Esoterik vs. Wissenschaft: Von Glauben, Wissen und der Fähigkeit, beides zu unterscheiden.

Ich habe zwar angekündigt, dass das nächste Thema „Intelligenz“ sein wird, jedoch befand ich mich vor wenigen Tagen plötzlich in Mitten einer Diskussion zum Thema „Wirksamkeit von alternativen Heilmethoden“ bzw. „Wissenschaft versus Esoterik“, die ich euch, weil mir dieses Thema so unglaublich am Herzen liegt, auf keinen Fall vorenthalten wollte. Daher gibt es jetzt einen Abstecher in ein Gebiet, dass ein großes Steckenpferd von mir geworden ist und einer der Hauptanlässe dafür war, vor fast einem Jahr diesen Blog zu starten. Falls euch der Text, den ich ungerne zerstückeln wollte, zu lang ist, um ihn direkt zu lesen – lest ihn entweder später oder scrollt ans Ende und lest die letzten fünf Abschnitte. Das Thema ist wichtig, und ich finde, es sollte jeden interessieren.

Dazu vorab schon der Hinweis, dass ich mich im Folgenden bei dem Begriff „Esoterik“ auf dessen Bedeutung im Alltag, d.h. auf das gesamte Spektrum spiritueller, mystischer und okkulter Lehren und Verfahren beziehe, die gegenwärtig existieren. Ich beziehe mich dabei nicht auf die ursprüngliche Bedeutung des aus dem Altgriechischen stammenden Wortes, das eine philosophische Lehre bezeichnet, die nur einem begrenzten Personenkreis zugängig war („eso“ = innen / nach außen begrenzt). Auf Vertreter dieser Lehren und Praktiken werde ich mit dem Begriff „Esoteriker“ verweisen, der, was ich betonen möchte, nicht abschätzig gemeint ist.

In der Diskussion, die online in einem bekannten sozialen Netzwerk (was könnte das wohl sein…?) stattfand, ging es ursprünglich um das Thema Reiki. Reiki ist eine dem esoterischen Bereich zuzuordnende, aus Japan stammende Heil- und Entspannungsmethode; die Lehre geht wahrscheinlich auf Mikao Usui zurück und bedeutet übersetzt so viel wie „geistige Lebensenergie“. Im Wesentlichen geht es darum, dass ein „Reikilehrer“ (d.h. jemand, der sich mit Usuis Lehren auskennt, eine gewisse Form der „Ausbildung“ hinter sich gebracht hat und sich oft für einen besonders feinfühligen und sensiblen Menschen hält), einem anderen Menschen die Hand auflegt (daher ist Reiki auch als „Handauflegen“ bekannt) und dadurch jene Lebensenergie überträgt (= „Reiki gibt“).

Die im Folgenden sinngemäß wiedergegebenen (nicht wörtlich zitierten) Diskussionspartner besitzen eine ausgeprägte Affiliation zum gesamten Feld der Esoterik; einer von beiden beschäftigt sich seit einigen Wochen mit Reiki und wendet es immer häufiger bei anderen an, bisher vor allem bei Familienmitgliedern. Die zweite Person wiederum kennt die erste gut und ist von deren Arbeit begeistert.

Also, los ging es (nachdem eine hier irrelevante dritte Person geschrieben hatte, wie gut sie nach einer „Reiki-Anwendung“ geschlafen habe) nach einem kurzen Kommentar meinerseits, dass ich Reiki aufgrund meines Wissens über seine wissenschaftlich erforschte Wirksamkeit ablehne. Ich werde nun versuchen, alles so objektiv wie möglich darzustellen. Mein Ziel ist es nicht, meine Diskussionspartner in den Dreck zu ziehen oder mich über sie lustig zu machen. Ich möchte anhand dieser Diskussion anschaulich deutlich machen, warum ich eine so kritische Einstellung gegenüber Esoterik & Co. habe und außerdem aufzeigen, auf welchen typischen gedanklichen Fehlern esoterische Weltanschauungen oft beruhen. Dazu möchte ich darauf hinweisen, dass ich meine Beiträge in der Hinsicht überarbeitet und ergänzt habe, dass ich persönliche Ansprachen herausgenommen, einiges umformuliert und ergänzt habe. Die beiden Diskussionspartner nenne ich der Einfachheit halber A und B.

Thesen des Diskussionspartners A:

  • Es gehe bei Reiki nicht darum, den Verstand zu benutzen, sondern darum, sich seinen Gefühlen hinzugeben (Ziehen einer Grenze zwischen Emotion und Kognition).
  • Zu viel Wissenschaft tue der Welt nicht gut, weil sie in der Vergangenheit unzähligen Menschen das Leben gekostet habe (Hexen, Heiler, etc.).
  • Es gebe Dinge zwischen Himmel und Erde, die mit dem Verstand nicht zu erklären seien.
  • Andere Beispiele: Yoga, autogenes Training, Meditation: Hier lerne man, seine Gedanken fließen zu lassen und loszulassen. Das täten sehr viele Menschen jeden Tag.

Daraufhin meine Antwort:

Ja, das ist ja auch alles nicht falsch, aber man muss dennoch differenzieren. Natürlich gab es (in der Vergangenheit!) dunkle Kapitel der Wissenschaft (Tier- und Menschenversuche – scheußlich), aber das ist kein Grund, die Befunde der modernen Wissenschaft anzuzweifeln, denn deren Aussagekraft ist eine Frage der Methodik. Zumal der weitaus größere Feind von Heilern, Hexen und Co. sicherlich die Kirche war, die ebenfalls die Wissenschaft bekämpft hat (siehe z.B. Leonardo Da Vinci, Nikolaus Kopernikus, etc.), aber das ist eine andere Geschichte.

Die moderne Wissenschaft hat auf vielen Gebieten eine Menge Licht ins Dunkel gebracht und auch Meditation, Yoga & Co. untersucht – es gibt da sehr viele spannende Studien, vor allem aus dem neurowissenschaftlichen Bereich, z.B. mit buddhistischen Mönchen als Probanden. Nur die alltägliche Unterscheidung zwischen „Verstand“ und „Gefühlen“ ist in Wahrheit kaum zu vertreten, weil die beiden untrennbar miteinander vernetzt sind, was Sie auch hier nachlesen können. Und in der Tat wurde und wird die Wirksamkeit von alternativen Heilmethoden (von Akupunktur und „Chakrenarbeit“ über Reiki und Bioenergetik bis hin zu „Geistheilung“ und „Energiearbeit“) intensiv untersucht. Und zwar geschah und geschieht dies in Doppelblindstudien, die die stärksten kausalen Schlüsse zulassen, die in der Wissenschaft möglich sind und die den Teilnehmern ganz bestimmt nicht schaden – eine entsprechende Erklärung findet sich hier.

