt. Dieses System vermittelt das Lustempfinden bei allen Motiven, egal ob Hunger, Durst, Sex, Leistung, Macht oder Anschluss, weshalb es auch als „Belohnungssystem“ bezeichnet wird. So zeigen z.B. Menschen mit einem stark ausgeprägten Leistungsmotiv einen Anstieg in der Aktivität dieser Gehirnstrukturen, sobald das Leistungsmotiv durch einen Anreiz aktiviert wurde. Eine hervorstechende Funktion kommt dabei dem nucleus accumbens zu: Seine Attraktivität nämlich zeigt an, wie attraktiv eine Belohnung ist, d.h. als wie erstrebenswert ein bestimmter Gefühlszustand bewertet wird. Gleichzeitig erhält ein bestimmter Reiz (z.B. das Gesicht einer Person) erst durch eine hohe Aktivität des nucleus accumbens einen Belohnungscharakter. Er spielt daher eine wichtige Rolle bei Suchtverhalten, da durch seine Aktivität z.B. ein Reiz (Drogen, Alkohol, Glücksspiel, etc.)  mit Belohnung assoziiert wird.

Wenn Dinge positive Emotionen erzeugen, folgt daraus also Motivation. Aber wie werden Emotionen überhaupt erzeugt, nachdem wir einen bisher noch neutralen, d.h. nicht mit einer Emotion assoziierten Reiz wahrgenommen haben? Für das Auslösen von Emotionen ist die Amygdala (Teil des limbischen Systems) ausschlaggebend. Allerdings gibt es drei verschiedene Arten, wie die Amygdala Emotionen, allen voran Angst, produzieren kann, und diese sind im Folgenden kurz beschrieben.

1. „Quick and dirty“

Diese Route ist die kürzeste Verbindung zwischen der Wahrnehmung eines Reizes und der entstehenden Emotion. Ein Reiz, egal ob visueller, akustischer oder sonstiger Art, findet durch die Sinnesorgane Eingang ins Gehirn und erreicht zunächst den Thalamus, eine Struktur im Zwischenhirn (d.h. evolutionär eher „alt“). Der Thalamus sendet das Signal dann weiter in die entsprechende Cortex-Region (z.B. primärer visueller Cortex oder auditorischer Cortex), wo der Reiz dann weiter verarbeitet wird. Der Thalamus wird auch „Tor zum Bewusstsein“ genannt, weil jeder Nervenimpuls erst ihn passieren muss, damit er unser Bewusstsein erreicht. Die „Quick and dirty“-Route aber ist eine direkte Verbindung zwischen Thalamus und Amygdala. Sie sorgt z.B. für das Empfinden von Angst, für die wir keinen bewussten Grund feststellen können (z.B. wenn wir das Gefühl haben, verfolgt zu werden), sowie für blitzschnelle Schreckreaktionen, wie sie im Falle einer Bedrohung auftreten. Eine bewusste Verarbeitung und Bewertung des Reizes würde hierfür viel zu lange dauern, denn eine schnelle Furcht- und damit ggf. auch Fluchtreaktion ist lebenswichtig. „Dirty“ ist diese Route deshalb, weil diese kognitive, also gedankliche Bewertung eben fehlt – was dazu führt, dass die Angst oft unbegründet ist. 

