Homöopathie & Co.: Von Placebo, Nocebo und einem paradoxen Dilemma

Vorab: Was ist eigentlich Homöopathie?

Diese Frage ist deshalb ganz zentral, weil im Volksmund häufig eine ganz bestimmte Verwechslung vorgenommen wird: nämlich die von homöopathischen und pflanzlichen Mitteln. Denn diese beiden Kategorien sind keineswegs dasselbe! Weder sind alle pflanzlichen Mittel homöopathisch, noch sind alle homöopathischen Mittel pflanzlich. Ein Beispiel für ein nicht-homöopathisches, aber pflanzliches Mittel ist z.B. Johanniskraut, dessen Wirksamkeit in Bezug auf Depressionen als gut belegt gilt, wenngleich der Effekt nicht so groß ist wie der klassischer Antidepressiva. Zudem ist Johanniskraut ein sehr gutes Beispiel dafür, dass auch pflanzliche Medikamente erhebliche Nebenwirkungen haben können – aber das nur nebenbei. Derweil enthalten homöopathische Mittel oft keinerlei pflanzliche Substanzen, sondern anorganische chemische Stoffe, wie z.B. Quecksilber.

Aber was ist nun der Unterschied? Im Wesentlichen liegt dieser in der Wirkstoffkonzentration. Überspitzt gesagt ist es nämlich so, dass pflanzliche Medikamente Wirkstoffe enthalten, homöopathische hingegen nicht. Warum das so ist? Das liegt in der Herstellung und den meiner Meinung nach als esoterisch zu bezeichnenden Annahmen bezüglich der Wirkung. Denn homöopathische Mittel beruhen auf dem Prinzip der extremen Verdünnung, die ein Verhältnis von bis zu 1 : 50000 annehmen kann (wobei der Wirkstoff entweder in Wasser oder Alkohol gelöst wird). Das Ergebnis dessen ist, dass in einem 50ml-Fläschchen rein rechnerisch oft kein einziges Wirkstoffmolekül mehr enthalten ist. Nun kann man sich zurecht fragen, wie dann noch eine Wirkung eintreten soll. Die Antwort der Homöopathen lautet in etwa so: Dadurch dass die Lösung zusätzlich auf eine ganz bestimmte Weise geschüttelt wird („Dilutation“), überträgt sich die Wirkung auf die Wasser- oder Alkoholmoleküle. Ferner sei es so, dass sich die Wirkung durch die Verdünnung nicht verringere, sondern gar vergrößere („Potenzierung“). Wie genau das geschehen soll, lassen sie derweil offen. Die wissenschaftliche Forschung hat derweil ein paar andere Antworten parat.

Homöopathie trifft auf wissenschaftliche Realität

Der durch zahlreiche Studien belegte wissenschaftliche Konsens bezüglich homöopathischer Medikamente ist der, dass sie zwar wirksam sind, aber eben nicht wirksamer als eine Zuckerpille, die das häufigste Beispiel für eine so genannte Placebo-Behandlung darstellt. Dieser Befund gilt für alle Formen von Erkrankungen, die bisher in solchen Studien betrachtet wurden. Untersucht werden Fragestellungen der Wirksamkeit von Medikamenten in der Regel in randomisierten kontrollierten Studien, in denen verschiedene Behandlungsgruppen miteinander verglichen werden, die jeweils mit nur einem Präparat über eine gewisse Zeit behandelt werden. So könnte man sich z.B. eine Studie vorstellen, in der vier Bedingungen miteinander verglichen werden: ein Medikament mit klassischem Wirkstoff, ein homöopathisches Mittel, eine Zuckerpille (Placebo) – und eine Gruppe von Patienten, die gar keine Behandlung erfährt. Das Ergebnis in einer solchen Studie sieht typischerweise so aus (Beispiel: Reduktion von Schmerzen bei Arthritis): Das klassische Medikament führt zu einer deutlichen Abnahme der Schmerzen, die Patienten ohne Behandlung verändern sich kaum hinsichtlich ihres Schmerzniveaus. Die Schmerzen in der homöopathisch behandelten Gruppen lassen auch signifikant nach (d.h. die Reduktion kann nicht auf einen Zufall zurückgeführt werden) – aber, und das ist das Wichtige: Die Schmerzen in der Placebo-Gruppe reduzieren sich ebenfalls signifikant um einen ähnlichen Betrag. Wie kann das sein?

Von Placebo- und Nocebo-Effekten

Die Antwort lautet „Placeboeffekt“. Abgeleitet von dem lateinischen Verb „placere“ (= „gefallen“) beschreibt dieser in der Psychologie sehr gut erforschte Effekt das Phänomen, das bloße Wirkungserwartungen schon Berge versetzen können. So weiß man sowohl aus der Forschung zur Wirksamkeit von Medikamenten als auch von Psychotherapie, dass am Ende eine stärkere Wirkung resultiert, wenn der Patient auch eine Verbesserung erwartet. Oder mit anderen Worten: an eine Besserung glaubt. Hierzu müssen diese Wirkungserwartungen allerdings in ausreichendem Maße ausgelöst werden (z.B. indem der Patient eine nach echter Tablette aussehende Pille schluckt), aber das genügt dann auch schon. Da man sich dieses Effekts bewusst ist, ist das, was Heilmethoden liefern müssen, um zugelassen zu werden, der Nachweis einer Wirkung, die über eben diesen Placeboeffekt hinausgeht. Und genau dieser fehlt bei homöopathischen Mitteln leider – sie zeigen keine größere Wirkung als eine Zuckerpille, von der Patienten denken, es sei eine „echte“ Pille.

Es gibt allerdings auch den bösen Zwillingsbruder des Placeboeffekts – genannt Nocebo-Effekt. Er beschreibt das Phänomen, dass negative Wirkungserwartungen auch einen negativen Effekt auf die tatsächliche Wirkung haben. Konkret bedeutet das: Sagt man Patienten, die eine echte Pille einnehmen, es handle sich hierbei um eine Zuckerpille ohne Wirkstoff, dann lässt sich tatsächlich eine geringere objektive Wirkung nachweisen als bei Patienten, die eine echte Pille einnehmen und dies auch wissen. Was man hieran also erkennt, ist: Jede Form von Therapie, sei es ein Medikament, ein wissenschaftlich fundiertes psychotherapeutisches Verfahren – oder aber homöopathische Globuli, Reiki und Akupunktur – sind von solchen Erwartungseffekten betroffen. Bedeutet das also, dass es eigentlich egal ist, welche Behandlungsform wir wählen, Hauptsache der Patient glaubt an ihre Wirkung?

Das paradoxe Dilemma

Zunächst einmal: Nein. Denn der zentrale Unterschied liegt nun einmal darin, dass sich wissenschaftlich fundierte Behandlungsmethoden, wie oben beschrieben, eben genau dadurch auszeichnen, dass sie wirksamer sind als eine entsprechende Placebo-Behandlung. Dennoch ist es natürlich, wie bereits dargelegt, unverkennbar, dass die Erwartung des Patienten an die Wirksamkeit und die Wirkweise einer Behandlung großen Einfluss auf seine Genesung oder Nicht-Genesung haben kann. Die bedeutsame Rolle dessen, dass derartige Erwartungen durch eine glaubwürdige „Coverstory“ aber überhaupt erst erzeugt werden müssen, wird an dem Dilemma deutlich, dass ein Placebo zwar ohne Wirkstoff (bzw. als wirksam erachtete Elemente) wirkt – aber eben auch mehr als nichts ist (und somit klar von dem Effekt abzugrenzen ist, dass mit der Zeit „von selbst“ eine Besserung eintritt). Daher macht es z.B. im Kontext einer Psychotherapie Sinn, dem Patienten ein Störungs- sowie ein Veränderungsmodell zu vermitteln, welches er nachvollziehen und mit dem er sich zudem identifizieren kann – in anderen Worten: ein Modell, an das er glauben kann – um sich den Placeboeffekt zunutze zu machen.

Erwartungseffekte in der Psychotherapie

Zumindest in Bezug auf die Wirkung von Psychotherapie lässt sich der Befund, dass Wirkungserwartungen und die Passung zwischen dem subjektiven Patientenmodell und dem Veränderungsmodell der Therapie den Therapieerfolg maßgeblich bestimmen, durchaus mit dem aktuellen Forschungsstand der Psychotherapieforschung vereinbaren. Letzterer nämlich lässt sich am ehesten dadurch zusammenfassen, dass die Wirksamkeitsunterschiede zwischen den verschiedenen Therapieformen bestenfalls gering ausfallen (siehe auch mein Artikel zum Dodo-Bird-Verdict). Allerdings haftet dieser Forschung meiner Meinung eine reduzierte Aussagekraft an, da ihre externe Validität sowohl im Hinblick auf die Repräsentativität der Patienten (Patienten in klinischen Studien sind eher untypisch für die große Masse der Patienten in der Bevölkerung) als auch bezüglich der schulenspezifischen Reinheit der Therapie (die dem in der Praxis üblichen eklektischen Mix sehr fern ist) stark hinterfragt werden muss. Zudem ist die viel interessantere Frage, der sich die klinisch-psychologische Forschung zum Glück inzwischen vermehrt widmet, die nach den Prozessen bzw. Mediatoren, über die Psychotherapie wirkt. Ein sehr heißer Kandidat hierfür ist z.B. schulenübergreifend die therapeutische Beziehung, auch working alliance genannt. Zwar wurden in diesem Sinne bereits (z.B. von Klaus Grawe, der leider verstorben ist) integrative Ansätze zu Wirkmechanismen von Psychotherapie vorgeschlagen, jedoch herrschen in den Köpfen der meisten Forscher und Praktiker noch immer kategoriale Denkweisen vor.

Hierbei handelt es sich allerdings um ein mir weitgehend unverständliches Phänomen, da die Quintessenz, die ich aus meinem Studium in klinischer Psychologie mitnehme, die ist, dass im Grunde, wenn man einmal die Dinge zu Ende denkt, alle psychotherapeutischen Verfahren weitgehend dasselbe beinhalten und lediglich unterschiedliche Begriffe verwenden oder Perspektiven einnehmen. Und ich könnte mir in der Tat sehr gut vorstellen, dass es letztlich hauptsächlich darauf ankommt, ob der Patient diese Begriffe und Perspektiven für sich annehmen kann – sodass etwaige Wirksamkeitsunterschiede zwischen verschiedenen Therapieverfahren am Ende vielleicht genau darauf zurückzuführen sein könnten. Ich weiß nicht, ob Erwartungseffekte in der Psychotherapie bereits dahingehend untersucht wurden, ob eine generelle Wirkungserwartung bzw. ein allgemeiner Glaube an Psychotherapie eine notwendige Bedingung für Veränderung darstellen; so ließe sich in der Tat eventuell Licht ins Dunkel der Frage bringen, ob etwaige weitere Wirkmechanismen der Therapie im Sinne eines Interaktionseffekts erst dann wirksam werden, wenn diese notwendige Bedingung erfüllt ist.

Egal warum – Hauptsache, es wirkt?

