„Das hat ja auch was mit Psychologie zu tun“: Was Psychologen von Hobbypsychologen unterscheidet

Für diesen Eintrag möchte ich gerne eine weitere Frage aus dem Bereich der Wissenschaftskommunikation aufgreifen, und zwar, ob es eigentlich wünschenswert ist oder nicht, wenn in der Wahrnehmung der Bevölkerung eine große Diskrepanz herrscht zwischen dem fachspezifischen Wissensstand eines Experten und dem eines Laien – sowohl in allgemeiner Hinsicht als auch bezüglich der Psychologie als wissenschaftliche Disziplin. Ausgangspunkt für diese Fragestellung sind u.a. Befunde aus Studien, die ergaben, dass über 80% der befragten Laien ihr Wissen über Psychologie schon „aus der alltäglichen Erfahrung heraus“ für ausreichend hielten.

Meines Erachtens muss man an dieser Stelle zweierlei Dinge auseinander halten: zum einen die Frage, ob es sinnvoll und gut ist, wenn Nicht-Experten bezüglich eines bestimmten Themengebietes bzw. einer akademischen Disziplin tatsächlich einen ähnlichen Wissensstand haben wie Experten auf dem jeweiligen Gebiet – und zum anderen, wie man damit umgehen sollte, wenn eine solche Wahrnehmung (einer geringen Diskrepanz) auf der Laien-Seite nicht der Realität entspricht. Letzteres, so kann man sowohl aufgrund empirischer Befunde (z.B. dem, das nur ca. ein Drittel der befragten Laien die Psychologie als wissenschaftlich begründet betrachtet und dass an ihr – zu Unrecht – bemängelt wird, dass sie z.B. im Gegensatz zur Physik keine deterministischen Vorhersagen liefert) als auch auf Basis alltäglicher Interaktionen beobachten, gilt für die Psychologie ohne jeden Vorbehalt.

Aus meiner eigenen Erfahrung mit Freunden, Verwandten & Co. hat sich schrittweise über die Jahre herauskristallisiert, dass die meisten Laien den Begriff „psychologisch“ in sehr ausgedehnter Weise verwenden. Wie oft musste ich mir von scheinbar psychologisch vorgebildeten Laien („Ich habe mal ein Semester Psychologie an der Fernuni Hagen studiert“, „Ich hab’ da letztens was ganz Interessantes über Freud gelesen“, etc.) schon Vorträge darüber anhören, wie der Mensch tickt und die Welt funktioniert, um dann am Ende den von einem Augenzwinkern untermalten, obligatorischen Zusatz zu hören: „Ja, das hat halt auch ganz viel mit Psychologie zu tun“. Aber bevor ich jetzt zu tief in den Sarkasmus abrutsche, komme ich lieber zum Wesentlichen zurück.

Ich bin, was die obigen Fragestellungen angeht, sehr zwiegespalten. Zum einen stört es mich natürlich, wenn andere Menschen (so genannte „Hobbypsychologen“), denen nicht einmal im Ansatz bewusst ist, woraus ein Psychologiestudium besteht und was die Psychologie zu einer Naturwissenschaft macht, vorgeben, den gleichen Wissensstand zu haben wie ich und damit gleichsam die Existenzberechtigung der Psychologie in Frage stellen. Denn das ist im Übrigen der meiner Meinung nach fundamentale, wenn auch triviale Nachteil, wenn Laien auf einem Gebiet nahezu denselben Wissensstand haben wie ein Experte: Wer braucht dann noch eine solche Wissenschaft? Oder anders gesagt: Was wäre dann noch ihre Berechtigung? Ich muss mich an dieser Stelle noch etwas genauer ausdrücken, um nicht einer weiteren wichtigen Überzeugung von mir zu widersprechen – nämlich der, dass die Wissenschaft sich jeglicher Sinnhaftigkeit entzieht, wenn ihre Erkenntnisse für den Großteil der Menschen völlig belanglos und zudem nicht zugänglich sind. Was ich damit meine, ist, dass die Wissenschaft der Menschheit, und nicht nur sich selbst oder den in ihr Forschenden nutzen soll – was, so mein Standpunkt, in der Psychologie (und sicherlich auch in vielen anderen Wissenschaften) oft keineswegs gegeben ist.

Die Frage nach dem vergleichbaren Wissensstand bei Experten und Laien lässt sich derweil für mich relativ einfach beantworten. Ich würde nämlich argumentieren, dass dies bei einer seriösen Wissenschaft (die nicht gerade erst ein Jahr alt ist) überhaupt nicht möglich ist. Wie sollte ein Laie annähernd denselben Wissensstand wie ein Experte erreichen, wenn nicht einmal innerhalb einer Wissenschaftsdisziplin derartige „Universalgelehrte“ existieren, die sich jenseits ihres Fachgebiets mehr als nur rudimentär auskennen. Meinem Eindruck nach ist es der unglaublichen Diversität und Unüberschaubarkeit aller Wissenschaftsdisziplinen geschuldet, dass es zwangsläufig ein Wissensgefälle zwischen Experten und Laien geben muss. Und eine Wissenschaft, bei der ein solches Gefälle in den Augen der Bevölkerung nicht besteht, hat entweder wirklich so wenig zu bieten, dass sie wohl kaum als Wissenschaft gelten kann, oder aber sie ist – wie die Psychologie – Opfer eines fürchterlich verzerrten Images (wie oben beschrieben).