2. Bewusste Bewertung

Die zweite Route führt nicht direkt vom Thalamus zur Amygdala, sondern nimmt einen Umweg über den Cortex, der eine gründlichere und vor allem bewusste Verarbeitung des Reizes ermöglicht. D.h. es wird abgewogen, was der Reiz auf dem persönlichen Hintergrund der Person zu bedeuten hat, und der Reiz wird bewusst bewertet, z.B. als bedrohlich. In einem solchen Fall werden auf dieser Route außerdem noch die persönlichen Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten in Betracht gezogen, d.h. wie gut man mit dem bewerteten Umstand umgehen kann. Besteht der Reiz z.B. darin, dass man erfährt, dass eine Klausur um eine Woche vorverlegt wurde, könnte die (im Cortex stattfindende) erste Bewertung lauten: „Ach du Scheiße“. Nach Berücksichtigung der eigenen Handlungskompetenz, die es ermöglicht, den Lernplan entsprechend umzustellen, könnte die zweite Bewertung dann lauten: „Ok, krieg’ ich hin“, und die Amygdala würde keinen Angstzustand, sondern relatives Wohlbefinden erzeugen. Fällt in einer anderen Situation die Bewertung negativ aus, können durch solche bewusste Verarbeitungsprozesse Emotionen wie Schuld und Scham entstehen. Auf der positiven Seite wiederum können angenehme Emotionen wie beispielsweise Stolz entstehen.

3. Zuhilfenahme des Gedächtnisses

Route 3 zeichnet sich durch eine zusätzliche Beteiligung des Hippocampus aus, der den Sitz unseres deklarativen (d.h. bewusst zugänglichen) Gedächtnisses darstellt. D.h. er ist für die Speicherung unseres Weltwissens ebenso wie unserer persönlichen Erfahrungen verantwortlich (nicht aber für unser prozedurales Gedächtnis, welches z.B. automatische Bewegungsabläufe beinhaltet). Dadurch können aktuelle Ereignisse mit Erinnerungen abgeglichen werden und somit zu einer Bewertung des Reizes beitragen. Außerdem ermöglicht es dieser Schaltkreis, dass durch Erinnerungen Emotionen entstehen. Er ist somit daran beteiligt, wenn wir uns z.B. an ein tragisches Erlebnis in unserem Leben erinnern und dadurch Traurigkeit verspüren.

Die Amygdala, der präfrontale Cortex und kognitive Verhaltenstherapie

Die Amygdala weißt zwei weitere interessante Verbindungen zu anderen Hirnstrukturen auf. Ihre Verbindungen zu den sensorischen Arealen des Cortex ermöglichen es, die Aufmerksamkeit gemäß der Emotionslage auszurichten (z.B. auf Fotos aus dem letzten Urlaub, wenn es uns gerade gut geht). Die Verbindung der Amygdala zum PFC hingegen ist der Grund, weshalb kognitive Verhaltenstherapie wirkt. Diese Form von Psychotherapie wird erfolgreich z.B. bei Depression angewandt und besteht im Kern darin, dass Reize kognitiv neu (z.B. als weniger gefährlich) bewertet werden und in der Folge andere Emotionen erzeugen. Durch den PFC, wo solche kognitiven Prozesse geschehen, kann somit auf die Amygdala und die durch sie erzeugten Emotionen eingewirkt werden.

Der orbitofrontale Cortex und Expositionstherapie

Für konditionierte Angstreize (das sind Reize, die durch wiederholte Erfahrung mit Angst assoziiert sind, z.B. Spinnen) gilt dies im Falle der Amygdala aber nur eingeschränkt. Die Bezeichnung „Angstgedächtnis“ verrät bereits, dass die Amygdala der „Speicherort“ von konditionierten Ängsten ist. Und interessanterweise hat sich gezeigt, dass einmal in der Amygdala etablierte Reiz-Angst-Assoziationen außerordentlich resistent gegenüber Veränderung sind: Widersprüchliche Erfahrungen können diese Assoziationen kaum aufbrechen. Es gibt allerdings noch ein zweites wichtiges Angstzentrum, den orbitofrontalen Cortex (ganz vorderer Teil des Cortex, ungefähr hinter unseren Augen gelegen, Abkürzung OFC). Dieser ist deutlich „flexibler“ und kann durchaus auch „umlernen“, d.h. bestehende Assoziationen rückgängig machen und somit dafür sorgen, dass ein Reiz in Zukunft keine Angst mehr auslöst. Dieses System wiederum erklärt die große Wirksamkeit von Expositions- bzw. Konfrontationstherapie bei Angststörungen: Bei andauernder Konfrontation mit dem Angstreiz kommt es irgendwann zur Abnahme der Angstreaktion („Habituation“) – und die Assoziation zwischen Reiz und Angst wird aufgehoben („gelöscht“). Bezüglich dieses Prozesses liegen aber auch abweichende Ansichten in der Wissenschaft vor. So gehen viele Forscher auch davon aus, dass jene konditionierte Verbindungen nie wirklich gelöscht werden, sondern nur durch eine neue Lernerfahrung „überschrieben“ werden, sodass der neue Lerninhalt den alten hemmt. Dass die alte Verbindung zwischen Reiz und Furcht auch nach erfolgreicher Expositionstherapie noch besteht, weiß man z.B. dadurch, dass eigentlich gelöschte Verbindungen nach der Therapie manchmal wieder auftauchen. Für diesen Prozess werden vor allem die Verbindungen zwischen Amygdala und Hippocampus als wichtig angesehen. Was also letztendlich bei der Exposition passiert, ist noch nicht völlig geklärt.