Das allerhäufigste Ergebnis in Studien, die die Wirksamkeit jener Verfahren untersucht haben, ist, dass die Wirkung nicht von dem Heilverfahren an sich ausgeht, sondern entweder davon, dass die Betroffenen an die Wirkung glauben (= Placebo-Effekt) oder davon, dass die Wirkung auf irgendwelche anderen, meist trivialen Faktoren zurückzuführen ist. Dies ist knallharte wissenschaftliche Realität.

So, nun bin ich der folgenden Meinung: Ich finde einerseits, dass es im Prinzip egal ist, warum etwas wirkt, weil es für den Betroffenen entscheidend ist, dass es wirkt. Ebenfalls wissenschaftlich untersucht wurden nämlich auch die Selbstheilungskräfte des Menschen, die durch den Glauben an die Wirkung eines Verfahrens erheblich gestärkt werden können.

Weshalb ich diesen Verfahren jedoch trotzdem skeptisch gegenüber stehe, liegt daran, dass es unter den Vertretern dieser Verfahren (und allgemein unter Menschen mit starker Neigung zur Esoterik) zwei Typen gibt, die mich stören. Die einen sind die Quacksalber und Halsabschneider, die ihr Geld damit verdienen, dass sie verzweifelten Patienten Heilung versprechen (was ein seriöser Vertreter eines Heilberufs nie tun würde) und beispielsweise Krebspatienten von einer dringend nötigen Chemotherapie abraten und somit deren Tod besiegeln. (Alternative Therapien und/oder psychotherapeutische Begleitung bei Krebs sind zusätzlich sinnvoll, aber die alleinige Anwendung ist verantwortungslos). Genauso finde ich es einfach nur unverantwortlich, wenn mancher selbsternannter „Heiler“ völlig unzulässige und nachweislich unvalide diagnostische Methoden (d.h. solche, die keine korrekten Aussagen erlauben und deshalb ziemlicher Quatsch sind: Hierzu wird es bald einen eigenen Blogeintrag geben), wie z.B. den „kinesiologischen Muskeltest“ anwenden und ihren Patienten schreckliche Angst mit der Aussage einflößen, sie seien von „Erdstrahlen“, Quecksilber oder Ähnlichem belastet. In diesem Sektor wird unglaublich viel Unfug getrieben, und ich habe mehrere Freunde und Bekannte, die auf solche Menschen reingefallen sind und es bitter bereuen.

Der andere Typ sind diejenigen, die zwar kein Kapital aus ihrer Überzeugung schlagen, aber sich zu Missionaren erklärt haben. Die ihre Überzeugung als einzige Wahrheit betrachten und Gegenmeinungen oder abweichende Standpunkte mit der Äußerung abtun: „Du bist nicht offen dafür“. Was solche Leute gut können, ist, alles, was andere machen, zu kritisieren, nur nicht die eigene Überzeugung. Das Problem, dass bei diesen Menschen oft vorliegt, ist, dass sie ihr vermeintliches „Wissen“ nicht hinterfragen: Was ist die Quelle von dem, was ich weiß (Buch, Vortrag, Zeitung, Reportage auf Fernsehsender XY…)? Noch viel wichtiger ist aber die Frage: Woher hat der Buchautor, der Journalist oder der Vortragende sein Wissen? Und ist diese Quelle von Wissen glaubwürdig? Und wenn ja, warum? Meistens stammt „Wissen“ im esoterischen Bereich letztendlich von irgendwem ab, der sich das irgendwann einmal ausgedacht hat, oder aber von uralten mystisch-spirituellen Schriften, die in ihrer Bedeutung oft reichlich verdreht wurden. Jedenfalls liegt so gut wie nie eine empirische (Erklärung folgt sofort) Fundierung dieses vermeintlichen Wissens vor, oder wenn, dann nur in Form von methodisch so schlechten Studien, dass gültige Aussagen hieraus nicht abgeleitet werden können.

In der Wissenschaft, die sich deratigen Themen beschäftigt, stammt das Wissen aus kontrollierten Studien (das bedeutet „empirisch“), die idealerweise mit verschiedenen Methoden und an verschiedenen Probanden dasselbe herausfinden (was natürlich bedeutet, dass es Wissensarten verschiedener Güte gibt). Jenen „Missionaren“ fehlt aber oft die Bildung, um ihr Wissen kritisch zu hinterfragen, was jeder gute Wissenschaftler, der sich der Wissenschaftstheorie Carl Poppers bewusst ist, hingegen tut. Ich betrachte die Fähigkeit, Wissen und dessen Quellen kritisch hinterfragen und deren Glaubwürdigkeit einschätzen zu können, als eine der wichtigsten Kompetenzen, die mir mein Studium vermittelt hat.

D.h., um den Bogen zu schließen, könnte ich jemandem, der mir vorwirft, nicht „offen“ für Reiki, „Energiearbeit“, den kinesiologischen Muskeltest usw. zu sein, genau so gut entgegnen, dass er bzw. sie nicht offen ist für wissenschaftliche Erklärungen, und diese Behauptung wäre wesentlich fundierter. Natürlich wäre es vermessen, zu behaupten, dass die Wissenschaft alles auf der Welt erklären kann, und diesen Eindruck will ich auch gar nicht vermitteln. Kein seriöser Wissenschaftler würde dies jemals behaupten. Aber: Die moderne Wissenschaft kann eine gewaltige Menge von Dingen erklären und sehr viele (esoterische) Behauptungen als haltlos entlarven. Und eben, weil ich die Eigenschaften moderner und seriöser Wissenschaft so sehr schätze, sehe ich einen immensen Anlass dazu, ihr mehr zu trauen als Theorien und Erklärungen, denen jede empirische Fundierung fehlt. Wozu brauche ich aus der Luft gegriffene Theorien, wenn es auch wissenschaftlich fundierte, d.h. solche mit „Substanz“, gibt?

Darauf die Thesen desselben Diskussionspartners (A):

  • Argumentation, dass Handauflegen hilft, da jeder dies intuitiv bei sich selbst und anderen tue (Hand auf Bauch bei Bauchschmerzen, kühle Hand an Kopf bei Kopfschmerzen, Mutter legt Hand auf Kind, um es zu beruhigen).
  • Reiki sei eine Form des Energieaustauschs.
  • Besonders sensible Menschen seien in der Lage, Blockaden in Menschen zu spüren und diese durch Handauflegen zu lösen.
  • Reiki schade nicht und diene nur der Entspannung.