Auf den Aspekt, worauf dieses Image fußt, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen, da ich dies bereits im letzten Eintrag getan habe. Stattdessen möchte ich, nachdem ich eben so über sie hergezogen habe, auch einmal eine Lanze für die „Laienbevölkerung“ brechen. Und zwar deshalb, weil sie nicht völlig Unrecht haben mit ihrem Eindruck, in Sachen „Psychologie“ mitreden zu können. Man muss nun einmal zugeben, dass die Wissenschaft des menschlichen Verhaltens und Erlebens etwas ist, mit dem die meisten Menschen sich (weil sie eben Menschen sind) auf ihre ganz individuelle Art und Weise beschäftigen. Man kann wahrscheinlich guten Gewissens sagen, dass es ein grundsätzliches Motiv des Menschen ist, sich selbst und andere Menschen in ihren Handlungen und in ihrem Erleben zu verstehen. Wenn man sich dies einmal vor Augen führt, wird auch klar, warum nahezu alle Menschen mehr oder weniger implizite oder explizite Theorien über menschliches Verhalten entwickelt haben. Und auch, wenn diesem erfahrungsbasierten Wissen ein zentrales Merkmal der Wissenschaft, nämlich die Objektivität, fehlt, täte es meiner Meinung der wissenschaftlichen Psychologie hin und wieder einmal ganz gut, ein wenig ihre Arroganz abzulegen und diesen von Laien geäußerten Erklärungsansätzen etwas mehr Respekt zu zollen, für einen Moment innezuhalten und zu überlegen, ob diese nicht zumindest eine Orientierung dafür geben können, womit sich psychologische Forschung beschäftigen sollte.

© Christian Rupp 2014

Sendung mit der Maus & Co.: Was ist und tut Wissenschaft wirklich?

In diesem und in den folgenden Artikeln werde ich auf verschiedene Themen eingehen, mit denen ich mich im Rahmen einer Vorlesung zum Thema „Wissenschaft & Öffentlichkeit“ beschäftigt habe, die ich in meinem – sich nun dem Ende zuneigenden – letzten Studiensemester besucht habe. Es ist daher das erste Mal, dass ich Texte, die auch Teil meiner Studienleistung waren (einem so genannten „Lerntagebuch“) quasi für dieses Blog recycle. Aber da die Vorlesung sich thematisch einfach genau mit den Themen beschäftigte, um die sich auch psycholography dreht, drängte sich diese Option förmlich auf.

In diesem ersten Eintrag soll es darum gehen, was unter dem Begriff der Wissenschaftskommunikation zu verstehen ist und in welchen Fällen es sich im Grunde nicht um Wissenschaftskommunikation per se, sondern vielmehr lediglich um eine Art der Reflexion über die Natur als solches handelt. Als Beispiel für letzteres können z.B. kindgerechte Fernsehformate wie die „Sendung mit der Maus“ und „Wissen macht Ah“ gelten, ebenso wie sich an Erwachsene richtende Formate wie „Quarks & Co.“ oder die Zeitschrift „Geo Wissen“. Was ich an dieser Unterscheidung zwischen „Kommunikation über Wissenschaft“ und „Kommunikation über die Natur“ für so wichtig erachte, ist die Tatsache, dass hiermit unmittelbar die Frage nach dem Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit bzw. nach der Laien-Definition von „Wissenschaft“ verbunden ist.

Um zu verstehen, warum diese Unterscheidung keineswegs belanglos ist, sollte man sich vor Augen führen, welches Bild die meisten populärwissenschaftlichen Fernseh- und Zeitschriftenformate von der Wissenschaft zeichnen: nämlich das einer Fabrik fertigen Wissens. „Wissenschaftlich belegt“, „wissenschaftlich überprüft“ oder gar „wissenschaftlich bewiesen“ gelten als Aushängeschilder in den Medien ebenso wie in der Produktvermarktung und stellen in den Köpfen der meisten Laien das höchste Qualitätssiegel dar. Im Grunde kann man sich als Wissenschaftler natürlich über ein derartiges Kompliment freuen – werden einem so doch die Rolle der verlässlichsten Quelle von Wissen und nahezu grenzenlose Kompetenz zugeschrieben. Und in einem Punkt trifft diese (implizite) Definition ja auch durchaus zu: In der Tat kann man mit Recht behaupten, dass die empirischen Wissenschaften wohl mit Abstand die verlässlichsten Quellen von Wissen in unserer Welt darstellen – vergleicht man sie z.B. mit esoterischen Lehren oder den verschiedenen Religionen, bei denen das vermeintliche „Wissen“ immer ideologisch determiniert und somit nie objektiv ist. Aber – und das ist der springende Punkt: Auch die Wissenschaft liefert keine fertigen und unumstößlichen Aussagen über die Welt, sie ist keine Produzentin ultimativer Wahrheiten. Noch kann sie (zumindest der Wissenschaftstheorie Carl Poppers folgend) jemals irgendetwas beweisen – ein Punkt, der wohl einen der größten Irrtümer im öffentlichen Bild der Wissenschaft darstellt und dem gleichzeitig das größte Frustrationspotenzial zu Beginn eines naturwissenschaftlichen Studiums innewohnt.