Nach einem kleinen Schlenker hin zur Entstehung und Beeinflussung von Emotionen soll es nun zurück zum Kernthema gehen, der Motivation. Im dritten Teil gehe ich darauf ein, wie und warum es möglich ist, dass wir auch ohne jegliche Motivation handeln können.

© Christian Rupp 2013

5 Kommentare zu “Motivation – Teil 2: Der Motor – Emotionen in unserem Gehirn

  1. Hallo lieber Christian,
    Vorerst muss ich loswerden wie super interessante dein Blog ist.
    Ich begeistere mich schon seit Jahren für die Psychologie und der Frage: “ Warum mögen wir menschen was wir mögen?“ Da du dich auf dem Gebiet sehr gut auskennst würde ich gerne etwas in Erfahrung bringen ;).
    Ist es nachgewiesen, dass die impliziten Motive nicht veränderbar sind?
    Denn daraus würde doch folgen, dass Menschen bei denen alle impliziten Motive sehr gering ausgeprägt sind weniger Potential haben als andere mit hoher Ausprägung oder sehe ich das falsch?
    Durch z.B welche Erfahrungen im frühkindlichen Alter bilden sich solche impliziten Motive genau, und gibt es nur die drei hier erwähnten?
    Gibt es denn die Möglichkeit aufgrund des pro-frontalen Cortex ebenfalls Reize, welche bezogen auf die impliziten Motive, im frühkindlichen Alter mit bestimmten Emotionen verknüpft worden sind zu verändern?
    Beruht die kognitive Dissonanz ebenfalls auf dem Auseinanderfallen von impliziten und expliziten Motiven?
    Ich frage mich das alles seit langem und der Gedanken lässt mich nicht los ;).
    Ich möchte noch ein kurzes Beispiel bilden um meinen Gedanken etwas deutlicher zu machen.

    Können implizite Motive ebenfalls Geld, Religion oder Besitz beinhalten?

    Beispiel:
    Herr A ist in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen und hat aufgrund seiner frühkindlichen Erfahrungen positive Emotionen an Geld und Macht geknüpft. In seinem weiteren Leben wird er ebenfalls ein sehr erfolgreicher Unternehmer, welcher sehr viel Geld verdient und Macht inne hat. Sein implizites Macht – und Leistungsmotiv ist sehr hoch ausgeprägt. Des Weiteren unterstelle ich Herr A ein implizites Geld- und Besitzmotiv welches ebenfalls sehr hoch ausgeprägt ist.

    Hat Herr A dadurch eine sehr hohe Zufriedenheit, da sein Leben genau an seinen impliziten Motiven ausgerichtet ist, er viel Geld besitzt und ein schönes Haus hat?

    Falls es ein implizites Geldmotiv ebenfalls gibt und dieses sehr stark ausgeprägt ist, haben Menschen nicht die Möglichkeit sich davon zu lösen wenn sie beispielsweise merken, dass es wichtigere Dinge gibt als Geld?