Meine erneute Antwort:

Das ist das, was ich meine. Intuitiv ist das alles nachvollziehbar, aber es setzt zwingend voraus, dass man daran glaubt. Natürlich verspüren wir positive Emotionen, wenn uns nahestehende Menschen uns berühren. Das liegt daran, dass angenehme Berührungen einen (größtenteils durch die Evolution bedingten und daher angeborenen) Belohnungswert für uns haben, der im Gehirn über das limbische System und verwandte Strukturen vermittelt wird. Die Folge dessen kann ein tiefer Entspannungszustand sein. Das ist die wissenschaftliche, auf intensiver Forschung basierende Erklärung für unser Empfinden.

Dafür, dass dabei irgendwelche „Energien fließen“, gibt es hingegen keine Hinweise – mit Ausnahme von Infrarotstrahlung (oder mit anderen Worten: Wärmeenergie), wenn die Hand warm ist. Das heißt, es handelt sich um zwei verschiedene Sichtweisen derselben Sache. Nur während die eine auf wissenschaftlichen Befunden basiert, setzt die andere einen Glauben voraus, weil sie ansonsten durch nichts gestützt wird. Natürlich kann das, was bei Reiki gemacht wird, Entspannung erzeugen und z.B. dadurch, dass angespannte Muskeln sich entspannen, Schmerzen reduzieren. Aber dazu braucht es keine „schillernde Story“ von irgendwelchen fließenden Energien und einem scheinbar besonders feinfühligen Menschen. „Innere Blockaden“ sind wieder ein Teil dieser „Story“ bzw. „Legende“, die aufgrund der Schwammigkeit des Begriffs natürlich nie gefunden werden konnten. Esoteriker, denen nicht selten eine entsprechende Bildung fehlt, können einem auch selten sagen, wie diese Blockaden aussehen und wo im Körper sie angesiedelt sein sollen. Wenn eine Person z.B. berichtet, durch Reiki in einem Entscheidungsprozess unterstützt worden zu sein, so wird das sehr wahrscheinlich schlichtweg am allgemeinen Entspannungszustand gelegen haben. Aber der Punkt, um den es mir geht, ist: Um einen solchen herzustellen, braucht es keinen Hokuspokus und keine esoterische „Story“: Andere Entspannungsverfahren wie z.B. progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen, Meditation oder autogenes Training erzeugen dies auch. Das heißt, Reiki wirkt entspannend – ja, ganz bestimmt. Aber nicht, weil irgendwelche Energien fließen.

Viele (oft selbst ernannte) „Reiki-Experten“ behaupten aber noch viel mehr – und verkaufen das Verfahren als das Rundum-Allheilmittel schlechthin. Egal, ob Erkältung, Rückenschmerzen, Krebs, Allergien –  Reiki löst das Problem. Und das ist nun wirklich völliger Unsinn, wie in mehreren Doppelblindstudien eindrucksvoll nachgewiesen haben (ein Übersichtsartikel liegt z.B. von Lee, Pittler und Ernst aus dem Jahr 2008 vor). Die Erkenntnis ist schlichtweg diejenige, dass Reiki, wenn überhaupt, entweder über unspezifische Faktoren (z.B. einen allgemeinen Entspannungszustand) oder nur dann Effekte auf die Gesundheit ausübt, wenn die behandelte Person daran glaubt, dass es wirkt. Der Glaube ist der Motor des Placeboeffekts. Und im Prinzip hat der Diskussionspartner genau dies ja schon in seinem letzten Kommentar selbst gesagt: Es ist egal, ob die Mutter, der Vater, man selbst oder ein „Reiki-Lehrer“ einem die Hand auflegt: Die Wirkung ist die gleiche. Oft werden dann (wie weiter unten noch als Beispiel aufgeführt) als vermeintlicher Beweis persönliche Erfahrungen als Beleg für die Wirksamkeit herangeführt („Ich habe mich nach dem Reiki soooo gut gefühlt“). Nur ist diese Äußerung all den Störeinflüssen unterworfen, die wissenschaftliche Studien eben ausschließen (subjektives Empfinden von lediglich einer Person, mögliche andere Wirkfaktoren wie Umgebung, Atmosphäre, Glaube an das Verfahren, etc., etc. –  für mehr siehe das Beispiel weiter unten).

Ich finde es extrem wichtig, zwischen wissenschaftlichen Erklärungen und solchen, die auf Glauben basieren, zu unterscheiden. Und ich bin sehr dankbar dafür, aufgrund meines Studiums diese beiden Formen unterscheiden und bewerten zu können. Denn die Quellen seines Wissens zu kennen und ihre Glaubwürdigkeit einschätzen zu können, ist meiner Meinung eine Voraussetzung für ein Leben als mündiger Mensch. Und weil ich genau weiß, dass vielen anderen Menschen diese Voraussetzung fehlt (was überhaupt nicht abwertend gemeint ist!), habe ich vor knapp einem Jahr mit dem Schreiben dieses Blogs begonnen, mit dem ich das Ziel verfolge, den Menschen verschiedene Theorien vorzustellen und diese Theorien auch zu bewerten. Natürlich gibt es, wie gesagt, Bereiche, die schlicht kaum oder gar nicht wissenschaftlich erforschbar sind – keine Frage. Bei Phänomenen, für die jedoch schlüssige wissenschaftliche Erklärungen vorliegen (wie z.B. dem Effekt von Handauflegen), sehe ich persönlich jedoch keinen Anlass bzw. keine Notwendigkeit alternativer Theorien, die einen Glauben voraussetzen und aufgrund der wissenschaftlichen Erklärbarkeit im Wesentlichen überflüssig sind. Natürlich setzt das voraus, dass man sich mit diesen Theorien beschäftigt und offen für sie ist. Doch leider zeigt meine Erfahrung, dass die meisten Esoteriker dies nicht sind und wissenschaftliche Erklärungen abwehren. Warum? Wahrscheinlich, weil für sie dann ihre Welt und ihr Weltbild, dem sie sich leidenschaftlich verschrieben haben, zusammenbrechen würde.

Thesen des Diskussionspartners B:

  • Für Reiki bedürfe es keines Glaubens, die Person müsse lediglich zustimmen.
  • Es liege kein Placeboeffekt vor.
  • Begründung dessen: Der Diskussionspartner habe, als dessen kleine Tochter vor Kurzem Verdauungsprobleme gehabt hätte, ihr „Reiki gegeben“, nachdem das Medikament vom Arzt angeblich keine Wirkung gezeigt habe. Die Tochter sei eine Stunde liegen geblieben, und anschließend habe sich die Verstopfung durch Stuhlgang gelöst. Seitdem habe sie keine Verstopfung mehr gehabt.
  • Kinder seien bis zum dritten Lebensjahr sehr eng mit der geistigen Welt verbunden.
  • Es gebe mehr zwischen Himmel und Erde, als die Wissenschaft erklären könne.

