Psychologische Tests – Teil 1: Woran erkennt man die echten unter ihnen?

Da auch hierüber in der Gesellschaft sehr weit verbreitete falsche Annahmen zu finden sind, fand ich es sehr wichtig, einmal darzustellen, was eigentlich einen „richtigen“ psychologischen Test ausmacht . Deshalb geht es in diesem und in den zwei folgenden Artikeln darum, was psychologische Tests überhaupt sind und was Beispiele für gute und weniger gute Vertreter sind.

Ich möchte fast wetten, dass Sie, liebe_r Leser_in, schon einmal in Ihrem Leben an einem psychologischen Test oder einem, der behauptete, einer zu sein, teilgenommen haben. Tatsächlich trennt sich hier aber die Spreu vom Weizen – denn es gibt seriöse, „echte“ psychologische Tests, die gültige Aussagen über eine Person zulassen, und „falsche“, die genau dies nicht erlauben. Ziel aller psychologischer Tests ist es, ein bestimmtes, „in der Person liegendes“ und daher von außen nicht direkt beobachtbares Merkmal (Persönlichkeit, Intelligenz, Gedanken…) mehr oder weniger indirekt zu messen. Doch was unterscheidet nun die „echten“ von den „falschen“ Tests?

Merkmale von echten psychologischen Tests

Quantitative Daten

Ein guter psychologischer Test liefert, wenn auch auf Umwegen, immer Zahlen als Daten. Das bedeutet, selbst wenn die Antworten des Teilnehmers nicht direkt als Zahlen vorliegen (wie es z.B. in einem Fragebogen mit einer 7-stufigen Skala der Fall ist), muss der Test eine Möglichkeit bieten, wie der Testleiter den Antworten oder dem Verhalten eines Probanden Zahlen zuweisen (= das Verhalten quantifizieren) kann. Dieses System muss standardisiert sein (siehe „Objektivität“), und es ist die Grundlage für das Kriterium der Normierung.

Objektivität

Dieses Merkmal bedeutet, dass der Test, unabhängig von der durchführenden Person, immer gleich angewendet und ausgewertet und das Ergebnis immer gleich interpretiert wird. Durchführung, Auswertung und Interpretation sind fest vorgeschrieben. Das Ergebnis unterliegt somit keinen subjektiven Eindrücken, Deutungen oder Manipulationen – der gesamte Testablauf ist standardisiert.

Reliabilität

Dieser Begriff bedeutet Zuverlässigkeit. Im Klartext ist dieses Kriterium erfüllt, wenn der Test bei wiederholter Durchführung dasselbe oder annähernd dasselbe Ergebnis liefert. Wenn jedoch das gemessene Merkmal von Natur aus schwankt (z.B. Einstellungen), kann es passieren, dass dieses Kriterium keinen Sinn macht. Dann kann man höchstens schauen, ob das Merkmal innerhalb sehr kurzer Zeiträume stabil bleibt. Die Reliabiliät wird durch einen Wert zwischen 0 und 1 beschrieben, wobei 1 für maximale Zuverlässigkeit steht (der Testwert stimmt bei beiden Messungen exakt überein). In der Realität sind Werte zwischen 0,7 und 0,9 normal und ausreichend für die Praxis. Von diesem Wert hängt die Größe des so genannten „Konfidenzintervalls“ ab. Dieses gibt, da ein psychologischer Test nie so präzise misst wie beispielsweise eine Waage, den Bereich an, in dem der tatsächliche Testwert mit 95%iger Wahrscheinlichkeit liegt. So könnte ein Intelligenztest z.B. einen IQ-Wert von 104 liefern, und das Konfidenzintervall könnte bei einer Reliabilität von 0,9 von 100 bis 108 reichen. Hierzwischen liegt dann sehr wahrscheinlich der „wahre“ Wert der Person.

Streng genommen ist mit Reliabilität übrigens eigentlich nicht gemeint, dass zweimal hintereinander derselbe Wert rauskommt, denn auch wenn alle untersuchten Personen bei der zweiten Messung z.B. 5 Punkte dazugewonnen haben, ergibt das eine Reliabilität von 1. Es geht genau genommen nur um die Einhaltung der Rangfolge der Personen: Wird diese bei beiden Messungen eingehalten, ist der Test reliabel. Aber wie gesagt: Für das Alltagsverständnis reicht die obige Definition.

Normierung

Normierung bedeutet, dass der erreichte Testwert einer Person nie losgelöst betrachtet wird, sondern immer mit einer repräsentativen Normierungsstichprobe verglichen wird. Diese besteht aus Personen, die der getesteten Person bezüglich Alter und Geschlecht ähnlich sind. Dazu berechnet man den Abstand zwischen dem Testwert der Person und dem Mittelwert der Normierungsstichprobe. Ein Beispiel: Der neunjährige Theo erreicht in einem Intelligenztest eine Punktzahl von 144, insgesamt sind in dem Test 220 Punkt zu erreichen. Achtung – das ist der Rohwert, nicht der IQ-Wert. Der ergibt sich erst durch weitere Berechnungen, bei der Theos Punktzahl, die durchschnittliche Punktzahl in der Normierungsstichprobe der neunjährigen Jungen und die durchschnittliche Abweichung von dieser Durchschnittspunktzahl (die Standardabweichung) mit einbezogen werden. So erhält man IQ-Werte, die so standardisiert sind, dass der Mittelwert 100 beträgt und die Standardabweichung 15. Weil bei diesen Umrechnungsprozessen dividiert wird, spricht man vom Intelligenzquotienten. Da IQ-Werte daher keine festen, sondern relative Werte darstellen, ist unbedingt zu beachten, mit welcher Normierungsstichprobe jemand verglichen wird: So kann ein Gymnasiast beim Vergleich mit einer Stichprobe aus der breiten Normalbevölkerung einen IQ von 130 aufweisen (wäre demnach also „hochbegabt“), im Vergleich mit anderen Gymnasiasten wäre er hingegen nicht so weit über dem Mittel und hätte einen IQ von 115.