Doch rechtfertigt dies die (oft in Bezug auf Homöopathie gehörte) Aussage: „Egal warum es wirkt – Hauptsache, es wirkt“? In Bezug auf psychotherapeutische Verfahren und Medikamente, deren Überlegenheit gegenüber einem Placebo belegt wurde, würde ich ganz klar sagen: Ja – aber mit dem Zusatz, dass es aber durchaus wünschenswert wäre, den Wirkmechanismus genauer zu kennen. Hinsichtlich Medikamenten und Therapien, für die diese Überlegenheit nicht gilt (z.B. Homöopathie), würde ich hingegen sagen: Bevor man hierfür Geld ausgibt, sollte man lieber die günstigere Zuckerpille schlucken – wenngleich die schwierige Crux natürlich gerade darin besteht, bei einer solchen Zuckerpille die notwendigen Wirkungserwartungen auszulösen. Dennoch wäre meine persönliche Empfehlung, dass man bei Zugrundelegung der Nicht-Überlegenheit homöopathischer Mittel gegenüber einem Placebo, deren fragwürdiger Herstellungsweise – und dem oft exorbitant hohen Preis – eher die Finger davon lassen sollte. Ein Ratschlag, den ich auch einigen deutschen Krankenkassen geben würde, von denen, wie ich vor Kurzem voller Entsetzen feststellen musste, eine große Zahl die Kosten für homöopathische Mittel übernimmt, während bei anderen Behandlungsformen, deren Wirksamkeit weitaus besser belegt ist, gerne gegeizt wird. Geht es djedoch nicht um die Frage des Geldes (angenommen, der Referenzwert ist der Preis einer Zuckerpille), sehe ich derweil keinerlei Nachteil darin, den Placeboeffekt voll auszunutzen. Nur leider ist es in der Regel so, dass am anderen Ende des Verkaufstisches, der Massageliege oder des Akupunkturnadelkissens meist kein altruistischer Kommunist steht, sondern in der Regel eine Person, die Geld verdienen möchte.

© Christian Rupp 2014

 

Couch & Klemmbrett: Wie Film & Fernsehen die Psychologie zu einem Heilberuf mach(t)en

Anders als bei den drei zurückliegenden Einträgen bilden die Grundlage von diesem mehrere Diskussionsrunden, an denen ich im Rahmen einer mit dem schrecklichen Namen „World Café“ titulierten Lehrveranstaltung teilgenommen habe. Es ging weder um die Welt, noch gab es Kaffee, aber trotzdem kamen wir gut ins Gespräch, und es war interessant, Erfahrungen und Sichtweisen auszutauschen. Die erste dieser Diskussionsrunden beschäftigte sich mit der Frage, wie man als Psychologe auf Vorurteile bzgl. dieses Berufsbilds reagiert und welches öffentliche Bild der Psychologie wir uns wünschen bzw. erzeugen möchten. Neben den Punkten, auf die ich in vorherigen Einträgen bereits eingegangen bin (Aufklärung in der Schule über Psychologie als Naturwissenschaft) gab es hierbei einige weitere, meiner Meinung nach interessante Denkanstöße. Zum einen haben wir uns – mit Bezug auf den sehr häufigen Kommentar: „Oh, du studierst Psychologie, dann muss ich ja jetzt aufpassen, was ich sage“ – längere Zeit darüber unterhalten, ob dieses „Analysieren-Couch-Image“ und die damit verbundene Angst der Menschen, von ihrem Gegenüber „durchschaut“ zu werden, eventuell typisch für Deutschland sind, da hier (anders z.B. als in den USA, wo immer schon Lerntheorien dominierten) der Einfluss der Psychoanalyse sensu Freud überproportional groß war.

Direkt damit einher geht natürlich das Missverständnis, das sich in der Gleichsetzung von Psychologie und klinischer Psychologie wiederfindet und somit gleichermaßen die Verwechslung dieser Wissenschaft mit einem Heilberuf erklärt. Im Zuge dessen erschien uns aber hinsichtlich der Ursache des verzerrten öffentlichen Bildes vor allem die Rolle von Film, Fernsehen und Nachrichtenmedien als zentral. Zum einen, da Psychologen in Filmen und Fernsehserien typischerweise mit immer wiederkehrenden äußerlichen (Brille, Klemmbrett, obligatorisches Couch-Mobiliar), charakterlichen (weitgehende Skurrilität bis hin zum selbst stark ausgeprägten Neurotizismus) und Verhaltensmerkmalen (analytischer Blick, analytische Interpretationen, Rolle des Ratgebers, dem man seine Probleme schildert) ausgestattet werden. An dieser Stelle sei übrigens angemerkt, dass in der Regel hierbei keine Unterscheidung vorgenommen wird zwischen Psychologen, Psychiatern und Psychotherapeuten, was der beschriebenen Verzerrung noch überdies zuträglich ist. In Nachrichtenformaten hingegen findet sich ein anderes Phänomen: Wann immer (mehr oder weniger seriös und angemessen) von (an den jeweiligen Themen deutlich als solchen erkennbaren) psychologischen Forschungsergebnissen berichtet wird, wird grundsätzlich unterschlagen, dass es wissenschaftlich tätige Psychologen waren, die diese Studie durchgeführt haben. Stattdessen, so fast immer der Wortlaut, heißt es: „Forscher der Universität XY haben herausgefunden, dass…“ (wenn nicht sogar noch das Wort „bewiesen“ anstelle von „herausgefunden“ Verwendung findet). Woher sollen Laien also wissen, dass diese Wissenschaftler Psychologen sind und dass Psychologen nicht nur analytisch ausgerichtete Psychotherapeuten sind? Man kann ihnen im Grunde keinerlei Vorwurf machen.

In Bezug auf die Frage, wie man bei Konfrontation mit diesen enorm hartnäckigen Fehlvorstellungen reagieren kann/sollte/möchte, reichte die Spannbreite der diskutierten Möglichkeiten von der geduldigen, gebetsmühlenartigen Erläuterung der Unangemessenheit dieser Vorstellungen über die (je nach Sympathie zum Gegenüber) Nutzung der beschriebenen Angst vor dem Analysiertwerden – bis hin zum einfachen Umdrehen und Gehen. Ich selbst muss sagen, dass ich es mittlerweile mehr als leid bin, meinen Freunden und Verwandten (nicht meinen engeren Familienangehörigen, die durch meine ältere Schwester und mich bereits genügend „Psychoedukation“ erfahren haben) immer und immer wieder zu erklären, dass mein Studium nicht das Erlernen von Gedankenlesen beinhaltet und sich in unserem Institutsgebäude kaum eine einzige Couch befindet. Noch mehr stören mich aber tatsächlich zwei weitere Dinge, und zwar zu allererst die Tendenz eben solcher Mitmenschen, mein gesamtes Verhalten (von der Art der Fragen bis hin zur Sitzhaltung auf einem handelsüblichen Stuhl) im Lichte meines (angestrebten) Berufes zu deuten – oder sollte ich lieber sagen: im Lichte des Berufsbilds, das auf mich projiziert bzw. mir unterstellt wird?

Der zweite Aspekt ist derweil noch direkter mit jenen verzerrten Vorstellungen verbunden und schließt im Grunde nahtlos an die Gleichsetzung von Psychologie und klinischer Psychologie an. Was ich hiermit meine, ist die radikale Unterschätzung der Vielfalt dieses Fachs und die damit verbundene Nicht-Zuschreibung von Kompetenzen und Wissen, die Psychologen in Wirklichkeit aber gerade auszeichnen und sie von anderen Disziplinen wie z.B. der Pädagogik, aber auch der Medizin, abgrenzen. Oft habe ich bei mir persönlich sogar den Eindruck, dass mich diese Nicht-Zuschreibung noch mehr stört als die geschilderten (falschen) Zuschreibungen. Die Bereiche, auf die ich mich hier explizit beziehe, umfassen einerseits methodische Kenntnisse (insbesondere statistisch-mathematischer Art und solche bzgl. des Designs von Untersuchungen im Allgemeinen) und zum anderen eine Reihe von Wissensbereichen, die genuine Domänen der Psychologie darstellen, z.B. das Thema Intelligenz. Am Beispiel der Intelligenzforschung wird ganz besonders anschaulich, wie groß die Diskrepanz zwischen dem Experten- und dem Laienbild der Psychologie tatsächlich ist – ist es doch so, dass die Intelligenzforschung von Expertenseite als eines der größten Flaggschiffe der Psychologie angesehen wird, während der durchschnittliche Laie einen Intelligenztest (aber auch allgemein das Thema Testkonstruktion) in der Regel nicht mit der Psychologie in Verbindung bringen würde. Ähnliches gilt für den großen Bereich der Neurowissenschaften bzw. der Biologischen/Allgemeinen Psychologie, der, obgleich er ein interdisziplinäres Forschungsfeld darstellt, einen bedeutenden Teil des Psychologiestudiums ausmacht, was kaum ein Laie für gewöhnlich bedenkt.

Doch, wie im vorherigen Eintrag bereits im Fazit formuliert: Da sich die Situation mittelfristig eher wenig ändern wird, sind Gelassenheit und vielleicht auch ein Stück Gleichgültigkeit gefragt. Bis dahin werde zumindest ich, sollte mir nicht irgendwann doch der Geduldsfaden reißen, weiter versuchen, meine Freunde sowie (über diesen eigens zu diesem Zweck eingerichteten Blog) die Öffentlichkeit zumindest ein Stück weit darüber aufzuklären, was Psychologie ist – und was nicht.

© Christian Rupp 2014

 

Über die Frustration im Psychologiestudium – und wie sie sich verhindern ließe

Welche Auffassungen von und Einstellungen zur Psychologie als Natur-, Geistes- oder Sozialwissenschaft findet man bei Schüler_innen der Oberstufe? Und in wieweit hängen diese korrekten oder inkorrekten Auffassungen mit dem Wunsch zusammen, nach dem Abitur tatsächlich Psychologie zu studieren? Hierzu möchte ich auf zwei Studien der Erstautorin Dr. Sabine Fischer eingehen, die sich erstens mit den bei Schüler_innen vorliegenden konzeptuellen Vorstellungen bezüglich der Psychologie und zweitens mit Prädiktoren des Wunsches, Psychologie zu studieren, beschäftigten. Die vorgestellten Ergebnisse zur ersten Studie deuteten zum einen darauf hin, dass die befragten Schüler eine weniger naturwissenschaftliche, dafür aber stärker qualitativ-sozialwissenschaftliche Auffassung der Psychologie aufwiesen (im Vergleich zu befragten Experten). Zum anderen schätzten jene Schüler_innen psychologisches Forschungswissen als eher weniger relevant für die Berufspraxis ein. Die zweite Studie ergab derweil, dass das Wissen über den empirisch-experimentellen Charakter der akademischen Psychologie bei Schüler_innen mit starkem gesellschaftswissenschaftlichen Interesse den Wunsch, Psychologie zu studieren, abschwächte – und dass naturwissenschaftliches Interesse sich hingegen nicht auf den Studienwunsch „Psychologie“ auswirkte.

Ich finde diese Ergebnisse zugleich interessant und enorm wenig überraschend. Schließlich ist es auch in meinem Fall noch nicht so viele Jahre her, dass ich den Entschluss fasste, ein Psychologiestudium zu beginnen, sodass ich mich noch gut in die Lage der befragten Oberstufenschüler_innen hineinversetzen kann. Das verzerrte Image der Psychologie macht eben auch vor den Schulen keinen Halt. Woher sollen Oberstufenschüler_innen wissen, dass die akademische Psychologie (um sie einmal von der Alltagspsychologie zu unterscheiden) eine Naturwissenschaft ist, wenn Ihnen im Pädagogik-Leistungskurs Sigmund Freud als Lichtgestalt der Psychologie vorgestellt wird und der Großteil der unterrichtenden Lehrer selbst weder über ein adäquates Konzept der Psychologie noch über eine wissenschaftliche Ausbildung verfügt? Ich erachte dies als ein grundsätzliches Problem in der deutschen Schullandschaft, auf das ich aber an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchte, da ich dies bereits in den vorigen zwei Einträgen getan habe.