    Ich weiß das mein Text wohl den Rahmen sprengt aber wie du schon sagst:“ Manche Dinge entsprechen wohl unseren impliziten Motiven“ 😉

    Ganz liebe Grüße

    • Lieber Enrico,
      es freut mich, zu lesen, dass du dir derart viele Fragen stellst und, wie ich finde, sehr nachvollziehbare und sinnvolle Überlegungen machst. Leider vermag ich nicht, dir darauf die Antworten zu geben, die du dir erhoffst.
      Alle deine Überlegungen finde ich sehr logisch und gut durchdacht, allerdings kenne ich keine Forschung, die auch nur annähernd in der Lage wäre, sie zu beantworten. Und ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass die Forschung jemals dazu in der Lage sein wird.
      Aber wo die empirische Forschung versagt, helfen durchdachte und stringente Theorien auch in der Psychologie weiter (zumindest bin ich dieser Meinung und habe in meiner psychotherapeutischen Arbeit von theoretischen Modellen weit mehr profitiert als von „evidenzbasierten“ Manualen). Wenn du dich von theoretischer Seite noch mehr mit Motiven beschäftigen willst (und ich kann schon mal verraten, dass die meisten Autoren von mehr sprechen als den dreien, die ich erwähnt habe), empfehle ich dir die Bücher von Rainer Sachse zu Persönlichkeitsstörungen, denn die sind auch hilfreich, um Motive bei „gesunden“ Menschen zu verstehen.
      Herzliche Grüße
      Christian

      • Hallöchen nochmal,
        vielen Dank erstmal für die Ausführliche Antwort ;).
        Ich habe mir heute alle Teile erneut durchgelesen und dabei ist mir noch eine Frage zu der Volitionalen Erschöpfung eingefallen.
        Dieses Phänomen kommt ja auf, sobald z.B mein explizites Leistungsmotiv hoch ist, mein implizites aber gering und ich mich sozusagen mit Hilfe der Volition durchkämpfen muss. Kann es nicht aber auch sein, dass ich bei einem Stark ausgeprägten impliziten Leistungsmotiv trotzdem Schwierigkeiten habe mich für z.B bestimmte Themen zu begeistern und zu motivieren? Es spielt doch auch eine Rolle wie ich sozusagen mein implizites Leistungsmotiv befriedige, also Dinge wie Interessen haben doch auch einen wichtigen Einfluss oder?
        Als Beispiel:
        Ich habe ein sehr hohes Leistungsmotiv und liebe es mich z.B im Sport zu verbessern und mein bestes zu geben (da dies mein Motiv anspricht)
        Das Heißt doch nicht automatisch, dass ich z.B auch in Mathe ebefalls so eingestellt bin, obwohl mein Leistungsmotiv so hoch ist.
        Woher kommen diese Interessenunterschiede?
        Finde es kompliziert die Motive auf konkrete Tätigkeiten zu beziehen, denn Leistung kann man ja überall erbringen bzw. sich gemäß des impliziten Leistungsmotivs verbessern.
        Ganz liebe Grüße
        Enrico Tölke

      • Hallo Enrico,
        entschuldige, dass ich dir so spät erst antworte. Ohne dass ich dir jetzt Studien nennen kann, die das untersucht haben, würde ich Folgendes dazu sagen: Vielleicht kann es man sich am ehesten so vorstellen, dass unser von impliziten Motiven gesteuertes Verhalten am ehesten eine Interaktion aus zwei Dingen ist: dem impliziten Motiv einerseits und dem Interessengebiet oder auch der eigenen Befähigung/des eigenen Talents. Von daher würde ich dir absolut zustimmen und tatsächlich auch kritisch anmerken, dass der Faktor des Interesses oder der Fähigkeit bisher wenig berücksichtigt wurde. Aber wie gesagt: das ist meine deduktive Schlussfolgerung, keine induktive, die auf Empirie beruht 😉
        Liebe Grüße
        Christian

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