Über die Frustration im Psychologiestudium – und wie sie sich verhindern ließe

Welche Auffassungen von und Einstellungen zur Psychologie als Natur-, Geistes- oder Sozialwissenschaft findet man bei Schüler_innen der Oberstufe? Und in wieweit hängen diese korrekten oder inkorrekten Auffassungen mit dem Wunsch zusammen, nach dem Abitur tatsächlich Psychologie zu studieren? Hierzu möchte ich auf zwei Studien der Erstautorin Dr. Sabine Fischer eingehen, die sich erstens mit den bei Schüler_innen vorliegenden konzeptuellen Vorstellungen bezüglich der Psychologie und zweitens mit Prädiktoren des Wunsches, Psychologie zu studieren, beschäftigten. Die vorgestellten Ergebnisse zur ersten Studie deuteten zum einen darauf hin, dass die befragten Schüler eine weniger naturwissenschaftliche, dafür aber stärker qualitativ-sozialwissenschaftliche Auffassung der Psychologie aufwiesen (im Vergleich zu befragten Experten). Zum anderen schätzten jene Schüler_innen psychologisches Forschungswissen als eher weniger relevant für die Berufspraxis ein. Die zweite Studie ergab derweil, dass das Wissen über den empirisch-experimentellen Charakter der akademischen Psychologie bei Schüler_innen mit starkem gesellschaftswissenschaftlichen Interesse den Wunsch, Psychologie zu studieren, abschwächte – und dass naturwissenschaftliches Interesse sich hingegen nicht auf den Studienwunsch „Psychologie“ auswirkte.

Ich finde diese Ergebnisse zugleich interessant und enorm wenig überraschend. Schließlich ist es auch in meinem Fall noch nicht so viele Jahre her, dass ich den Entschluss fasste, ein Psychologiestudium zu beginnen, sodass ich mich noch gut in die Lage der befragten Oberstufenschüler_innen hineinversetzen kann. Das verzerrte Image der Psychologie macht eben auch vor den Schulen keinen Halt. Woher sollen Oberstufenschüler_innen wissen, dass die akademische Psychologie (um sie einmal von der Alltagspsychologie zu unterscheiden) eine Naturwissenschaft ist, wenn Ihnen im Pädagogik-Leistungskurs Sigmund Freud als Lichtgestalt der Psychologie vorgestellt wird und der Großteil der unterrichtenden Lehrer selbst weder über ein adäquates Konzept der Psychologie noch über eine wissenschaftliche Ausbildung verfügt? Ich erachte dies als ein grundsätzliches Problem in der deutschen Schullandschaft, auf das ich aber an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchte, da ich dies bereits in den vorigen zwei Einträgen getan habe.

Die Ergebnisse geben meiner Meinung jedoch noch weitere wichtige Impulse. Der Befund, dass das Wissen um die „wahre Gestalt“ der Psychologie bei geisteswissenschaftlich interessierten Befragten den Studienwunsch schmälerte, ist der Schlüssel zu der Frage, wie man die allgegenwärtige Frustration im ersten Semester des Psychologiestudiums vermeiden könnte. Da ich das große Glück hatte, eine zum damaligen Zeitpunkt schon „fertige“ Psychologin als große Schwester zu haben, hatte ich das Privileg, mit realistischen Erwartungen ins Studium zu starten. Gut, dass es aufgrund des Leistungsdrucks und des extremen Lernaufwands die für mich persönlich schlimmsten fünf Jahre meines Lebens werden würden, habe ich zu Beginn nicht geahnt – dass mich zu Beginn viel Mathematik und Neurophysiologie erwarten würde, wusste ich hierdurch aber immerhin. Ganz im Gegensatz zu den meisten meiner Kommiliton_innen, denen die blanke Enttäuschung nur so ins Gesicht geschrieben stand. So äußerte im zweiten Semester beispielsweise eine Kommilitonin mir gegenüber ihre ausufernde Enttäuschung darüber, dass sie in der Vorlesung zur Allgemeinen Psychologie nichts über Traumdeutung nach Freud erfahren hatte. Dies alles ließe sich vermeiden, wenn man angehende Studierende früh genug so weit informieren würde, dass sie vor Beginn des Studiums wissen, worauf sie sich einlassen (eine Art „informed consent“ also). So könnte man einerseits geisteswissenschaftlich Interessierte eine Enttäuschung und viel unnötige Frustration ersparen und andererseits naturwissenschaftlich Interessierte für die Psychologie begeistern, die andernfalls vielleicht in die Biologie oder die Physik abwandern würden. Allerdings sollte man hierbei auch den (relativ einzigartigen) Umstand positiv hervorheben, dass man als Psychologe sowohl Wissenschaftler als auch Praktiker sein kann (scientist-practioner-Modell). Letzteren Aspekt kann und darf man einfach nicht unter den Tisch kehren, wenn man bedenkt, dass die allermeisten Psychologen nach dem Studium eben – auch wenn sie sicherlich im Beruf von ihrer wissenschaftlichen Ausbildung profitieren – tatsächlich nicht als Wissenschaftler arbeiten, sondern klassischerweise therapeutischen oder beratenden Tätigkeiten nachgehen, weshalb ich hier auch festhalten möchte, dass das verzerrte Image (Psychologe = jemand, dem man seine Probleme erzählt) durchaus nicht völlig aus der Luft gegriffen ist.