Die Ergebnisse geben meiner Meinung jedoch noch weitere wichtige Impulse. Der Befund, dass das Wissen um die „wahre Gestalt“ der Psychologie bei geisteswissenschaftlich interessierten Befragten den Studienwunsch schmälerte, ist der Schlüssel zu der Frage, wie man die allgegenwärtige Frustration im ersten Semester des Psychologiestudiums vermeiden könnte. Da ich das große Glück hatte, eine zum damaligen Zeitpunkt schon „fertige“ Psychologin als große Schwester zu haben, hatte ich das Privileg, mit realistischen Erwartungen ins Studium zu starten. Gut, dass es aufgrund des Leistungsdrucks und des extremen Lernaufwands die für mich persönlich schlimmsten fünf Jahre meines Lebens werden würden, habe ich zu Beginn nicht geahnt – dass mich zu Beginn viel Mathematik und Neurophysiologie erwarten würde, wusste ich hierdurch aber immerhin. Ganz im Gegensatz zu den meisten meiner Kommiliton_innen, denen die blanke Enttäuschung nur so ins Gesicht geschrieben stand. So äußerte im zweiten Semester beispielsweise eine Kommilitonin mir gegenüber ihre ausufernde Enttäuschung darüber, dass sie in der Vorlesung zur Allgemeinen Psychologie nichts über Traumdeutung nach Freud erfahren hatte. Dies alles ließe sich vermeiden, wenn man angehende Studierende früh genug so weit informieren würde, dass sie vor Beginn des Studiums wissen, worauf sie sich einlassen (eine Art „informed consent“ also). So könnte man einerseits geisteswissenschaftlich Interessierte eine Enttäuschung und viel unnötige Frustration ersparen und andererseits naturwissenschaftlich Interessierte für die Psychologie begeistern, die andernfalls vielleicht in die Biologie oder die Physik abwandern würden. Allerdings sollte man hierbei auch den (relativ einzigartigen) Umstand positiv hervorheben, dass man als Psychologe sowohl Wissenschaftler als auch Praktiker sein kann (scientist-practioner-Modell). Letzteren Aspekt kann und darf man einfach nicht unter den Tisch kehren, wenn man bedenkt, dass die allermeisten Psychologen nach dem Studium eben – auch wenn sie sicherlich im Beruf von ihrer wissenschaftlichen Ausbildung profitieren – tatsächlich nicht als Wissenschaftler arbeiten, sondern klassischerweise therapeutischen oder beratenden Tätigkeiten nachgehen, weshalb ich hier auch festhalten möchte, dass das verzerrte Image (Psychologe = jemand, dem man seine Probleme erzählt) durchaus nicht völlig aus der Luft gegriffen ist.

Neben solchen schulischen Informationsangeboten (die dringend notwendig sind, da die Psychologie im Schulunterricht in der Regel nicht oder falsch repräsentiert ist) ist es meiner Ansicht nach aber auch Aufgabe der Hochschullehrer und Dozenten – die über all diese Fehlkonzepte schließlich Bescheid wissen – etwas sensibler auf diese zu reagieren. Darunter verstehe ich vor allem, diese Diskrepanzen offen anzusprechen und die Studierenden da abzuholen, wo sie stehen, und sie nicht direkt zu Beginn mit Begriffen, Theorien und Denkweisen zu überschütten, zu denen sie keinerlei Bezug haben und auch nicht haben können. Und letztlich muss es vielleicht ja auch nicht das Ziel sein, geisteswissenschaftlich Interessierte „abzuschrecken“: Warum nicht ein bisschen Energie darauf verwenden, solche Schüler_innen für die Psychologie zu begeistern, indem man ihnen zeigt, was sie alles kann? Denn zu bieten hat sie wahrlich genug.

Ich möchte nun noch kurz eine andere Perspektive beleuchten, und zwar die der Relevanz dieser Vorstellungen über die Psychologie in der beruflichen Praxis. Ich denke nämlich, dass die oben beschriebenen Fehlkonzepte (Psychologe = jemand, der einem zuhört und einen analysiert, etc.) für Psychologen in fast allen beruflichen Bereichen von größter Relevanz sind, da sowohl Klienten, Patienten, Kunden & Co. einen mit von der Realität abweichenden Erwartungen konfrontieren, als auch Kollegen anderer Berufsgruppen (Ärzte, Betriebswirte, Juristen…) oft fehlerhafte Erwartungen an einen hegen. Zentral sind hierbei sicherlich vor allem die Reduktion des Psychologenberufs auf einen Heilberuf und die mangelhafte Kenntnis über die wissenschaftlichen Kenntnisse von Psychologen, worauf sehr wahrscheinlich auch die teilweise geringe Anerkennung oder das Belächeln dieses Berufs zurückzuführen sind. Hierbei handelt es sich zweifelsohne um einen Umstand, der Änderungsbedarf birgt. Da man aber leider in absehbarer Zeit keine für alle psychologischen Laien verpflichtende Grundausbildung in Psychologie wird durchsetzen können, ist man, denke ich, als Psychologe gut bedient, wenn man mit der Zeit eine gewisse Gelassenheit entwickelt, die es einem erlaubt, zumindest jede zweite Couch-Anspielung im Sinne der Achtsamkeit wahrzunehmen, nicht zu bewerten und einfach wie die Wolken am Himmel vorbei ziehen zu lassen.

„Das hat ja auch was mit Psychologie zu tun“: Was Psychologen von Hobbypsychologen unterscheidet

Für diesen Eintrag möchte ich gerne eine weitere Frage aus dem Bereich der Wissenschaftskommunikation aufgreifen, und zwar, ob es eigentlich wünschenswert ist oder nicht, wenn in der Wahrnehmung der Bevölkerung eine große Diskrepanz herrscht zwischen dem fachspezifischen Wissensstand eines Experten und dem eines Laien – sowohl in allgemeiner Hinsicht als auch bezüglich der Psychologie als wissenschaftliche Disziplin. Ausgangspunkt für diese Fragestellung sind u.a. Befunde aus Studien, die ergaben, dass über 80% der befragten Laien ihr Wissen über Psychologie schon „aus der alltäglichen Erfahrung heraus“ für ausreichend hielten.

Meines Erachtens muss man an dieser Stelle zweierlei Dinge auseinander halten: zum einen die Frage, ob es sinnvoll und gut ist, wenn Nicht-Experten bezüglich eines bestimmten Themengebietes bzw. einer akademischen Disziplin tatsächlich einen ähnlichen Wissensstand haben wie Experten auf dem jeweiligen Gebiet – und zum anderen, wie man damit umgehen sollte, wenn eine solche Wahrnehmung (einer geringen Diskrepanz) auf der Laien-Seite nicht der Realität entspricht. Letzteres, so kann man sowohl aufgrund empirischer Befunde (z.B. dem, das nur ca. ein Drittel der befragten Laien die Psychologie als wissenschaftlich begründet betrachtet und dass an ihr – zu Unrecht – bemängelt wird, dass sie z.B. im Gegensatz zur Physik keine deterministischen Vorhersagen liefert) als auch auf Basis alltäglicher Interaktionen beobachten, gilt für die Psychologie ohne jeden Vorbehalt.

Aus meiner eigenen Erfahrung mit Freunden, Verwandten & Co. hat sich schrittweise über die Jahre herauskristallisiert, dass die meisten Laien den Begriff „psychologisch“ in sehr ausgedehnter Weise verwenden. Wie oft musste ich mir von scheinbar psychologisch vorgebildeten Laien („Ich habe mal ein Semester Psychologie an der Fernuni Hagen studiert“, „Ich hab’ da letztens was ganz Interessantes über Freud gelesen“, etc.) schon Vorträge darüber anhören, wie der Mensch tickt und die Welt funktioniert, um dann am Ende den von einem Augenzwinkern untermalten, obligatorischen Zusatz zu hören: „Ja, das hat halt auch ganz viel mit Psychologie zu tun“. Aber bevor ich jetzt zu tief in den Sarkasmus abrutsche, komme ich lieber zum Wesentlichen zurück.

Ich bin, was die obigen Fragestellungen angeht, sehr zwiegespalten. Zum einen stört es mich natürlich, wenn andere Menschen (so genannte „Hobbypsychologen“), denen nicht einmal im Ansatz bewusst ist, woraus ein Psychologiestudium besteht und was die Psychologie zu einer Naturwissenschaft macht, vorgeben, den gleichen Wissensstand zu haben wie ich und damit gleichsam die Existenzberechtigung der Psychologie in Frage stellen. Denn das ist im Übrigen der meiner Meinung nach fundamentale, wenn auch triviale Nachteil, wenn Laien auf einem Gebiet nahezu denselben Wissensstand haben wie ein Experte: Wer braucht dann noch eine solche Wissenschaft? Oder anders gesagt: Was wäre dann noch ihre Berechtigung? Ich muss mich an dieser Stelle noch etwas genauer ausdrücken, um nicht einer weiteren wichtigen Überzeugung von mir zu widersprechen – nämlich der, dass die Wissenschaft sich jeglicher Sinnhaftigkeit entzieht, wenn ihre Erkenntnisse für den Großteil der Menschen völlig belanglos und zudem nicht zugänglich sind. Was ich damit meine, ist, dass die Wissenschaft der Menschheit, und nicht nur sich selbst oder den in ihr Forschenden nutzen soll – was, so mein Standpunkt, in der Psychologie (und sicherlich auch in vielen anderen Wissenschaften) oft keineswegs gegeben ist.

Die Frage nach dem vergleichbaren Wissensstand bei Experten und Laien lässt sich derweil für mich relativ einfach beantworten. Ich würde nämlich argumentieren, dass dies bei einer seriösen Wissenschaft (die nicht gerade erst ein Jahr alt ist) überhaupt nicht möglich ist. Wie sollte ein Laie annähernd denselben Wissensstand wie ein Experte erreichen, wenn nicht einmal innerhalb einer Wissenschaftsdisziplin derartige „Universalgelehrte“ existieren, die sich jenseits ihres Fachgebiets mehr als nur rudimentär auskennen. Meinem Eindruck nach ist es der unglaublichen Diversität und Unüberschaubarkeit aller Wissenschaftsdisziplinen geschuldet, dass es zwangsläufig ein Wissensgefälle zwischen Experten und Laien geben muss. Und eine Wissenschaft, bei der ein solches Gefälle in den Augen der Bevölkerung nicht besteht, hat entweder wirklich so wenig zu bieten, dass sie wohl kaum als Wissenschaft gelten kann, oder aber sie ist – wie die Psychologie – Opfer eines fürchterlich verzerrten Images (wie oben beschrieben).

Auf den Aspekt, worauf dieses Image fußt, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen, da ich dies bereits im letzten Eintrag getan habe. Stattdessen möchte ich, nachdem ich eben so über sie hergezogen habe, auch einmal eine Lanze für die „Laienbevölkerung“ brechen. Und zwar deshalb, weil sie nicht völlig Unrecht haben mit ihrem Eindruck, in Sachen „Psychologie“ mitreden zu können. Man muss nun einmal zugeben, dass die Wissenschaft des menschlichen Verhaltens und Erlebens etwas ist, mit dem die meisten Menschen sich (weil sie eben Menschen sind) auf ihre ganz individuelle Art und Weise beschäftigen. Man kann wahrscheinlich guten Gewissens sagen, dass es ein grundsätzliches Motiv des Menschen ist, sich selbst und andere Menschen in ihren Handlungen und in ihrem Erleben zu verstehen. Wenn man sich dies einmal vor Augen führt, wird auch klar, warum nahezu alle Menschen mehr oder weniger implizite oder explizite Theorien über menschliches Verhalten entwickelt haben. Und auch, wenn diesem erfahrungsbasierten Wissen ein zentrales Merkmal der Wissenschaft, nämlich die Objektivität, fehlt, täte es meiner Meinung der wissenschaftlichen Psychologie hin und wieder einmal ganz gut, ein wenig ihre Arroganz abzulegen und diesen von Laien geäußerten Erklärungsansätzen etwas mehr Respekt zu zollen, für einen Moment innezuhalten und zu überlegen, ob diese nicht zumindest eine Orientierung dafür geben können, womit sich psychologische Forschung beschäftigen sollte.