Nun, auf diesen Kommentar hin habe ich nur noch auf meine vorherigen Texte verwiesen, weil hieraus ganz klar hervorgeht, dass dieser Diskussionspartner deren Inhalt entweder nicht vernünftig gelesen oder nicht verstanden hat – oder es nicht verstehen möchte. Weshalb ich an dieser Stelle dennoch erneut auf diesen Kommentar eingehen möchte, liegt daran, dass man an ihm so wunderbar anschaulich die gedanklichen Fehler aufzeigen kann, die Esoteriker typischerweise machen.

Widerspruch in nur einem Satz

Ein Glaube an Reiki sei nicht nötig, nur das „Ja“ der behandelten Person sei erforderlich. Mit anderen Worten: Wenn die Person nicht offen für Reiki ist, geht es nicht (denn sonst sagt man nicht ja, oder?). Ich gebe zu, streng genommen gibt es noch einen Unterschied zwischen dem Glauben an und der Zustimmung zu etwas, aber hier scheint der mir nicht entscheidend zu sein.

„Beweis“ der Wirksamkeit anhand eines Beispiels der eigenen Erfahrung

Der Diskussionspartner führt als Beleg für die Wirksamkeit ein Beispiel aus der eigenen Erfahrung an. Erstens hat Erfahrungswissen eine niedrigere Güte als wissenschaftliches Wissen, weil ersteres etlichen subjektiven Einflüssen unterliegt, während letzteres objektiv ist (bzw. sein sollte, wir wollen ja ehrlich bleiben). Zweitens werden andere Ursachen der verschwundenen Verstopfung völlig außer Acht gelassen (was einem wissenschaftlich denkenden Menschen nicht passieren würde). Dass der Placeboeffekt bei einem drei Jahre alten Kind nicht richtig greifen kann, ist nicht korrekt. Allerdings würde man hierbei eher von einem „Versuchsleitereffekt“ sprechen, wobei die Eltern hier die „Versuchsleiter“ darstellen. Dieser Effekt besagt, dass die Kinder massiv durch den Glauben und die Zuversicht der Eltern beeinflusst werden, die sie nämlich durchaus mitbekommen (und wodurch nämlich dann die eigene Zuversicht beeinflusst wird) – hiermit hätten wir also eine 1. Erklärung dafür, dass im oben genannten Beispiel die Verstopfung verschwindet. Darüber hinaus gäbe es mindestens noch vier andere Erklärungen dafür, dass die Verstopfung verschwunden ist: (1), dass das Medikament schlichtweg mit Verzögerung gewirkt hat, (2), dass der allgemeine Entspannungszustand die Verdauung reguliert hat, (3), dass die Verstopfung sich mit der Zeit einfach von selbst gelöst hat, (4), dass die Faktoren 1 bis 3 zusammengewirkt haben. Eine 6. Erklärung besteht zudem aus dem so genannten „Kontingenzlernen“, dessen Basis das klassische Konditionieren ist (die Assoziation zweier Reize, Dinge, Ereignisse). Ein Kind lernt sehr schnell, dass mit bestimmten Maßnahmen (z.B. Handauflegen) Linderung verbunden ist – ungeachtet dessen, warum diese Linderung nun genau eintritt.Was all dies zeigen soll: Die Hinzunahme einer schillernden „Story“ (fließende Energien…) ist völlig überflüssig, um den scheinbaren Effekt zu erklären – tatsächlich ist das ganze viel nüchterner zu betrachten.

Verwechslung von Glaube und Wissen & fehlendes Hinterfragen der Quelle des vermeintlichen „Wissens“

Die Aussage, dass Kinder in ihren ersten drei Lebensjahren besonders eng mit der „geistigen Welt“ verbunden seien, wird einfach als scheinbar feststehende Wahrheit in den Raum gestellt. Dabei wird weder hinterfragt, woher dieses vermeintliche Wissen stammt, noch wie glaubwürdig dieses ist – es wird nicht einmal eine Quelle angegeben. Meiner Vermutung nach handelt es sich um eine Aussage, die der Diskussionspartner irgendwann einmal von anderen Esoterikern oder aus einem entsprechenden Buch aufgeschnappt und dann unreflektiert und unkritisch aufgesaugt hat, weil es mit seinem Weltbild übereinstimmt und weil er es glauben will. Korrekt und für mich völlig akzeptabel wäre es, wenn der Diskussionspartner diese Aussage beginnen würde mit: „Ich glaube, dass…“. Dies aber als feststehende Wahrheit darzustellen, ist hingegen grober und dreister Unfug. Daher: Verwechslung von Glaube und Wissen. Oft argumentieren Esoteriker auch damit, man solle doch mal den „Verstand abschalten“ und „auf seine Gefühle hören“ – denn diese würden einem offenbaren, was wahr ist. Leute, die an esoterische Theorien nicht glauben, werden dann schnell als „emotional inkompetent“ abgetan. Nun, zunächst einmal ist die Unterscheidung zwischen Verstand (Kognition) und Gefühl (Emotion) nicht haltbar, weil sie so stark ineinander verwoben sind, dass keiner ohne den anderen existieren kann (siehe oben). Deshalb kann man seinen Verstand auch nicht „abschalten“. Außerdem sprechen wir hier über eine hochgradig subjektive Quelle von Wissen – und glaubwürdige Quellen von Wissen müssen objektiv, d.h. von Außenstehenden überprüfbar sein.

Beurteilung von dem, was Wissenschaft leisten kann, ohne sich auch nur ansatzweise damit auszukennen

Der pauschale Satz „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als man mit dem Verstand/als die Wissenschaft erklären kann“ (der an und für sich völlig richtig ist) wird von Esoterikern sehr gerne verwendet, um ihren Glauben zu rechtfertigen. In der Mehrzahl der Fälle haben diese Leute jedoch gar keine Ahnung davon, was Wissenschaft überhaupt ist, welche Methoden sie anwendet, warum sie objektiv ist, warum sie die Quelle von Wissen höchster Güte ist ? und was sie überhaupt zu bieten hat. Sie wird meiner Ansicht nach als Quelle von Wissen abgelehnt, weil jene Menschen sie entweder nicht verstehen oder sie nicht in das schillernd-geheimnisvolle „esoterische Weltbild“ passt, das mit logischen, schlüssigen Erklärungen und Befunden viel zu langweilig und unspektakulär wäre (Ich bitte um Verzeihung für das bisschen Polemik). Aber eine Aussage darüber zu treffen, was Wissenschaft leisten kann und was nicht, ist schlichtweg nicht möglich, wenn man sich mit Wissenschaft überhaupt nicht auskennt – es sei denn, man möchte sich unbedingt lächerlich machen.