Validität

Dieses vierte Kriterium bedeutet „Gültigkeit“. Ein Test besitzt Validität bzw. ist valide, wenn er tatsächlich misst, was er zu messen vorgibt. Wenn es dabei um ja/nein-Entscheidungen geht (z.B. bei der Frage, ob jemand lügt oder nicht), kann man die Validität damit bestimmen, wie oft der Test eine korrekte Aussage liefert (d.h. jemand lügt, und der Test sagt auch, dass die Person lügt – oder die Person lügt nicht, und der Test sagt auch, dass die Person nicht lügt), und wie oft er daneben liegt (Die Person lügt nicht, aber der Test besagt, dass sie lügt – und andersrum).Wenn der Test jedoch ein Merkmal messen soll, welches nicht nur zwei Kategorien hat (z.B. Intelligenz), dann betrachtet man, wie der Testwert mit anderen Merkmalen zusammenhängt. Hierzu betrachtet man die Korrelation (abgekürzt durch den Buchstaben „r“), das heißt den linearen Zusammenhang von Testwert und einem anderen Wert. Auch die Korrelation variiert zwischen 0 und 1, während 1 für einen perfekten Zusammenhang zwischen zwei Merkmalen steht.

Das unten stehende Foto zeigt als Beispiel die (hypothetische, nicht realitätsgetreue) Korrelation zwischen der Abiturdurchschnittsnote und dem Ergebnis in einem Intelligenztest. Diese beträgt hier 0,5, was in Bezug auf Validität ein sehr hoher Wert ist. Wenn man die Validität eines Tests bestimmt, ist es wichtig, dass der Testwert einen eindeutigen Zusammenhang mit verwandten Merkmalen aufweist (bei Intelligenz wären dies z.B. Schulleistung oder die Leistung in anderen Intelligenztests). Dieser Zusammenhang muss und kann aber gar nicht perfekt ( = 1) sein, weil sämtliche Merkmale (wie Schulleistung) noch durch viele andere Faktoren bestimmt werden. Die Validität eines Tests bestimmt man dabei nie nur durch die Korrelation mit einem anderen Merkmal, sondern immer mit mehreren. Validitäten von 0,3 sind dabei schon als zufriedenstellend, welche über 0,5 bereits als sehr hoch einzustufen.

Hier habe ich einmal aufgemalt, was man sich unter einer Korrelation vorzustellen hat. Die grünen Kreuze stehen alle für jeweils eine Person, von der sowohl das Ergebnis aus einem Intelligenztest (in IQ-Werten, auf der x-Achse) und die Abiturdurchschnittsnote (auf der y-Achse) vorliegen. Diese „Wolke“ von Datenpunkten (bzw. –kreuzen) zeigt einen klaren Trend von links unten nach rechts oben, der durch die rote Linie verdeutlicht wird. Das heißt, im Mittel gehen höhere IQ-Werte mit besseren Noten einher, aber natürlich gibt es auch Ausnahmen. Bei einer Korrelation von 1 lägen alle Datenpunkte auf der roten Linie – das würde bedeuten, dass Abinote und Intelligenz in einem perfekten Zusammenhang zueinander stehen und dass das eine linear (d.h. in Form einer Geraden wie der roten Linie) mit dem anderen ansteigt. Bei einem Zusammenhang von r = 0 wäre der gesamte Raum innerhalb des Graphen hingegen gleichmäßig mit Kreuzchen ausgefüllt, es wäre kein Trend in irgendeine Richtung und somit kein Zusammenhang der beiden Merkmale zu erkennen.
Auch die Reliabilität ist übrigens ein Korrelationswert. Hier würde man auf der x-Achse die Testwerte aus der ersten Durchführung abtragen und auf der y-Achse die der zweiten Durchführung. Hierbei würden die grünen Kreuzchen viel näher an der roten Linie liegen als hier im Foto, weil der Zusammenhang viel größer ist (meistens mindestens r = 0,7).

Fiktive Korrelation zwischen Intelligenzquotient und Abiturnote

Fiktive Korrelation zwischen Intelligenzquotient und Abiturnote

Die Validität ist dasjenige Kriterium, das hauptsächlich darüber entscheidet, ob es sich um einen „echten“ psychologischen Test handelt oder nicht. Im zweiten und dritten Teil werde ich ein paar Beispiele für valide und nicht valide Tests geben.

© Christian Rupp 2013

2 Kommentare zu “Psychologische Tests – Teil 1: Woran erkennt man die echten unter ihnen?

  1. Pingback: Intelligenz – Teil 4: Was messen IQ-Tests und was ist ihr Sinn und Zweck? | psycholography

  2. Pingback: Intelligenz – Teil 5: Ist unser IQ ausschließlich genetisch bedingt? | psycholography

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s