© Christian Rupp 2014

Klinische Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse: Wo gehört Freud nun hin?

Klinische Psychologie

Die Klinische Psychologie als Teilgebiet der Psychologie befasst sich (ebenso wie ihr medizinisches Pendant, die Psychiatrie) mit psychischen Störungen, aber auch mit den psychischen Einflüssen bei auf den ersten Blick rein körperlich bedingten Krankheiten, wie z.B. Kopf- und Rückenschmerzen oder dem Reizdarmsyndrom (wo psychischen und Verhaltensfaktoren eine große Bedeutung zukommt). Diese Richtung ist ganz eng verwandt mit dem medizinischen Fach der Psychosomatik, das sich ebenfalls dem Einfluss psychischer Faktoren auf körperliche Symptome widmet und Körper und Psyche schon lange nicht mehr als getrennte Einheiten, sondern als Bestandteile eines untrennbar miteinander verwobenen Systems betrachtet.

Die Klinische Psychologie ist somit eines der großen Anwendungsfächer im Psychologiestudium. Dass es nur eines von mehreren ist, möchte ich an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich machen, denn in der Laiengesellschaft wird „Psychologie“ oftmals mit „Klinischer Psychologie“ gleichgesetzt bzw. auf diese reduziert. Konkret werden in der Klinischen Psychologie vor allem die Ursachen von psychischen Störungen erforscht und in Bezug auf die verschiedenen Störungen spezifische Modelle für deren Entstehung entwickelt. So werden z.B. in Längsschnittstudien (die die Versuchsteilnehmer über Jahre begleiten) Risikofaktoren (z.B. bestimmte Erlebnisse in der Kindheit, der Erziehungsstil der Eltern, kindliche Verhaltensstörungen, etc.) und Auslösefaktoren (z.B. stressreiche Lebensereignisse) für psychische Störungen erforscht. Ferner wird auch an großen Bevölkerungsstichproben die Häufigkeit psychischer Störungen und deren Verlauf (z.B. episodenweise oder chronisch) untersucht –  zusammengefasst wird dieser Bereich unter dem Begriff „Epidemiologie“. Ein weiteres Gebiet ist außerdem die Experimentelle Psychopathologie, die systematisch mit Hilfe typischer experimenteller Manipulationen Begleiterscheinungen (Korrelate) psychischer Störungen untersucht. Hierzu gehören z.B. die Befunde, dass schizophrene Patienten Beeinträchtigungen bei unbewussten, motorischen Lernprozessen (implizitem Sequenzlernen) aufweisen und ADHS-Patienten sich hinsichtlich bestimmter ereigniskorrelierter Potenziale wie der „P300“ von gesunden Menschen unterscheiden. Befunde der experimentellen Psychopathologie tragen so auch dazu bei, die Ursachen psychischer Störungen besser zu verstehen, da sie Einsicht in Fehlfunktionen der Informationsverarbeitung und somit in „schief laufende“ Gehirnprozesse ermöglichen.

Psychotherapie

Kognitive Verhaltenstherapie

Das für die Praxis relevanteste und wahrscheinlich inzwischen größte Teilgebiet der Klinischen Psychologie ist das der Psychotherapie. Hier werden einerseits, aus den Störungsmodellen abgeleitet, Psychotherapieverfahren (auch Interventionen genannt) entwickelt und andererseits diese im Rahmen kontrollierter Studien auf ihre Wirksamkeit überprüft (daher der Name Psychotherapieforschung). Die Formen von Psychotherapie, die sich aus der wissenschaftlichen Psychologie entwickelt haben und deren Wirksamkeit intensiv erforscht und belegt ist, werden heutzutage unter dem Sammelbegriff „Kognitive Verhaltenstherapie“ (kurz KVT) zusammengefasst, die im deutschen Gesundheitssystem derweil nur als „Verhaltenstherapie“ bezeichnet wird. Hierbei handelt es sich um eine sehr vielfältige Gruppe von erfolgreichen Verfahren, die darauf abzielen, psychische Störungen sowohl durch die Veränderung des Verhaltens, als auch durch die Veränderung kognitiver Strukturen (z.B. festgefahrener Gedankenmuster) zu behandeln. Die KVT ist dabei ein Therapieverfahren, das sich als Methode sowohl des therapeutischen Gesprächs als auch vieler Aktivitäten und Trainings zum Aufbau von Verhaltensweisen bedient, z.B. des Trainings sozialer Kompetenzen. Emotionen, wie z.B. die Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit, die die Depression kennzeichnen, werden hierbei entweder als Konsequenz von Verhalten und Gedanken angesehen und indirekt beeinflusst oder aber in neueren Ansätzen auch direkt angegangen. So basiert die Emotionsfokussierte Therapie nach Greenberg z.B. unter anderem darauf, dass Emotionen intensiv durchlebt werden müssen, um sie zu bewältigen – ein Ansatz, den die Kognitive Verhaltenstherapie zuvor nur aus der Expositions- bzw. Konfrontationstherapie für Angststörungen kannte.

Gesprächspsychotherapie & Gestalttherapie

Neben der kognitiven Verhaltenstherapie gibt es eine zweite Richtung von Psychotherapie, die tatsächlich aus der Psychologie stammt, und das ist die humanistische Psychotherapie (auch klientenzentrierte oder Gesprächspsychotherapie genannt), die sich ausschließlich des Gesprächs bedient und dabei die Leitung des Gesprächs meist dem Patienten überlässt. Begründer dieser Therapierichtung war Carl Rogers, der als die drei Hauptwirkungsmechnismen der Therapie die empathische Grundhaltung und die bedingungslose Wertschätzung des Therapeuten dem Patienten (Rogers nennt ihn Klienten) gegenüber sowie die Echtheit des Therapeuten selbst beschreibt. Letzteres meint, dass der Therapeut sich dem Patienten gegenüber nicht verstellen, sondern authentisch verhalten soll. Ziel des Therapeuten ist es hierbei, dem Patienten keine Ratschläge zu geben, sondern die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Patient sein Problem selbst lösen kann. Eine Weiterentwicklung der Gesprächspsychotherapie nach Rogers ist übrigens die Gestalttherapie nach Perls, die sich allerdings in vielen Punkten von Rogers‘ Vorgehen unterscheidet, z.B. darin, dass der Therapeut sehr viel mehr das Gespräch lenkt und auch konfrontativer vorgeht.

Obwohl die von Rogers vorgeschlagene Art der Psychotherapie nachgewiesenermaßen bereits beträchtliche Verbesserungen bewirken kann, ist sie insgesamt nicht so wirksam wie die Kognitive Verhaltenstherapie, in der aber grundsätzlich die Prinzipien der Gesprächsführung nach Rogers nach wie vor eine bedeutende Rolle spielen. An der Uni Münster z.B., wo ich studiere, gehört das praktische Erlernen dieser Gesprächsführungskompetenzen auch fest zum Psychologiestudium dazu, weshalb das Führen konstruktiver Gespräche und auch der Umgang mit schwierigen Gesprächssituationen im Prinzip auch eine Fähigkeit ist, die nahezu jeden Psychologen auszeichnen dürfte.

Psychoanalyse

Wie Sie vielleicht gemerkt haben, ist der Name „Freud“ bisher nicht gefallen. Das liegt daran, dass ich bisher bewusst nur Psychotherapieformen beschrieben habe, die aus der Psychologie heraus entstanden sind. Freud derweil war Arzt, kein Psychologe, und daher auch keinesfalls der Begründer oder Vater der Psychologie. Er war dafür aber der Begründer der Psychoanalyse, der allerersten Form von Psychotherapie, die er vor über 100 Jahren entwickelte. Während man in der Gesprächspsychotherapie oder der Kognitiven Verhaltenstherapie als Patient dem Therapeuten gegenüber sitzt, legte Freud (und hier kehren wir zu dem Cliché schlechthin zurück) seine Patienten tatsächlich auf die Couch. Das hatte vor allem den Grund, dass Freud sich stark an der Hypnose orientierte, die damals schon bekannt und verbreitet war. Die klassische Psychoanalyse dauert sehr lange (mehrere Jahre bei mehreren Sitzungen pro Woche) und spült dem Therapeuten daher viel Geld in die Kasse. Während der Therapiesitzung liegt der Patient, während der Therapeut außerhalb des Sichtfeldes des Patienten sitzt und eine neutrale Person darstellt, die (ganz im Gegensatz zu Rogers Idee der Echtheit) nichts von sich selbst preisgibt. Während Patient und Therapeut sich in der KVT oder der Gesprächspsychotherapie auf Augenhöhe begegnen, steht der Psychoanalytiker hierarchisch über dem Patienten und hat die absolute Deutungshoheit über das, was der Patient sagt. Es handelt sich insgesamt um eine höchst unnatürliche Gesprächssituation, bei der der Therapeut das tut, was Psychologiestudierenden immer fälschlicherweise vorgeworfen wird: Er analysiert den Patienten bis in die tiefsten Tiefen und stellt dann irgendwann fest, was für ein Konflikt vorliegt.

Intrapsychische Konflikte und ganz viel Sex

Denn die Psychoanalyse erklärt psychische Störungen (ganz grob gesagt) durch intrapsychische Konflikte mit Ursache in der Kindheit, die dadurch geprägt sind, dass ein Bedürfnis oder Trieb (meist sexueller oder aggressiver Art), gesteuert vom so genannten Es, mit einer gesellschaftlichen Norm, repräsentiert durch das Über-ich, nicht vereinbar war oder ist. In der Gegenwart muss die aus diesem Konflikt resultierende Spannung durch irgendwelche ungünstigen Methoden abgewehrt werden, wodurch dann die Störung entsteht, die Freud als Neurose bezeichnet. Als Beispiel soll die Geschichte des „kleinen Hans“ dienen, einer Fallbeschreibung Freuds vom einem kleinen Jungen mit der Angst vor Pferden. Laut Freud hatte der Junge den so genannten Ödipus-Konflikt nicht gelöst, der darin besteht, dass angeblich alle Jungen zwischen 4 und 6 Jahren sexuelles Verlangen (Es) nach ihrer Mutter verspüren, woraufhin sie aber, weil sie wissen, dass ihr Vater als Konkurrent stärker ist und das ganze auch irgendwie nicht so sein sollte (Über-Ich), Angst davor entwickeln, dass der Vater sie kastrieren wird (Kastrationsangst; hier erscheint mir die kleine Anmerkung nützlich, dass sich bei Freud eigentlich grundsätzlich alles um Sex dreht). Laut Freud entsteht das Symptom (die Angst vor Pferden) nun durch eine Verschiebung (einen von vielen verschiedenen Abwehrmechanismen) der Angst, die eigentlich auf den Vater gerichtet ist, auf Pferde. In der Fallbeschreibung wird übrigens auch kurz erwähnt, dass der kleine Hans kurz zuvor von einem Pferd getreten worden war. Aber warum sollte das schon relevant sein? Wäre ja eine viel zu naheliegende Erklärung.