To put everything into a nutshell – mein Standpunkt zu Esoterik & Co. in maximaler Kürze

Ich habe überhaupt gar nichts dagegen, wenn Menschen an Dinge glauben, an die ich nicht glaube. Jeder soll glauben, woran sie oder er möchte. Es ist mir völlig egal, ob Menschen an Erdstrahlen, Reiki, Energiearbeit, Kinesiologie, Graphologie, Physiognomie, Astrologie, Kartenlegen, Gott, frühere Leben, Aliens, UFOs, Engel, Spaghettimonster, das jüngste Gericht oder eine gigantische Teekanne in den Tiefen des Weltalls glauben. Solange sie sich dessen bewusst sind, dass sie daran glauben. Vier Dinge kritisiere ich hingegen sehr scharf:

  • Wenn Menschen eben meinen, Dinge zu wissen, obwohl für ihre Überzeugungen keinerlei Belege existieren – und sie sich eben nicht darüber im Klaren sind, dass sie glauben und nicht wissen.
  • Wenn Menschen die Quelle ihres vermeintlichen Wissens nicht hinterfragen und kritisch reflektieren, sondern es als die einzig richtige Wahrheit betrachten und pausenlos versuchen, andere zu dieser „Wahrheit“ zu bekehren.
  • Wenn Menschen das Potenzial der Wissenschaft leugnen, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, wie Wissenschaft überhaupt funktioniert.
  • Wenn solche Menschen in Heilberufen arbeiten und Verantwortung für Patienten übernehmen, denen sie völlig haltlose Diagnosen stellen und Therapien anbieten, die entweder wirkungslos oder sogar schädlich sind, bzw. ihren Patienten von dringend nötigen traditionellen Therapien abraten.

Ich will die Wissenschaft nicht glorifizieren. Ich kenne die wissenschaftstheoretischen Beiträge von Popper, Hume, Platon, Sokrates, etc. Kein Wissen ist jemals 100% sicher, wenngleich es immer sicherer wird, je häufiger verschiedene Forscher anhand verschiedener Stichproben mit verschiedenen Methoden dasselbe herausfinden (Das nennt man Replikation). Und auch wenn keine Quelle von Wissen zu 100% sicher ist, so ist die Wissenschaft dennoch mit gewaltigem Abstand die Quelle von Wissen mit der höchsten Güte und der meisten Substanz dahinter, weil dieses Wissen auf Befunden, also auf von Forschern gemachten objektiven Entdeckungen beruht – und eben nicht nur auf Glaubensüberzeugungen.

Ich bin zweifelsohne auch der Auffassung, dass es Dinge gibt, die die Wissenschaft nie endgültig erklären können wird, z.B. die Frage nach der Entstehung des Universums, die Frage nach dem Leben nach dem Tod bzw. einer unsterblichen Seele – oder die Frage danach, wie aus der neuronalen Aktivität in unserem Gehirn etwas wie „Bewusstsein“ entsteht. Aber die Wissenschaft kann eine unglaubliche Vielzahl von Dingen bereits schlüssig erklären, weshalb zusätzliche, unfundierte, „schillernde esoterische Theorien“ (in meinen Augen) an dieser Stelle vollkommen überflüssig sind. Der Glauben sollte meiner Meinung nach an den Stellen einsetzen, an denen die Wissenschaft an ihre Grenzen kommt. An allen anderen Stellen hat er – meinem Standpunkt nach – nichts zu suchen. Und wenn man an diesen anderen Stellen trotzdem etwas anderes glauben will, weil man die Wissenschaft (aus welchen Gründen auch immer) ablehnt, dann soll man das von mir aus tun, solange man dabei einräumt, dass man glaubt – und nicht weiß.

© Christian Rupp 2013

23 Kommentare zu “Esoterik vs. Wissenschaft: Von Glauben, Wissen und der Fähigkeit, beides zu unterscheiden.

  1. Habe den Artikel mit Interesse gelesen. Er hat mir bestätigt, was ich ja vermutet hatte nur hätte ich es nie erklären können. 🙂 Auch fehlen mir bei den Befürwortern immer die richtigen Argumente dagegen. Aber vielleicht hab ich ja jetzt ein paar parat. 🙂
    lg Gabi

      • Ich muss ja zugeben, dass auch ich immer wieder mal etwas verunsichert bin / war. Als ich noch jung war, glaubte ich ebenfalls an „mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht erklären kann“. Sicherlich auch beeinflußt von meiner Mama und meiner Oma. Aber ich nehme ihnen dass nicht übel und ich verstehe auch ihren „Glauben“. Es war nun mal eine andere Zeit, wo erstens die Wissenschaft noch nicht dort war, wo sie heute ist und als Mensch mit einfacher Schulbildung hatte man auch kaum Zugang dazu. Ja meist nicht mal das Interesse dafür.
        Heute ist es Dank des Internet natürlich viel leichter geworden – obwohl Bücher hats ja auch früher schon gegeben. 🙂
        Aber man wird halt älter und sammelt Erfahrungen und doch auch ein bisschen Wissen. Und auch ich hatte so manches ausprobiert (Homöopathie, Kinesiologie) und bin draufgekommen, dass das alles bei mir nichts gebracht hat (auch nicht bei meinen Hunden :-)).
        Die richtigen Anhänger dieser Methoden wird man kaum umstimmen können, denke ich. Aber vielleicht die, die sich nicht ganz sicher sind.
        Und wie Du ja schreibst, im Grunde genommen ist es ja egal. Sollen sie doch machen, wenn es ihnen hilft. Aber da gibts eben diese zwei Punkte, die mir mißfallen. Eben wenn die Leute glauben, sie müssten mich (oder andere) missionieren, denn ihre Technik ist die einzig Wahre und Wirksame und der zweite Punkt ist dann, wenn es jemanden davon abhält, wichtige medizinische Schritte zu setzen und es so vielleicht sogar lebensgefährlich werden kann.

        Aber eines muss ich schon noch sagen. Ich bin mir nicht sicher, wenn ich (oder sonst wer in der Familie) eine schwere unheilbare Krankheit hätte oder unterträgliche Schmerzen oder so, ob ich nicht dann aus Verzweiflung vielleicht doch etwas „Alternatives“ ausprobieren würde. Aber sicher niemals anstatt der Schulmedizin, sondern höchstens zusätzlich.