Neben solchen schulischen Informationsangeboten (die dringend notwendig sind, da die Psychologie im Schulunterricht in der Regel nicht oder falsch repräsentiert ist) ist es meiner Ansicht nach aber auch Aufgabe der Hochschullehrer und Dozenten – die über all diese Fehlkonzepte schließlich Bescheid wissen – etwas sensibler auf diese zu reagieren. Darunter verstehe ich vor allem, diese Diskrepanzen offen anzusprechen und die Studierenden da abzuholen, wo sie stehen, und sie nicht direkt zu Beginn mit Begriffen, Theorien und Denkweisen zu überschütten, zu denen sie keinerlei Bezug haben und auch nicht haben können. Und letztlich muss es vielleicht ja auch nicht das Ziel sein, geisteswissenschaftlich Interessierte „abzuschrecken“: Warum nicht ein bisschen Energie darauf verwenden, solche Schüler_innen für die Psychologie zu begeistern, indem man ihnen zeigt, was sie alles kann? Denn zu bieten hat sie wahrlich genug.

Ich möchte nun noch kurz eine andere Perspektive beleuchten, und zwar die der Relevanz dieser Vorstellungen über die Psychologie in der beruflichen Praxis. Ich denke nämlich, dass die oben beschriebenen Fehlkonzepte (Psychologe = jemand, der einem zuhört und einen analysiert, etc.) für Psychologen in fast allen beruflichen Bereichen von größter Relevanz sind, da sowohl Klienten, Patienten, Kunden & Co. einen mit von der Realität abweichenden Erwartungen konfrontieren, als auch Kollegen anderer Berufsgruppen (Ärzte, Betriebswirte, Juristen…) oft fehlerhafte Erwartungen an einen hegen. Zentral sind hierbei sicherlich vor allem die Reduktion des Psychologenberufs auf einen Heilberuf und die mangelhafte Kenntnis über die wissenschaftlichen Kenntnisse von Psychologen, worauf sehr wahrscheinlich auch die teilweise geringe Anerkennung oder das Belächeln dieses Berufs zurückzuführen sind. Hierbei handelt es sich zweifelsohne um einen Umstand, der Änderungsbedarf birgt. Da man aber leider in absehbarer Zeit keine für alle psychologischen Laien verpflichtende Grundausbildung in Psychologie wird durchsetzen können, ist man, denke ich, als Psychologe gut bedient, wenn man mit der Zeit eine gewisse Gelassenheit entwickelt, die es einem erlaubt, zumindest jede zweite Couch-Anspielung im Sinne der Achtsamkeit wahrzunehmen, nicht zu bewerten und einfach wie die Wolken am Himmel vorbei ziehen zu lassen.

6 Kommentare zu “Über die Frustration im Psychologiestudium – und wie sie sich verhindern ließe

  1. Schöne Gedanken, auch wenn ich eine etwas negativere Sicht auf diese Dinge habe. Daher als Ergänzung meinerseits:
    Viel erschreckender als die Diskrepanz naturwissenschaftlich gesellschaftswissenschaftlich, welche durch Eigeninitiative der Studieninteressierten vor Studienbeginn behoben werden könnte, finde ich die Einstellung, das Forschungswissen für die Praxis nicht wichtig ist. Zu vorherrschend ist die Meinung, dass das „richtige“ Studium erst ab dem 3. Semester losgeht, durch den Rest quält man sich durch.
    Das sehe ich leider auch bei praktizierenden Therapeuten oder denen die es werden wollen. „Ich habe es schon immer so gemacht – ich hab das Gefühl das funktioniert.“ „Genaue Diagnosen finde ich jetzt nicht so wichtig – ist doch alles das gleiche. Die brauchen nur jemanden der ihnen zuhört.“
    Da sträuben sich mir die Nackenhaare, nicht zuletzt weil ich leider selbst die schrecklichen Folgen einer falschen Therapie im näheren Umfeld miterleben durfte. Diese Einstellung geht gar nicht! Evidenzbasierte Therapie muss die einzige sein! Therapieformen die aus Gewohnheit dabei sind – und ich denke hier an Praktiken der Psychoanalyse – sollten einem zu denken geben.