Besserung ist nicht das Ziel

Sie können meinem Sarkasmus entnehmen, dass ich von dieser Therapieform nicht viel bis gar nichts halte, da sie sehr weitreichende und oft abstruse Annahmen macht, die durch keinerlei Befunde der Psychologie gestützt werden. Denn der Psychoanalyse mangelt es im Gegensatz zur Psychologie stark an Wissenschaftlichkeit: Ihr fehlt vor allem das Kriterium der Falsifizierbarkeit, was bedeutet, dass sie keine eindeutigen Aussagen liefert, die man derart überprüfen könnte, dass man je nach Ergebnis die Theorie entweder bestätigen oder verwerfen könnte. Mit anderen Worten. Zudem besitzt die Psychoanalyse die Fähigkeit, psychische Störungen zu verschlimmern, anstatt sie zu heilen. Wie schon der Psychologe Eysenck im Jahr 1952 in einer auf Krankenversicherungsdaten basierenden, zusammenfassenden Studie eindrucksvoll darlegt, liegt der Heilingserfolg der Psychoanalyse nahe 0 bzw. übersteigt nicht das, was durch Zufall zu erwarten wäre. Dies gab die Initialzündung dafür, dass vor ca. 60 Jahren immer mehr Psychotherapien tatsächlich innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie entwickelt wurden und der Psychoanalyse zunehmend Konkurrenz machten. Der riesige Vorteil dieser neuen Verfahren war der, dass diese stets auf wissenschaftlichen Theorien basierten und die Wirksamkeitsüberprüfung im Selbstverständnis der Psychologen bereits fest verankert war. Seit damals hat sich die Psychoanalyse ziemlich stark gegen weitere Wirksamkeitsforschung gewehrt (wen wundert’s?), was aber auch auf einen wichtigen konzeptuellen Unterschied zu anderen Psychotherapieformen zurückzuführen ist: Anders als die Kognitive Verhaltenstherapie oder die Gesprächspsychotherapie verfolgt die Psychoanalyse auch gar nicht das Ziel, dass es dem Patienten am Ende besser geht, also sich die Symotome reduzieren. Das Ziel besteht darin, dem Patienten Einsicht in seine (vermeintlichen) intrapsychischen Konflikte zu geben, damit dieser sich selbst „besser verstehen“ kann. Die Annahme ist, dass dies hinreichend zur Verbesserung ist. Die Realität sieht so aus, dass Patienten meist nach mehreren Jahren Analyse keinen Schritt weiter, sondern eher noch mehr belastet sind durch die Kenntnis über all die (angeblichen) ungelösten Konflikte, die sie mit sich herumtragen. An dieser Stelle sei der Unterschied zur KVT und zur Gesprächspsychotherapie noch einmal ganz deutlich gemacht: Diese Verfahren analysieren das Verhalten und Erleben des Patienten auch, aber auf andere Weise, als die Psychoanalyse es tut. Zum einen wird auf so bizarre Elemente wie den Ödipuskomplex, Kastrationsangst und intrapsychische Konflikte verzichtet, zum anderen orientiert sich die Analyse (von typischen, eingefahrenen Verhaltens- sowie Denkmustern) immer daran, was man in der Folge auch therapeutisch verändern kann, um eben nicht ewig auf der meist lange zurückliegenden Ursache der Störung herumzureiten, sondern nach vorne zu blicken und die Aufrechterhaltung der Störung zu durchbrechen.

Weiterentwicklung: Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Dass die Psychoanalyse, unter dem Label „Analytische Psychotherapie“, in Deutschland zu den Psychotherapieverfahren gehört, die von den Krankenkassen übernommen werden, liegt übrigens nicht etwa an ihrer wissenschaftlichen Basiertheit, sondern vor allem an der großen Lobby, die diese Richtung in Deutschland lange Zeit hatte. Die klassische Psychoanalyse ist heute nur noch sehr selten anzutreffen und ist hauptsächlich unter Ärzten (also hauptsächlich Psychiatern) noch relativ weit verbreitet, eben weil Freud selbst auch Arzt war. „Psychoanalyse“ muss allerdings nicht zwangsweise bedeuten, dass die Lehre von Freud angewandt wird. Freud hatte viele Schüler, die im Laufe ihres Lebens ihre eigenen psychoanalytischen Theorien entwickelt und sich dabei größtenteils deutlich von Freuds Lehre distanziert haben – hierzu zählen z.B. Alfred Adler und Carl Gustav Jung. Abgesehen hiervon gibt es aber auch sehr moderne Weiterentwicklungen der Psychoanalyse, die unter dem Sammelbegriff der „Psychodynamischen Psychotherapie“ oder der „Tiefenpsychologisch fundierten Therapie“ (das ist der offizielle Name der Therapieform im deutschen Gesundheitssystem, die neben der Verhaltenstherapie und der Analytischen Psychotherapie von den Krankenkassen übernommen wird) zusammengefasst werden. Diese haben oft nur noch sehr rudimentäre Ähnlichkeit mit Freuds Ideen und sehen auch eine ganz andere, von mehr Empathie und Gleichberechtigung geprägte Interaktion zwischen Therapeut und Patient vor (unter anderem sitzt der Patient dem Therapeuten gegenüber und liegt nicht). Die Gemeinsamkeit beschränkt sich meist auf die Annahme von ungelösten Konflikten, die ihren Ursprung in der Kindheit haben. Im Gegensatz zur Psychoanalyse begnügt man sich aber nicht nur mit der Einsicht des Patienten, sondern strebt auch eine Veränderung an. In diesem Sinne sind viele moderne psychodynamische Therapieformen der KVT oder der Gesprächspsychotherapie zumindest oberflächlich gesehen recht ähnlich. Eine weitere Errungenschaft dieser weiterentwickelten Therapieform ist die Psychotherapieforschung, die die Wirksamkeit zumindest einiger dieser neuen Verfahren inzwischen belegt hat, was tvor allem auf einige manualisierte, psychodynamische Kurzzeittherapien zutrifft.

Die Begriffe noch einmal im Überblick

Um noch einmal die Begrifflichkeiten zusammenzufassen: Klinische Psychologen sind solche, die sich im Studium und in der darauf folgenden Berufstätigkeit auf psychische Störungen spezialisiert haben. Sie sind in der Regel Experten für das Erscheinungsbild und die Diagnostik psychischer Störungen und kennen sich mit den Ursachen aus. Auch von Psychotherapie haben sie normalerweise eine Menge Ahnung, dürfen diese aber nur im Rahmen einer postgradualen (d.h. nach dem Master- oder Diplomabschluss ansetzenden) Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten oder eben nach deren erfolgreichem Abschluss ausüben, d.h. nach Erteilung der Heilbefugnis (Approbation). Die meisten Klinischen Psychologen sind auch Psychotherapeuten, sodass sich eine große Überlappung ergibt. Psychotherapeuten können derweil entweder kognitiv-verhaltenstherapeutisch, psychoanalytisch, humanistisch oder systemisch (eine weitere, vor allem in der Kinder- und Familientherapie anzutreffende Richtung, auf deren Darstellung ich hier aus Sparsamkeitsgründen verzichtet habe) orientiert sein. Psychiater, die psychotherapeutisch tätig sind, haben derweil meist eine psychodynamische Orientierung.

Übrigens

Als Begründer der Psychologie als experimentell orientierte, empirische Wissenschaft wird Wilhelm Wundt (1832-1920) angesehen, der 1879 das erste „Institut für Experimentelle Psychologie“ gründete, was oftmals als Geburtsstunde der Psychologie betrachtet wird. Wundt war sowohl durch die Physiologie als auch durch die Philosophie geprägt – was erklärt, dass die Psychologie bis heute mit beidem verwandt ist. Sigmund Freuds Verdienste habe ich derweil oben in Auszügen beschrieben. Was viele über ihn allerdings nicht wissen, ist, dass Freud stark kokainabhängig und ein extremer Kettenraucher war. Während er es zu Lebzeiten schaffte, vom Kokain loszukommen, blieb er bis zu seinem Tod stark nikotinabhängig und erkrankte vermutlich infolge dessen schwer an Kieferkrebs. Von dieser extrem qualvollen Erkrankung gezeichnet, setzte er 1939 im Londoner Exil (Freud war, obwohl atheistischer Religionskritiker, jüdischer Abstammung) seinem Leben ein Ende. So kann es eben leider auch enden. Und so endet auch die vierteilige Reihe von Artikeln darüber, was Psychologie ist und was nicht.

Jenseits psychischer Störungen: Wo Psychologen sich sonst noch überall auskennen

Im vorherigen Artikel habe ich dargestellt, warum Psychologen ebenso wie Physiker, Chemiker, Biologen oder Soziologen Ahnung davon haben, wie man (Natur-)Wissenschaft betreibt und daraus abgeleitetes Wissen dahingehend beurteilen kann, ob es vertrauenswürdig ist oder nicht. In diesem Artikel soll es nun darum gehen, wovon Psychologen neben ihrer wissenschaftlichen Kompetenz sonst noch so Ahnung haben und in welche beruflichen Bereiche verschiedene Schwerpunktsetzungen und Spezialisierungen führen können. Dabei nutze ich diesen Artikel ganz bewusst, um all die Bereiche vorzustellen, die nichts direkt mit psychischen Störungen zu tun haben (was ja leider die verbreitete Auffassung über den Inhalt des Psychologiestudiums ist). Die Klinische Psychologie werde ich daher gesondert im nächsten Artikel vorstellen und diese Gelegenheit nutzen, um endlich das größte Irrtum überhaupt aufzuklären. Aber nun zurück zu den vielen anderen Unterbereichen der Psychologie, bei deren Darstellung ich mich in etwa an die Reihenfolge im Studium halten und mich von den Grundlagen- zu den Anwendungsfächern bewegen werde.

Allgemeine Psychologie & Kognitive Neurowissenschaft

Dieses Grundlagenfach mit dem Doppelnamen, unter das ich die Fächer „Biologische Psychologie“ und „Physiologie“ einmal subsumieren möchte, betrachtet den Menschen als Wesen, das Informationen aus seiner Umwelt verarbeitet und interessiert sich im Groben für die Art und Weise, wie diese Informationsverarbeitungsprozesse im Gehirn ablaufen. Daher gehört hierzu als Thema zu allererst die Wahrnehmung – von unseren Sinnesorganen bis zu den höchsten Verarbeitungsstufen im Gehirn. Dabei stößt man dann z.B. auf Gehirnareale, die auf die Verarbeitung von Gesichtern oder Schachmustern spezialisiert sind oder erfährt etwas über spezielle, auf Hirnschäden zurückgehende Störungen der Wahrnehmung, wie z.B. die Prosopagnosie – die Unfähigkeit, Gesichter wahrzunehmen und zu unterscheiden (wobei die visuelle Verarbeitung ansonsten völlig intakt ist). Eine weitere wichtige Sparte in diesem Fach ist das Gedächtnis. So lernt man im Studium beispielsweise Modelle über den Aufbau und die Funktionsweisen der verschiedenen Teile unseres Gedächtnisses (u.a. Arbeitsgedächtnis & Langzeitgedächtnis) kennen, ebenso wie natürlich die dazu gehörigen Forschungsmethoden und Störungen des Gedächtnisses (Amnesien und Demenzen). Eine Studie, die sich mit den dem Gedächtnis zugrunde liegenden Prozessen im Gehirn beschäftigt, habe ich im vorletzten Artikel beschrieben. Des Weiteren gehören zu diesem Fach die Themen Aufmerksamkeit, Denken & Problemlösen, Emotion & Motivation und Sprache. Ja, Psychologen beschäftigen sich auch intensiv mit der menschlichen Sprache, was kaum jemand weiß. Dabei sind die Fragen danach, wie wir im Gehirn Sprache verarbeiten (sowohl verstehen als auch selbst produzieren) ein ziemlich altes und sehr etabliertes Forschungsgebiet der Psychologie. Und auch hierzu gehört natürlich die Kenntnis über Störungen der Sprache (genannt Aphasien), die z.B. nach Schlaganfällen auftreten können.