        Hab vor kurzem über „Quantenheilung“ gelesen. Das kannte ich bis jetzt noch gar nicht. 🙂
        http://derstandard.at/1363709574591/Mit-Quanten-heilen

        Sorry, der Kommentar ist jetzt wohl ein bisschen lange geworden.

        LG Gabi

      • Ja, du sprichst da auf jeden Fall ganz wichtige Sachen an – und ich kann getrost sagen, dass du mir da absolut aus der Seele sprichst. Mich stören, wie du ja gelesen hast, die gleichen Dinge wie dich an diesem Thema. Vor allem die Einstellung jener, die ultimative „Erkenntnis“ alleine für sich gepachtet zu haben. Aber vor meinem Studium war ich auch ganz anders und habe begeistert alles Mögliche über übernatürliche Dinge im Internet verschlungen, sodass ich es gut nachvollziehen kann, wenn Leute voll darin aufgehen. Esoterische Theorien sind einfach viel schillernder und auf den ersten Blick auch interessanter als rationale, wissenschaftliche Theorien – das ist leider die Crux. Aber für mich ein Grund mehr, immer weiter zu machen. Von Quantenheilung hatte ich derweil bisher noch nichts gehört:-)

      • Ich denke, der Mensch braucht immer irgendwas an dem er „Halt“ findet. Sonst hätten sich ja Glauben und Aberglauben nicht so durchgesetzt.
        LG Gabi

  2. Ich hätte da noch ein paar Fragen.
    Ich nehme an, auch Bachblüten gehören eher in den Bereich Esoterik. Oder liege ich da falsch? Und stimmt es, dass auch bei Akkupunktur keine medizinische Wirkung hat? Ist somit die TCM auch nicht zu empfehlen?
    Und kennst Du „The Work“ von Katie Byron bzw. was hältst Du davon? Bin damit in letzter Zeit unabhängig voneinander zweimal damit konfrontiert worden. Ist das was „brauchbares“ oder auch nur wieder reine Geldmacherei?
    LG Gabi

    • Hallo Gabi!
      Zu Bachblüten habe ich gerade recherchiert, aber auf Anhieb keine klinische Studie gefunden, die speziell deren Wirkung untersucht hat. Ich habe aber mehrere Metaanalysen (da sind Studien, die die Ergebnisse vieler einzelner Studien zusammenfassen) zur Wirksamkeit von Homöopathie gefunden. Zum einen muss man sagen, dass das Ergebnis natürlich immer von der jeweiligen Krankheit abhängig ist, auf die die Wirkung untersucht wird. Da gibt es so ziemlich alles. Die ausführlichste Metaanalyse, die ich finden konnte (von Linde und Kollegen), findet ein nicht ganz eindeutiges Ergebnis: Homöopathische Methoden bewirken eine Verbesserung, jedoch ist statistisch nicht ganz klar, ob man diese nur auf den Placeboeffekt zurückführen kann oder nicht. Die Autoren schlussfolgern daher, dass noch mehr systematische Forschung nötig ist. Die Studie stammt allerdings aus dem Jahr 1997, eine neuere konnte ich auf Anhieb nicht finden. D.h.: Man weiß es nicht genau. Allerdings ist das Problem an der Homöopathie generell, dass man die Wirkmechanismen nicht kennt und diese auch kaum untersucht werden können.
      Was die TCM angeht, kenne ich die Studienlage nur bezüglich Akupunktur. Hier zeichnet sich tatsächlich ab, dass diese zwar wirkt, aber eben wahrscheinlich nur über den Placeboeffekt. Die meisten Studien, die ich hierzu gefunden habe, haben sich allerdings mit Dingen wie chronischem Rückenschmerz oder Osteoarthritis beschäftigt. Zu COPD und Homöopathie habe ich gleich auch mal recherchiert, auf Anhieb aber leider keine Studien gefunden.
      Von Katie Byron habe ich mir gerade mal die Website angeschaut. Im Prinzip ist das nichts Schlimmes, außer dass sie einfach, auf dem Hintergrund ihrer eigenen Krankheitsgeschichte, so tut, als hätte sie die kognitive Therapie erfunden (Eine Änderung der Gedanken führt zur Änderung der Stimmung) und als könnte auch nur sie damit den Menschen Heilung bringen. Die Aufmachung der Seite lässt für mich eher deutlich werden, dass die Frau eine (typisch amerikanisch-dramatisch-emotionale) Narzisstin ist, die etwas ganz groß vermarktet, was schon seit 40-50 Jahren eine etablierte Therapieform ist (in Deutschland spricht man von „kognitver Verhaltenstherapie“). Zudem sollte man bedenken, dass sie zwar selbst mal depressiv war, aber deshalb noch keine Psychotherapeutin ist. Von daher würde ich sagen: nicht gefährlich, aber auch nichts Neues unter der Sonne;-)
      Viele Grüße und noch einen schönen Tag,
      Christian

      • Hallo Christian
        Deine Einschätzung betreffend Katie Byron teile ich völlig. Ich freue mich für Mrs Byron, dass sie selbsterkenntnisreiche Erfahrungen machen konnte, die ihr über ihre Krise hinweg halfen, und ich erachte es auch als sehr begrüssenswert, dass sie andere ermutigen will, von den positiven Erfahrun-gen zu profitieren. In der Tat ist der ‚Transport‘ von Erkenntnissen mittels persönlicher success stories für viele glaubwürdiger und tönt animierender als eine wissenschaftliche Studie, doch in meinen Au-gen können marktschreierische und kommerzialisierende Elemente (wie Zertifizierungsprozesse und Trademarks) die gute Sache leider auch wieder entwerten. Die Altbekanntheit der verkündeten Weis-heiten ist übrigens weit vor der kognitiven Verhaltenstherapie zu datieren, denn der Kern dieser Ein-sichten ist bereits in der Antike (z.B. bei Epiktet und Sokrates), den alten chinesischen Philosophen (z.B. Zhuangzi) und anderen alten Kulturen (z.B. der Tolteken oder Indiens) zu finden.Umso betrübli-cher, dass sie sich auch nach Tausenden von Jahren noch nicht bei mehr Menschen auf fruchtbaren Boden gefallen sind – deshalb können Personen wie Katie Byron eben doch eine wichtige Aufgabe übernehmen, wenn es ihnen gelingt, mehr Menschen – jenseits des intellektuellen oder therapeutischen Zuganges – zu erreichen und die Erdbewohner dadurch zu friedlicheren, umgänglicheren Menschen zu machen (selbst wenn mir persönlich die amerikanisch-narzistische Weise nicht behagt J).
        Beste Grüsse
        Bert