    Bevor die Psychologen selbst nicht verstehen, wieso ihre methodische Ausbildung wichtig ist, wird es auch bei dem Rest der Bevölkerung nicht ankommen. Hier gilt es von Seiten der Dozenten noch klarere Zeichen zu setzen, die schädigende Wirkung einiger „Therapieformen“ genauso zu beleuchten wie die Vorzüge, und ob politisch korrekt oder nicht klare Statements gegen das derzeitige Vorgehen einiger Psychologen zu setzen. Ich wäre auch – trotz des Leistungsdrucks – mit schwereren Auswahlverfahren und härteren Kontrollen und Prüfungen in der Ausbildung einverstanden.

    Wenn dann noch die Medien mitspielen und die unterschiedlichen Berufsbezeichnungen (Psychiater, psychologischer Psychotherapeut, Heilpraktiker, Geistheiler) endlich genauso allseits bekannt sind wie die Facharztausbildungen von Ärzten, erst dann wird die Psychologie ihren Platz als angesehene Naturwissenschaft in der Gesellschaft einnehmen.

    Ich entschuldige mich, falls meine klaren Worte für irgendjemanden beleidigend gewirkt haben. Ich möchte keine Einzelpersonen ansprechen und ich beschreibe hier nur meine eigene Meinung – mit dieser braucht niemand übereinstimmen.

  2. Hallo Christian,

    ich möchte später gerne einmal Psychologie studieren, der folgende Satz lässt mich aber aufhorchen:
    „Gut, dass es aufgrund des Leistungsdrucks und des extremen Lernaufwands die für mich persönlich schlimmsten fünf Jahre meines Lebens werden würden, habe ich zu Beginn nicht geahnt“
    Würdest du sagen, dass das auch an deinem Studienort Münster lag bzw. würdest du aufgrund deiner Erfahrungen zukünftigen Studenten (die sich der mathematischen und naturwissenschaftlichen Inhalte im Studium bewusst sind) ein solches Studium nicht ans Herz legen?

    Viele Grüße
    Jenny

    • Hallo Jenny,
      ich kann gut verstehen, dass du dir diese Gedanken machst, denn schließlich stehst du vor einer wichtigen Entscheidung. Wenn du selbst sagst, dass du dir der mathematischen/naturwissenschaftlichen Inhalte bewusst bist und du in etwa weißt, was dich erwartet, würde ich dich auf jeden Fall ermutigen, es ruhig mal auszuprobieren. Und wenn du nach einem oder zwei Semestern merkst, dass es nicht deins ist, dann ist es auch überhaupt nicht schlimm, noch mal das Fach zu wechseln. Man beginnt seit G8 so jung mit dem Studium, dass ein solcher „Umweg“ überhaupt nicht nachteilig ist.
      Ich würde, nachdem ich inzwischen einige kenne, die in anderen Städten studiert haben, durchaus sagen, dass es je nach Studienort unterschiedlich großen Leistungsdruck geben kann. So habe ich z.B. von einigen gehört, dass es in Bielefeld deutlich entspannter zugehen soll und die Atmosphäre weniger konkurrenzgeprägt ist. Dafür ist es in Münster tatsächlich so, dass man wirklich eine sehr fundierte und vor allem praxisorientierte Ausbildung erhält, was nicht an vielen Studienorten der Fall ist.
      Aber letztlich musst du selbst ausprobieren, was dir am meisten liegt. Und da kann es nicht schaden, sich ruhig einmal auf sein „Bauchgefühl“ zu verlassen :-).
      Viele Grüße
      Christian

  3. Hallo Christian!
    Könntest du mir eventuell die Quellenangabe zu den beiden Studien von Fr. Dr. Fischer geben? Das wär toll!
    Danke und MfG,
    Jürgen

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