Insgesamt erklärt sich aus der Existenz dieses Faches, warum alle Psychologen in ihrem Studium eine Menge von Dingen lernen müssen, die z.B. Medizinstudierenden auch begegnen. So kommt keiner durchs Psychologiestudium, ohne ziemlich genau den Aufbau des Gehirns und die Funktion verschiedener Gehirnareale, den Aufbau des gesamten Nervensystems, die Funktionsweise seiner Nervenzellen, die Eigenschaften von Hormonen und Neurotransmittern und die Funktionsweise von Untersuchungsverfahren für das Gehirn (EEG, MEG, PET, fMRT, etc.) zu kennen. Da man die Wege der Wahrnehmung kennen muss, gehört auch die Kenntnis des Aufbaus unserer Sinnesorgane (Augen, Ohren inkl. Gleichgewichtsorgan, Nase, Zunge, Berührungs- und Schmerzwahrnehmung) dazu. Wenn man sich auf diesem Gebiet spezialisiert, landet man als Psychologe entweder in der Wissenschaft und forscht zu einem der beschriebenen Themen, oder aber man ergreift das praktische Berufsfeld des Neuropsychologen, dessen Tätigkeit die präzise Diagnostik und darauf folgende Therapie von neurologisch bedingten Störungen in den oben beschriebenen Bereichen ist, wie sie z.B. nach einem Schlaganfall auftreten.

Entwicklungspsychologie

In diesem Fach lernt man im Wesentlichen, wie die normale psychische Entwicklung bei Kindern ablaufen sollte und ab wann etwas als nicht mehr normal anzusehen ist. Hierzu gehören z.B. die sprachliche Entwicklung, die kognitive und Intelligenzentwicklung, die emotionale Entwicklung und auch die Entwicklung motorischer Fähigkeiten. Ein zentraler, für die Praxis relevanter Punkt ist hierbei das Erkennen von Entwicklungsverzögerungen, die beispielsweise auf eine geistige Behinderung oder eine tiefgreifende Entwicklungsstörung hinweisen können. Die Entwicklungspsychologie hat aber auch sehr interessante Experimente zu bieten, die uns eine Einsicht darin gewähren, wie kleine Menschen die Welt um sich herum so wahrnehmen. Bekannt geworden ist vor allem der „Spiegeltest“, bei dem man schaut, wie ein Kind auf sein Spiegelbild reagiert, d.h. ob es erkennt, dass es sich selbst betrachtet. Dieses Erkennen setzt das Vorhandenensein eines Selbstkonzeptes voraus, d.h. eines „Ich-Bewusstseins“. Dieses weisen Kinder in der Regel im Verlauf des zweiten Lebensjahres auf, was man im Spiegeltest z.B. damit nachweisen kann, dass das Kind sich einen roten Punkt, den man ihm auf die Stirn geklebt hat, selbst wieder abnimmt. Das Fehlen dieses Selbstkonzeptes wird übrigens auch als eine Ursache für das Phänomen diskutiert, dass wir uns an unsere ersten 2 Lebensjahre in der Regel nicht erinnern können – weil vorher Erinnerungen nicht in Bezug auf das Selbst abgespeichert werden können (was wiederum nötig ist, um sie später im Leben noch abrufen zu können).

Zeitlich nach dem Selbstkonzept entwickelt sich derweil erst die Theory of Mind, die, kurz gesagt, die Fähigkeit beschreibt, anderen Menschen Gedanken, Absichten, etc. zuzuschreiben und hierauf zu reagieren (eine Fähigkeit, die bei z.B. bei Autismus eingeschränkt ist). Der bekannteste wissenschaftliche Vertreter der Entwicklungspsychologie ist sicherlich bis heute Jean Piaget, dessen Befunde zur kognitiven Entwicklung von Kindern großen Einfluss auf die Pädagogik genommen haben. Allerdings deutet inzwischen eine Vielzahl von neueren Forschungsergebnissen darauf hin, dass Piaget, ganz grob gesagt, die kognitiven Fähigkeiten von Kleinkindern stark unterschätzt hat. Psychologen, die sich heutzutage in der Entwicklungspsychologie spezialisieren, sind entweder auch in der Forschung tätig oder üben ähnliche diagnostische Tätigkeiten wie Neuropsychologen aus, nur eben mit Kindern. Das Fach ist zudem mit der Pädagogischen Psychologie verwandt (siehe weiter unten).

Sozialpsychologie

Wie schon im vorletzten Artikel vorgestellt, beschäftigt sich die Sozialpsychologie damit, wie das menschliche Verhalten und Erleben durch das Verhalten anderer Menschen, oder, allgemeiner gesagt, durch soziale Situationen beeinflusst wird. Aus der Sozialpsychologie stammt z.B. viel Forschung dazu, wie sich Menschen in Gruppen verhalten und wie insbesondere immenser sozialer Druck (z.B. durch Befehle in einem autoritären System) das Verhalten von Menschen auch gegen deren eigene Überzeugungen oder Persönlichkeitseigenschaften steuern können. So waren nach dem zweiten Weltkrieg viele Studien davon geprägt, dass man verstehen wollte, wie es in Deutschland zu einer so verheerenden Kastastrophe wie dem Emporkommen der Nazis und der Shoa kommen konnte. Viele dieser Experimente haben auch in der Laiengesellschaft große Berühmtheit erlangt, darunter z.B. das Stanford-Gefängnisexperiment von Zimbardo aus dem Jahr 1971.

Zimbardo untersuchte unter realistischen Bedingungen, wie Probanden, denen zufällig entweder die Rolle eines Insassen oder eines Gefängniswärters zugewiesen wurde, sich über die Zeit hinweg verhielten, wenn sie selbst während des gesamten Experiments anonym handelten. Das Experiment lieferte jedoch so massive Einblicke in die Grausamkeiten menschlichen Verhaltens (Gewaltexzesse, Folter…), dass es vorzeitig abgebrochen wurde. Es hat jedoch gezeigt, wie groß der Einfluss von Regeln und Vorschriften sowie von Anonymität (bzw. Deindividuierung) und der Übernahme einer Rolle (Insasse vs. Gefängniswärter) auf zwischenmenschliches Verhalten ist. Die gewaltsamen Exkalation des Experiments hat nicht zuletzt auch dazu beigetragen, dass die Ethikrichtlinien für psychologische Forschung sehr viel strenger geworden sind. Heutzutage ist es selbstverständlich, dass die Teilnehmer an einem psychologischen Experiment vor ihrer Zustimmung zur Teilnahme über das informiert werden, was passieren wird (informed consent), dass ihnen kein Schaden zukommt und dass sie jederzeit aus dem Experiment aussteigen können. Sozialpsychologen sind typischerweise Wissenschaftler, eine praktische Berufsrichtung gibt es nicht direkt. Allerdings werden sehr viele sozialpsychologische Ergebnisse in der Organisationspsychologie, einem primär anwendungsorienerten Fach, das ich gleich noch vorstellen werde, verwendet.

Differentielle Psychologie bzw. Persönlichkeitspsychologie

Im Gegensatz zur Sozialpsychologie versucht dieses Fach, das Verhalten von Personen nicht durch die soziale Situation zu erklären, sondern durch relativ stabile, der Person innewohnende Persönlichkeits- oder Charaktereigenschaften (auf Englisch traits). Sie untersucht daher zum einen, in welchen Eigenschaften sich Personen unterscheiden (das meint differentielle Psychologie), und zum anderen, welcher Art der Zusammenhang zwischen Persönlichkeitseigenschaften und tatsächlichem Verhalten ist. Zum ersten Thema ist der wohl bekannteste, auf Faktorenanalysen beruhende Befund der „Big 5“ zu nennen  –  fünf globaler Eigenschaften, unter denen sich sämtliche Charaktereigenschaften, die wir im Alltag zur Beschreibung einer Person verwenden, zusammenfassen lassen. Eine Beschreibung der Big 5 finden Sie hier. Zum zweiten Thema lässt sich sagen, dass Persönlichkeitseigenschaften zwar nicht irrelevant in der Vorhersage von Verhalten sind (dass ein introvertierter Mensch freitags abends eher nicht in die Disco gehen wird, leuchtet ein), jedoch keine so guten Vorhersagen liefern wie persönliche Motive, die manche ebenfalls zur Persönlichkeitspsychologie rechnen und andere eher zur Allgemeinen Psychologie. Eine weitere ganz zentrale Domäne der Differentiellen Psychologie (und wahrscheinlich die am besten erforschte) ist außerdem die Intelligenz, inklusive ihrer Unterformen und Facetten. Die Erkenntnisse der Persönlichkeitspsychologie werden sowohl in der Arbeits- und Organisationspsychologie (z.B. als Variablen zur Beurteilung der Passung zwischen Bewerber und Arbeitsplatz) als auch in der klinischen Psychologie und Psychotherapie (z.B. als relevanter Faktor in Bezug auf die Entstehung einer psychischen Störung) sowie in der forensischen Psychologie (Warum werden Menschen kriminell?) genutzt.

Psychologische Diagnostik

In diesem Fach lernt man nicht primär, psychische Störungen zu diagnostizieren, sondern es geht darum, wie sich verschiedene Merkmale einer Person durch Tests, Fragebögen, Verhaltensbeobachtung, zielorientierte Gesprächsführung etc. erfassen bzw. möglichst verlässlich und präzise messen lassen. Die wichtigsten Mermale hierbei sind die allgemeine Intelligenz (auch bezeichnet als kognitive Leistungsfähigkeit) sowie ihre verschiedenenen Unterfacetten und die Persönlichkeitsstruktur einer Person (Charaktereigenschaften, Einstellungen, Motive, etc.). Darüber hinaus gibt es natürlich Tests, die weitere kognitive Leistungen wie Aufmerksamkeit und Konzentration messen, und klinische Fragebögen, die Symptome verschiedener psychischer Störungen erfassen. Zum Fach „Psychologische Diagnostik“ gehört auch die Testtheorie, die sich damit beschäftigt, wie man solche psychologische Tests konstruiert, die gültige Aussagen über eine Person liefern. Was man unter psychometrischen Gütekriterien versteht, die solche Tests erfüllen müssen, können sie hier nachlesen; was Beispiele für gute und schlechte Tests sind, finden Sie zudem hier bzw. hier erklärt. Die Kenntnis darüber, wie man solche Tests und Fragebögen konstruiert (was alles andere als trivial ist), erachte ich neben den grundlegenden wissenschaftlichen und statistischen Kenntnissen als eine der wertvollsten, die man sich im Psychologiestudium aneignet.

Im Rahmen der psychologischen Diagnostik gibt es eine Menge von beruflichen Anwendungsfeldern. So kommen diagnostische Verfahren z.B. in der Auswahl von Bewerbern zum Einsatz, oft im Rahmen von Assessment Centern. Ebenso ist psychologische Diagnostik z.B. bei der Agentur für Arbeit oder bei Berufsförderungswerken gefragt, um zu entscheiden, ob z.B. jemand für eine bestimmte Umschulung geeignet ist. Ebenso ergänzen standardisierte klinisch-diagnostische Verfahren die Diagnostik in der Psychotherapie. Ein wichtiges Anwendungsfeld der psychologischen Diagnostik ist zudem die Verkehrspsychologie: Im Rahmen der medizinisch-psychologischen Untersuchung (kurz MPU, auch bekannt als „Idiotentest“) spielen die diagnostischen Kompetenzen von Psychologen eine entscheidende Rolle dabei, z.B. zu beurteilen, ob auffällig gewordenen Verkehrsteilnehmern die Fahrerlaubnis wieder erteilt werden sollte oder nicht. Viele Psychologen sind zudem auch als Gutachter vor Gericht tätig, wobei die Themen sehr verschieden sein und von Sorgerechtsentscheidungen („Was entspricht dem Wohl des Kindes?“) über verkehrspsychologische Fragestellungen bis hin zur Glaubhaftigkeitseinschätzung von Zeugenaussagen reichen können. Bei solchen Fragenstellungen werden, um die diagnostischen Fragen zu beantworten, dann eher bestimmte diagnostische Gesprächsführungstechniken als Tests und Fragebögen zum Einsatz kommen, die ebenfalls Teil der Ausbildung in psychologischer Diagnostik sind und welche daher auch zum absoluten Standardrepertoire eines jeden Psychologen gehören.