  3. Vielen Dank für Deine ausführliche Antwort.
    Wegen Bachblüten, TCM oder Homöopathie habe ich nicht wegen mir oder meiner COPD speziell gefragt, sondern einfach nur allgemein.
    Und wegen „The Work“: da hat mich zum einen eine Freundin per email danach gefragt, ob ich es kenne und zum anderen las ich es als Kommentar in einem Blog. Deshalb mein Interesse daran.
    So wie Du es beschreibst, hatte ich es mir auch gedacht. – Irgendwie typisch amerikanisch! 🙂
    Die meisten haben ja wohl eher Interessa daran, die Bücher darüber zu lesen. Nur weiß ich nicht, inwieweit soetwas „per Buch“ helfen kann. Aber vielleicht kann ja doch der Eine oder Andere „was Brauchbares“ davon „mitnehmen“. Bei schwereren Störungen wird das wohl eher „zu wenig“ sein, denke ich.
    LG Gabi

    • Ja, da hast du vollkommen Recht. Aber im Allgemeinen können gute Selbsthilfebücher schon einiges bewirken oder während der bei Psychotherapie ja leider üblichen Wartezeit gut auf die Therapie vorbereiten. Nur wie gesagt – das, was die Katie da so blumig und bombastisch verkauft, ist das Standardrepertoire jedes kognitiv-verhaltenstherapeutisch arbeitenden Psychotherapeuten:-) Weißt du eigentlich, wie das mit der Psychotherapie bei euch in Österreich geregelt ist? Also im Gesundheitssystem? Ich kenne mich nämlich im Wesentlichen nur in Deutschland aus. Übrigens vielen Dank für’s Rebloggen:-)

      • Bitte schön.
        Bei uns gibt es auch Psychotherapie auf Krankenschein. Da sind die Wartezeiten aber sehr lange.
        Oder man bezahlt die Therapie selber und stellt dann einen Antrag auf Erstattung eines Teilbetrages an die Krankenkasse. Das sind, glaube ich, so ca. 21,- Euro und ein paar zerquetschte Cents pro Sitzung.
        Dann gibts da natürlich psychiatrische Krankenhäuser und ich nehme an, auch Ambulanzen. Inwieweit man da zu einer Therapie kommt, weiß ich nicht.
        Dann gibts noch das Kriseninterventionszentrum und den Psychosozialen Dienst und auch eine Telefonnummer und eine Anlaufstelle rund um die Uhr für Notfälle.
        Also Möglichkeiten gibt es genug. Man muss nur erst mal durchblicken, wo man was und wie bekommt. Und naja, man muss halt selber die ersten Schritte sezten. 🙂
        LG Gabi

      • Okay, dann ist es wirklich sehr ähnlich wie in Deutschland, außer dass man hier inzwischen keinen Krankenschein mehr braucht (und die Psychotherapeuten deutlich mehr für eine Sitzung bekommen;)). Die Wartezeit ist tatsächlich ein großes Problem; bekomme die unschöne Situation der Patienten ja fast täglich hautnah mit, wenn ich in der Praxis, wo ich arbeite, die Erstgesprächsanfragen bearbeite und mit den Leuten spreche. Und du hast Recht: Durch diesen unübersichtlichen Wald aus Behandlungsangeboten und Berufsbezeichnungen muss man erstmal seinen Weg finden. Als kleine Hilfestellung (allerdings in erster Linie für Deutschland gültig) habe ich daher vor ca. einem Jahr einen Artikel mit einem kleinen „Guide“ durch die Psycho-Berufe verfasst: https://psycholography.com/2013/04/28/psychologe-psychiater-psychotherapeut-co-was-ist-der-unterschied/.

      • Danke für den link. Werde ich mir mal durchlesen. – Es gibt so viel zu lesen bei Dir und überhaupt im Bloggerland. Man kommt kaum nach! 🙂

        Das mit dem Krankenschein, da hab ich das Wort schlecht gewählt. Auch bei uns gibts keine Krankenscheine mehr (höchstens nur noch Überweisungsscheine von einem Arzt zum anderen), sonder die e-Card. Aber der Ausdruck „auf Krankenschein“ hat sich bei uns in Österreich gewohnheitshalber so eingebürgert. Gemeint ist damit „auf Kasse“. 🙂

        LG Gabi

  4. Hat dies auf Gabis Blog rebloggt und kommentierte:
    Sehr interessant, wenn sich jemand mal auch kritisch mit alternativen Heilmethoden auseinander setzen möchte.
    Und wenn sich jemand für Psychologie interessiert, ist der Blog von Christian Rupp sehr zu empfehlen.

  5. Ich freue mich über jeden Skeptiker, der sich aufgrund seines Verstandes von selbst in diese Richtung entwickelt. Insofern finde ich den Artikel sehr gut und ausführlich geschrieben.

    Zum Thema Homöopathie ist zu sagen, dass die bisher seit 200 Jahren gemachten 150 Studien im Großen und Ganzen schlichtweg bis auf ein paar statistische Ausreißer grundätzlich darauf hinweisen, dass die Wirkung homöopathischer Präparate nicht über den Placebo-Effekt aus den Kontrollgruppen hinaus geht. Einiges darüber ist auch hier: http://edzardernst.com/ zu lesen. Weitere Studien werden nur von Esoterikern gefordert, wobei sie gerne die Versuchsanordnung so geändert haben wollen, dass endlich mal positive Ergebnisse zu lesen sind. Das ist eben der Trick. Wenn die wissenschaftliche Methodik immer nur die Wirkungslosigkeit bestätigen, dann muss man eben die Methodik ändern. Bachblüten und Schüssler-Salze bewegen sich auf gleichem Niveau. Das erschreckende an der alternativen Medizin ist jedoch, dass sie komplett durchweg durch die Bank auf wertlose Anekdoten und Erfahrungen basiert und keinerlei wissenschaftliche Wirkungsnachweise vorweisen kann.