Doch wie erklärt sich eben dieses Frustrationspotenzial? Wenn ich an meinen nun schon viereinhalb Jahre zurückliegenden Studienbeginn zurückdenke, erinnere ich mich gut an eben dieses Gefühl der Frustration und die omnipräsente Frage: „Wozu das ganze?“. In der Tat ist dieses Gefühl der enttäuschten Erwartung und der Verwirrung noch sehr gegenwärtig, wenn ich an die Lektüre von Zeitschriftenartikeln und Lehrbüchern in den ersten Semestern meines Bachelorstudiums zurückdenke. Darüber lesen, was Wissenschaftler X in Studie Y herausgefunden hat, wonach dann aber Forscher A in Studie B das Gegenteil zeigte, sodass die einzige Quintessenz lautet: „Es könnte so sein, es könnte aber auch anders sein – man weiß es nicht“.

In der Schule aber wurde einem durch Lehrer und Schulbücher nun einmal leider vorgegaukelt, dass Wissen über die Natur sich lediglich aufkumuliert, sich aber nicht verändert oder gar widerspricht – eine, wie ich finde, grandiose Veranschaulichung des Unterschieds zwischen „Kommunikation über die Welt“ und „Kommunikation über Wissenschaft“. Eine gelungene Wissenschaftskommunikation besteht meiner Ansicht nach nämlich gerade darin, der Öffentlichkeit – in der Schule beginnend – zu vermitteln, dass Wissenschaft nicht zaubern kann und sich vielmehr als dynamischer Prozess der Wissensgenerierung und Wissensveränderung beschreiben lässt – und dass vermeintlich etabliertes, „festes“ Wissen auch in der Regel nur einen momentan geltenden Konsens unter Wissenschaftlern darstellt. Ein Konsens, der sicherlich fundiert ist, aber keineswegs unantastbar.

Eine weitere Folge des schulischen Lehrplans ist zudem das unvollständige Bild naturwissenschaftlicher Disziplinen, das dadurch vermittelt wird, dass man als Schüler in seiner Laufbahn maximal mit der Mathematik, der Physik, der Chemie, der Biologie – und eventuell noch mit der Informatik konfrontiert wird. Und sollte man mit der Psychologie in Kontakt kommen, dann in der Regel meist doch nicht wirklich, da sich diese leider i.d.R. auf die Freud’schen Lehren beschränkt, die einem im Pädagogik-Leistungskurs präsentiert werden – traurigerweise meistens, ohne die dringend notwendige Kritik an diesen Theorien zu beleuchten. Diese Form von „Bias“ führt unweigerlich zu einer verzerrten Sicht von „Wissenschaft“ in den Köpfen derjenigen Menschen, die nicht gerade ein naturwissenschaftliches Studium hinter sich bringen. Und sie ist gleichsam die Ursache dafür, warum so viele Studienanfänger von der Psychologie zu Beginn (und manchmal noch weit darüber hinaus) so fürchterlich enttäuscht sind: Woher sollen sie denn auch wissen, dass es gar nicht um verdrängte Triebe und Traumdeutung, sondern vielmehr um Regressionsmodelle und Signifikanztests geht?

Das verzerrte Bild von „Wissenschaft“ zu korrigieren, hat in meinem Fall sicherlich mehr als zwei Semester in Anspruch genommen. Und auch, wenn ich bis heute die Meinung vertrete, dass gute Wissenschaft nur eine solche sein kann, die nicht nur sich selbst, sondern allen Menschen in einer gewissen Weise nützt und die sich nicht (wie es in der Psychologie vielerorts der Fall ist) in Belanglosigkeiten verliert, habe ich die Wissenschaft und ihre Möglichkeiten inzwischen definitiv schätzen gelernt. Mein Psychologiestudium hat mir daher nicht nur eine ganz neue Perspektive auf die Erklärung von menschlichem Erleben und Verhalten eröffnet (inklusive der sehr zufriedenstellenden Fähigkeit, besser zu verstehen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln), sondern es hat mich noch etwas anderes sehr Wichtiges und Fächerübergreifendes gelehrt: nämlich, woher unser Wissen kommt, wie ich Quellen von Wissen beurteile – und was der Unterschied ist zwischen Glauben und Wissen.

© Christian Rupp 2014