Arbeits- & Organisationspsychologie

Dieses, neben der Klinischen Psychologie zweite große Anwendungsfach der Psychologie wendet psychologische Erkenntnisse in der Arbeitswelt an. Die Arbeitspsychologie fußt dabei eher auf der Allgemeinen Psychologie und ist konzeptuell mit den Ingenieurwissenschaften verwandt. So kümmern sich Arbeitspsychologen z.B. darum, Arbeitsabläufe in einer Fertigungshalle zu optimieren, Maschinen ergonomisch zu gestalten (also so, dass die Bedienbarkeit möglichst an den Menschen angepasst wird) oder Arbeitsabläufe durch Veränderungen an Menschen und Maschinen sicherer zu machen. Die Organisationspsychologie beschäftigt sich derweil hauptsächlich mit dem Personal (genannt human resources) in einer Organisation (meist einem Unternehmen) und basiert stark auf der Sozialpsychologie. Wichtige Felder innerhalb der Organisationspsychologie sind die Personalauswahl (wofür diagnostisch-psychologische Kenntnisse besonders wichtig sind, siehe oben) und die Personalentwicklung, die darauf abzielt, die Kompetenzen vorhandener Mitarbeiter durch Trainings- und Coachingmaßnahmen auszubauen, damit diese z.B. überzeugender auftreten oder besser mit Kunden interagieren können – ergo, um dem Unternehmen mehr Profit zu bringen. Zentral ist auch die Anwendung der sozialpsychologischen Befunde zur Gruppeninteraktion, da Teamarbeit in der freien Wirtschaft gerade absolut en vogue ist. Angegliedert an dieses Fach ist auch die Wirtschaftspsychologie, die sich z.B. mit Werbetechniken und den psychologischen Prozessen beschäftigt, die Phänome wie der Finanzkrise erklären können.

Pädagogische Psychologie

Auch wenn ich (Achtung Sarkasmus) im Studium nicht so richtig die Daseinsberechtigung dieses weiteren Anwendungsfaches verstanden habe, was ich größtenteils auf seine allumfassende Schwammigkeit zurückführe, möchte ich hier kurz beschreiben, worum es so in etwa geht. Die Pädagogische Psychologie (kurz PP) könnte man am ehesten als die empirische Mutter der Pädagogik bezeichnen – d.h., das, was angehende Lehrer in ihrem Studium lernen, basiert zu einem Großteil auf Befunden der PP. So werden z.B. die optimale Interaktion zwischen Lehrern und Lernenden oder die effektivste Art der Wissensvermittlung untersucht (ironischerweise genau das, was ich hier gerade tue). Daraus abgeleitet ist auch die Forschung zu den Merkmalen, die eine effektive Beratung kennzeichnen. Zudem ist ein weiterer Zweig der PP die Hochbegabungsforschung, die sich vor allem mit der Vorhersage und der Förderung von Hochbegabung beschäftigt. Die Anwendungsbereiche der PP sind vielfältig. Psychologen mit dieser Orientierung arbeiten z.B. in Erziehungs- oder Paarberatungsstellen, in der Hochbegabtenförderung oder in Schulen als Schulpsychologen, die meistens aber eine hoch undankbare Stellung zwischen Lehrern und Schülern einnehmen.

Soft-Skills: Gesprächsführung, soziale Kompetenzen & Co.

Wie in fast jedem Studium auch nimmt man aus dem Psychologiestudium eine Menge so genannter soft skills mit, also Fertigkeiten und Kompetenzen, die man mehr oder weniger automatisch mit auf den Weg bekommt. Dazu gehören bei Psychologen vor allem soziale Kompetenzen, sowohl eine effektive Teamarbeit betreffend als auch z.B. das selbstsichere Auftreten und Sprechen beim Halten einer Referatspräsentation vor anderen. Gesprächsführung ist, wie oben ja schon mehrfach angeklungen ist, wohl im Psychologiestudium die kennzeichnendste dieser Fertigkeiten, die je nach Uni unterschiedlich ausführlich vermittelt wird. Gemeint ist damit zum einen die diagnostische Gesprächsführung, mit der man möglichst viel über einen Menschen erfahren will, und zum anderen die therapeutische Gesprächsführung, die darauf abzielt, Veränderungsmotivation aufzubauen („Motivational Interviewing“), Dinge zu hinterfragen und Veränderungen einzuleiten. Diese Grundlagen schon im Studium zu erlernen, ist sinnvoll, da man, wenn man z.B. anschließend noch die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten machen will, auch schon zu Beginn der Ausbildung relativ selbstständig Therapien durchführen muss. Und auch in anderen Bereichen wie der Beratung oder der Personalentwicklung ist Gesprächsführung das Werkzeug Nr 1. Letztlich ist diese, neben der wissenschaftlichen Kompetenz und dem breiten Fachwissen, diejenige Kompetenz, für an Psychologen in der Arbeitswelt am meisten geschätzt wird. Und auch wenn es sich trivial anhört („Gespräche führen kann doch jeder“), so ist es alles andere als das – was jeder schnell merkt, der es sich zu einfach vorstellt und dann vollends gegen die Wand fährt.

Und um zum Cliché des Analysierens zurückzukehren, ist zumindest mein Eindruck, dass man nach dem Studium einen anderen Blick auf Menschen hat. Man hinterfragt viel mehr, warum Menschen sich so verhalten, wie sie es tun, macht sich Gedanken über die bewussten oder unbewussten Ziele, die jene damit verfolgen, und fragt sich vielleicht auch, welche Erfahrungen in der Vergangenheit die Person zu dem gemacht haben, was sie heute ist. So kommt man z.B. eher als andere Menschen auf die Idee, dass ein angeberisches, egoistisches A*schloch vielleicht über eine narzisstische Persönlichkeitsstörung verfügt, die eigentlich auf einem furchtbar niedrigen Selbstwert fußt. Ob man denjenigen danach weniger hasst, ist die andere Frage. Als Psychologe muss man dann meiner Erfahrung nach in zweierlei Hinsicht aufpassen. Erstens muss man in der Lage sein, den „analytischen Blick“ ausschalten zu können, weil sich Freunde oder Familie sonst zurecht in die Ecke gedrängt fühlen werden. Zweitens muss man aufpassen, sich selbst nicht zu stark zu „analysieren“, da man unglaublich schnell auf Dinge stößt, die man vielleicht aufgrund seines Fachwissens als gefährlich einstuft. Meine Erfahrung ist, dass man darüber sehr schnell ins Grübeln kommt und man sich in der Folge schlecht fühlt, weshalb es wichtig ist, sich von solchen Gedanken auch wieder distanzieren zu können. Was ich hier mit „analysieren“ meine, ist übrigens nicht dasselbe, was Sigmund Freud hierunter verstanden hat. Darüber erfahren Sie mehr im nächsten Artikel.

Eine weitere wichtige Sache, die man im Psychologiestudium lernt, ist, mit der Situation umzugehen, dass man permanentem Leistungsdruck ausgesetzt ist, der einerseits aufgrund der extrem hohen Anforderungen und des massiven Lernaufwands (der meistens leider ein Auswendiglern-Aufwand ist) objektiv besteht, aber andererseits durch die Charakteristika der Menschen, die Psychologie studieren, noch verschlimmert wird. Stellen Sie sich vor, Sie sind in der Mehrzahl von Leuten umgeben, die ihr Abitur mit ca. 1,3 oder besser gemacht haben (oder im Masterstudium ihren Bachelor, was nochmal eine ganz andere Hausnummer ist). Im Normalfall sind das nicht die sympathischsten Menschen: Viele sind von ihrem Ehrgeiz leider so besessen, dass das inhaltliche Interesse am Fach in den Hintergrund rückt. Hauptsache top-Noten und Hauptsache besser als die anderen. Sie können sich vorstellen, was für Themen Sie in der Cafeteria erwarten, wenn man es nicht schafft, sich ein paar normale Freunde zu suchen. In der Folge und zum Abschluss ein kleiner typischer, von mir mit Sarkasmus und Zynismus gespickter Dialog, der einem dort begegnen könnte:

„Und, was hattest du für eine Note in Physiologie? Ich hatte ja eine 1,3.“ (Gedanklich: „Wehe, die blöde Kuh hat was Besseres!“)

„Ich hatte eine 1,0, dabei war ich mir totaaal sicher, dass ich durchgefallen bin, hihi!“ (Gedanklich: „Chakka!“)

„Hey cool, herzlichen Glückwunsch! Vielleicht sollte ich mal zur Klausureinsicht gehen, um zu gucken, ob die vielleicht was übersehen haben“ (Gedanklich: „Dass diese dumme Pute besser ist als ich, geht einfach mal GAR nicht. Ich hasse sie!“)

„Ja, mach das doch. Hast du denn eigentlich schon angefangen, für Entwicklungspsychologie zu lernen?“ (Gedanklich: „Hoffentlich bin ich ihr schon um Meilen voraus!“)

„Ja klar, bin schon längst fertig und muss nur nochmal wiederholen; jetzt erst anzufangen mit dem Auswendiglernen, wäre ja wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt“ (Gedanklich: „Als ob ich der jetzt auch noch den Trumpf erlauben würde! Warum sollte ich ihr sagen, dass ich erst vorgestern angefangen habe?“)

„Achso, ja cool. Ich komme auch super voran“ (Gedanklich: „Mist, ich muss mich echt beeilen – Wie soll ich das bloß schaffen? Ich verkacke bestimmt und schreibe eine 2,0 oder so. Ich bin einfach zu dumm!“)

Ergebnis: Beide fühlen sich beschissen.

Wie Sie sehen: In dieser widrigen Umwelt muss man sich erst einmal zurechtfinden. Daher ist vielleicht das Wichtigste, das man im Psychologiestudium lernt, an sich selbst zu glauben. Aber der Fairness halber muss ich doch sagen, dass zum Glück nicht alle so drauf sind und ich in meinem Studium bisher auf viele sehr nette Leute gestoßen bin:-).

© Christian Rupp 2013

Warum Psychologie mehr mit Mathematik als mit einer Couch zu tun hat

Die landläufige Ansicht ist die, dass man, wenn man Psychologie studiert, vor allem lernt, andere Menschen zu analysieren und dass man in beruflicher Hinsicht grundsätzlich nur mit psychisch Kranken („Verrückten“) zu tun hat. Nun, liebe Leserin bzw. lieber Leser – dies könnte nicht weiter an der Realität vorbei gehen. Was jedoch zutrifft, ist, dass auch ein sehr großer Teil derjenigen, die sich nach dem Abitur für ein Psychologiestudium entscheiden, diese Entscheidung auf Basis eines ähnlich falschen Bildes trifft und sich dann im ersten Semester wundert, warum irgendwie niemand ihnen etwas von Traumdeutung von verdrängten Bedürfnissen erzählt.

Wenn man sich die Inhalte des Psychologiestudiums ansieht, stellt man fest: Knapp die Hälfte der Lehrinhalte besteht aus Methodenlehre, Statistik, experimentellen Forschungspraktika und Dingen wie Testtheorie, Fragebogenkonstruktion und wissenschaftlicher Datenanalyse – mit anderen Worten: aus jeder Menge Mathematik und Computerarbeit. Zudem muss man das Studium mit einer eigenen wissenschaftlichen Arbeit (der Bachelor- und Masterarbeit oder im alten Diplomstudiengang der Diplomarbeit) abschließen, für die jeweils eine eigene empirische Untersuchung durchgeführt und ausgewertet werden muss. Wozu nun das ganze? Nun, wie schon im vorausgehenden Artikel beschrieben, ist die Psychologie eine empirische Naturwissenschaft, und ein wesentliches Hauptziel des Studiums besteht darin, die Studierenden zu Naturwissenschaftlern auszubilden – mit allem, was dazu gehört. Konkret bedeutet dies zweierlei: die Kenntnis wissenschaftlicher Methoden und Kenntnisse in der statistischen Datenanalyse.