    Jedenfalls finde ich die Seite hier gut und werde sie ab jetzt verfolgen, zumal sie auch andere Bereiche berührt, die mich interessieren 😉

    • Hallo und vielen Dank für die Rückmeldung!
      Schön, dass du (ich hoffe, „du“ ist ok) in meinem Blog auf einiges gestoßen bist, das dich interessiert. Darüber freue ich mich immer sehr. Ansonsten kann ich nur sagen, dass du mir aus der Seele sprichst. Besonders die Basiertheit der alternativen Medizin auf Anekdoten und Erfahrungen sehe ich auch kritisch, vor allem auch deshalb, weil nicht wissenschaftlich gebildete Menschen diese Qualität von „Wissen“ meist nicht von der wissenschaftlicher Untersuchungen unterscheiden können und sich so schnell blenden lassen.
      Die Seite von Edzard Ernst habe ich mir auch gleich mal angeschaut – sehr aufschlussreich!
      Viele Grüße,
      Christian

      • Ich habe vor einiger Zeit einmal etwas zu dem Unterschied zwischen Skeptikern und Pseudoskeptikern geschrieben, der auch ganz gut den Unterschied von kritisch denkenden und leichtgläubigen Menschen und deren Argumentation beschreibt. Siehe hier:
        http://nesselsetzer.wordpress.com/2013/05/04/der-unterschied-zwischen-skeptiker-und-esoterische-pseudoskeptiker/
        Das Problem ist wohl, dass die Ablehnung des kritischen Hinterfragens ein Massenphänomen ist, sicher auch mit evolutionärem Hintergrund (wie beim Glauben in Religionen ja auch). Es ist eben leichter, seinen Verstand nicht zu gebrauchen, denn „es ist so bequem, unmündig zu sein“ (Kant)

        Ich wäre aber in jedem Falle vorsichtiger bei der Aussage, ob es sich dabei um wissenschaftlich „gebildete“ Menschen oder nicht handelt. Zum Einen nämlich gibt es viel zu viele Akademiker, da genauso über die Funktionalität von homöopathischen Mitteln herumschwurbeln (alleine schon, wie viele Universitäten den Unsinn als Studienfach aufgenommen haben), zum Anderen gibt es aber auch zunehmend Nichtakademiker, denen das kritische Denken anheim ist (wie bei mir). Insofern würde ich lieber von wissenschaftlich „denkenden“ Menschen sprechen.

        Und natürlich ist ein „Du“ im Internet Usus 😉

      • Ich sehe, wir scheinen auch in puncto Religion übereinzustimmen;-) Dass der Mehrzahl der Menschen das kritische Hinterfragen zu anstrengend ist, denke ich auch schon lange. Zusätzlich vermute ich, dass bei vielen Menschen ein starkes Bedürfnis danach besteht, die Welt eben nicht rein rational zu erklären – eine Art Sehnsucht nach bunt-schillernden, nicht sofort plausiblen Erklärungen für die Welt und ein Bedürfnis danach, ein Stück Verantwortung für das eigene Leben an eine übernatürliche Instanz abzutreten. Dagegen habe ich auch im Grunde nichts, denn ich kann den Menschen ja nicht vorschreiben, woran sie glauben sollen. Das einzige, was ich wirklich fordere, ist zwischen Glauben und Wissen zu unterscheiden – und das tun jene Pseudoskeptiker, wie du sie in deinem Artikel hervorragend beschreibst, eben nicht. Dabei bin ich mir jederzeit vollständig darüber im Klaren, dass auch die Wissenschaft ihre Macken und Grenzen hat und man auch bei „wissenschaftlichen“ Befunden immer genau hingucken sollte, ob man tatsächlich etwas daraus schließen kann oder nicht. Eindeutige Schlüsse sind, wie z.B. in der oben erwähnten Metaanalyse zur Akupunktur von Linde und Kollegen, oft nicht möglich. Deshalb bin ich immer vorsichtig, die Wissenschaft als solche in den Himmel zu loben – aber: Sie ist und bleibt von allen Wissensquellen, die uns zur Verfügung stehen, die beste.
        Und ich bitte natürlich um Entschuldigung für die unglückliche Formulierung. „Wissenschaftlich denkend“ trifft es besser. Man muss kein naturwissenschaftliches Studium absolvieren, um seinen Verstand zu benutzen:-) Allerdings muss ich schon sagen, dass mir meine wissenschaftlich-methodische Ausbildung im Studium wirklich sehr geholfen hat, einen kritischen Blickwinkel einzunehmen und mehr zu hinterfragen. Aber das gelingt einem bestimmt auch auf anderem Wege:-)
        In diesem Sinne – einen schönen Abend noch!

      • Wir scheinen in einigen Bewertungen überein zu stimmen, und ich habe dazu ja schon einiges an Gedanken in meinem Blog niedergeschrieben. Insofern würde ich Dir gerne noch zwei Links geben, die Dich interessieren könnten. Sie haben beide mit der Sichtweise auf die Naturwissenschaften zu tun. Dann soll aber mit dem Linksetzen gut sein, ich möchte Dein Blog nicht als Linksammlung missbrauchen.

        Unter dem ersten Link findet sich eine kurze Abhandlung darüber, wo der Unterschied zwischen Erfahrung und Wissenschaft ist:
        http://nesselsetzer.wordpress.com/2012/06/21/wissenschaft-vs-erfahrung-wie-funktioniert-wissenschaft/

        Der zweite Link ist der erste Artikel von drei über den Unterschied von Wissenschaft und Religion:
        http://nesselsetzer.wordpress.com/2013/01/27/naturwissenschaft-vs-religion-der-unterschied-und-die-selbstverschuldete-verdrangung/

      • Oh ja, das ist in der Tat eine gute Zusammenfassung der Kritik an der Studie, vor allem am methodischen Vorgehen zur Auswahl und Verwertung der Studien. Da ich mich im Studium gerade intensiv mit der Methode der Metaanalyse beschäftige, ist mir beim Betrachten der odds ratios auch gerade aufgefallen, dass (grob gesagt) die Studien im Grunde gar nicht ausreichend vergleichbar sind, weder von der Methode noch von der Effektgröße (dem odds ratio) her. Die Methodik der Metaanalyse wurde aufgrund ihrer statistischen Mängel in den letzten 10 Jahren erheblich weiterentwickelt und verbessert, sodass tatsächlich ältere Studien wie die von Linde nur noch mit Vorsicht zu genießen sind. Wenn ich mir den forest plot (Abb. 1 in dem Artikel) ansehe, wäre als Methode wahrscheinlich eher ein so genanntes random effects-Modell angebracht, das aber erst seit einigen Jahren angewendet wird. Im Gegensatz zum klassischen Methode berücksichtigt dieses statistische Verfahren systematische Unterschiede zwischen den Studien und rechnet diese quasi „raus“. Dadurch ist die Metaanalyse heutzutage wirklich eine super Sache, wenn man sie vernünftig rechnet. Wahrscheinlich käme dann auch sehr viel eher raus, dass die Homöopathie dem Placeboeffekt nicht überlegen ist. Aber hin oder her: Es deutet einfach alles darauf hin, dass es nicht mehr als Placebo ist:-)

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