Erstens gilt es (grob gesagt), sich Expertise darüber anzueignen, wie man welchen Forschungsfragen auf den Grund gehen kann. Hierzu gehört die komplette Gestaltung einer solchen Studie bzw. eines solchen Experiments, aus dem man dann am Ende auch tatsächlich aussagekräftige Schlussfolgerungen ziehen kann. Und das tatsächlich hinzubekommen, ist alles andere als leicht und rechtfertigt durchaus, dass nicht nur in den Methodenfächern selbst (die dann so schöne Namen haben wie „Forschungsmethoden der Psychologie“, „Versuchsplanung“ oder „experimentelles Forschungspraktikum“), sondern in allen Fächern Wert darauf gelegt wird, die Prinzipien guter psychologischer Forschung deutlich zu machen. Im Hinblick auf das, was man bei der Planung eines psychologischen Experiments alles falsch machen kann, sind vor allem die interne und externe Validität zu nennen. Nehmen wir als Beispiel ein Experiment, in dem der Einfluss der Arbeitsbelastung auf das Stressempfinden von Probanden untersucht werden soll (eine ganz typische psychologische Fragestellung: Was ist der Einfluss von X auf Y?).

Interne Validität: Welchen Einfluss untersuche ich?

Die interne Validität ist gegeben, wenn Veränderungen in der abhängigen Variablen (Stressempfinden) ausschließlich auf die experimentelle Manipulation (also vom Versuchsleiter gesteuerte Veränderung) der unabhängigen Variablen (Arbeitsbelastung) zurückzuführen sind. Wenn aber in der Situation des Experiments noch andere Einflüsse vorhanden sind (so genannte Störvariablen), z.B. zusätzlicher Druck durch andere Probanden im selben Raum, dann weiß man ganz schnell schon nicht mehr, worauf etwaige Veränderungen der abhängigen Variablen (Stressempfinden) zurückzuführen sind: auf die experimentell kontrollierte Arbeitsbelastung oder auf die Anwesenheit der anderen Probanden? In diesem Fall ist die Lösung einfach: Jeder Proband muss einzeln getestet werden. Danach wären jedoch immer noch Einflüsse von anderen Störvariablen möglich: So könnte es z.B. eine Rolle spielen, ob der Versuchsleiter sich den Probanden gegenüber eher kühl-reserviert oder freundlich-motivierend verhält (ein so genannter Versuchsleiter-Effekt). Die Lösung hierfür wären standardisierte Instruktionen für jeden Probanden. Was ich hier beschreibe, sind, an einem sehr einfachen Beispiel dargestellt, typische Vorüberlegungen, die man vor der Durchführung einer psychologischen Studie unbedingt durchgehen sollte, um nicht am Ende ein Ergebnis ohne Aussagekraft zu haben. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, wird das ganze umso komplizierter, je schwieriger und spezifischer die Forschungsfrage ist. Besonders in der kognitiven Neurowissenschaft, wo es um die Untersuchung von Prozessen im Gehirn geht, kann dies schnell extreme Komplexitätsgrade annehmen. Was man daher unbedingt braucht, ist das Wissen aus der Methodenlehre, kombiniert mit spezifischem Wissen über dasjenige Fachgebiet, in dem man gerne forschen möchte.

Externe Validität: Gilt das Ergebnis für alle Menschen?

Die externe Validität ist derweil gegeben, wenn (die interne Validität vorausgesetzt), das Ergebnis der Studie verallgemeinerbar ist, d.h. repräsentativ. Dies ist vor allem eine Frage der Merkmale der Stichprobe (die Gruppe von Probanden, die man untersucht). Vor allem interessiert dabei deren Größe (bzw. Umfang), die insbesondere aus statistischer Sicht zentral ist, sowie deren Zusammensetzung. So leuchtet einem ziemlich gut ein, dass das Ergebnis einer Studie nur dann Aussagen über alle Menschen ermöglicht, wenn die Stichprobe auch repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist – also z.B. nicht nur weibliche Studierende einer bestimmten Altersklasse und einer bestimmten sozialen Schicht enthält. Tatsächlich konnte allerdings für sehr viele psychologische Merkmale gefunden werden, dass sie überraschend unabhängig von solchen Unterschieden sind, sodass die externe Validität häufig eine untergeordnete Rolle spielt (was allerdings auch mit daran liegt, dass es sehr aufwändig und teuer ist, repräsentative Stichproben zusammenzusetzen – Psychologiestudierende sind aufgrund der guten Verfügbarkeit einfach dankbare Versuchspersonen:-)).

Die operationale Definition: Messe ich, was ich messen will?

Neben interner und externer Validität ist auch die operationale Definition ein Punkt, an der sich gute Forschung von schlechter trennt. Gemeint ist hiermit die Übersetzung der abstrakten Variablen (unabhändige und abhängige) in konkrete, messbare Größen. Um zu meinem Beispiel von oben (Einfluss von Arbeitsbelastung auf Stressempfinden) zurückzukehren, müsste man sich also überlegen, wie man die Arbeitsbelastung und das Stressempfinden misst. Dies ist ein Punkt, der auf den ersten Blick vielleicht trivial erscheint und der einem Laien, wenn er über die Logik der Studie nachdenkt, wahrscheinlich auch nicht auffallen wird, der aber ebenfalls von zentraler Bedeutung für die Aussagekraft der Studie ist. Ebenso wie die Stichprobe repräsentativ für die Bevölkerung sein sollte, sollten die gemessene Größe (abhängige Variable) und die manipulierte Größe (unabhängige Variable) repräsentativ für das Konstrukt (Arbeitsbelastung, Stress) sein, das sich dahinter verbirgt. Die Arbeitsbelastung lässt sich noch recht einfach operational definieren – als Menge an Arbeitsaufträgen pro Stunde zum Beispiel. Aber wie sichert man, dass alle Aufträge auch wirklich gleich aufwändig sind und den Probanden gleich viel Zeit kosten? Dies ist eine Herausforderung für die Versuchsplaner. Das Stressempfinden stellt eine noch größere Herausforderung dar. Man könnte natürlich eine Blutprobe nehmen und die Konzentration des Cortisols (eines unter Stress ausgeschütteten Hormons) bestimmen. Das gibt aber nicht unbedingt den subjektiv empfundenen Stress wieder. Man könnte eben diesen mit einem eigens dafür konstruierten Fragebogen messen, der natürlich auf seine psychometrischen Gütekriterien hin überprüft werden muss (mit wie viel Aufwand und wie viel Rechnerei das verbunden ist, können sie hier nachlesen). Oder aber man lässt Fremdbeobachter den Stress der Probanden anhand deren Verhaltens einschätzen. Hierfür muss wiederum gesichert werden, dass die verschiedenen Beobachter ihre Bewertungen anhand desselben, auf beobachtbaren Verhaltensweisen basierenden Systems vornehmen und nicht irgendwelche subjektiven Einschätzungen vornehmen (das Kriterium der Objektivität). Was ich hoffe, hieran veranschaulicht zu haben, ist, dass psychologische Forschung weder trivial noch einfach ist, denn der Teufel liegt im Detail. Und von diesen kleinen Teufeln gibt es jede Menge, die man nur mit der nötigen wissenschaftlichen Expertise umgehen kann.

Statistik: Zufall oder nicht?

Die Statistik als Teilgebiet der Mathematik verdient sehr viel mehr, mit „Psychologie“ in einem Atemzug genannt zu werden, als das Wort „Couch“. So komplex das Thema ist, mit dem Psychologiestudierende sich eine ganze Reihe von Semestern herumschlagen müssen, so kurz und verständlich lässt sich der Zweck erklären. Denken Sie zurück an die typischen Forschungsfragen, die die Psychologie bearbeitet. Meistens geht es darum, den Zusammenhang zwischen zwei Variablen (z.B. Intelligenz & Arbeitserfolg, siehe vorheriger Artikel) zu berechnen, eine Variable durch eine andere vorherzusagen oder im Rahmen eines Experiments systematisch den Einfluss einer unabhängigen auf eine abhängige Variable zu untersuchen. Auch hier hinterfragt der Laie typischerweise nicht, wie das geschieht – wie Forscher z.B. darauf kommen, zu behaupten, „Killer“-Spiele würden die Aggression des Spielers erhöhen. Nun, dies ist einerseits eine Frage der wissenschaftlichen Methode, wie ich oben ausführlich beschrieben habe. Doch nach dem Durchführen der Studie hat man einen Haufen Daten gesammelt – und der muss ausgewertet und analysiert werden. Zum Analysieren werden die Daten derweil nicht auf die Couch gelegt, sondern in den Computer eingegeben, konkret in typischerweise eines der beiden Programme „SPSS“ oder „R“. Diese Programme ermöglichen es, für alle möglichen Formen, in denen Daten vorliegen können (und das sind sehr viele), statistische Maße zu berechnen, die den Zusammenhang zweier Variablen oder den Einfluss von einer Variablen auf die andere abbilden. Zum Fachjargon gehören bei Psychologen unter anderem (um einfach mal ein paar Begriffe ungeordnet in den Raum zu werfen) die Korrelation (von allen noch das nachvollziehbarste Maß), die multiple, logistische, hierarchische oder Poisson-Regression, das odds ratio, Kendall’s Tau-b, die Varianzanalyse oder ANOVA, das allgemeine und generalisierte lineare Modell, Faktorenanalysen, Strukturgleichungsmodelle, Survivalanalysen und viele, viele mehr.

Die Berechnung all dieser Maße ist der eine Zweck der Statistik. Der andere ist die Überprüfung der statistischen Signifikanz, die auf der Wahrscheinlichkeitstheorie und der Kenntnis ganz bestimmter Wahrscheinlichkeitsverteilungen beruht. Platt übersetzt ist ein Ergebnis einer Studie dann statistisch signifikant, wenn es nicht durch den Zufall zu erklären ist. Hierzu stellen wir uns einmal die allereinfachste Form eines psychologischen Experiments vor: den Vergleich von zwei Gruppen A und B, die sich nur anhand eines einzigen Merkmals unterscheiden – der experimentellen Manipulation der unabhängigen Variablen (z.B. Therapie ja oder nein), deren Einfluss auf eine abhängige Variable (z.B. Angst vor Spinnen) untersucht werden soll. Nach der Therapie vergleicht man A und B hinsichtlich ihrer Angst vor Spinnen und stellt fest, dass Gruppe A, die die Therapie erhalten hat, weniger Angst hat als Gruppe B, die keine Therapie erhalten hat (einen ausführlichen Artikel über die Art und Weise, wie die Wirksamkeit von Psychotherapie untersucht wird, finden Sie hier). Ein Laie würde jetzt wahrscheinlich sagen, dass die Therapie wirksam ist, vielleicht in Abhängigkeit davon, wie groß der Unterschied zwischen A und B ist. Das Tolle, das uns die Statistik ermöglicht, ist nun, zu überprüfen, ob der gefundene Unterschied zwischen den Gruppen signifikant ist, d.h. nicht durch den Zufall erklärt werden kann, der ja mitunter so einiges erklären kann. So berechnet man die konkrete Wahrscheinlichkeit dafür, dass das gefundene Ergebnis (z.B. der Gruppenunterschied zwischen A & B) durch reinen Zufall zustande gekommen ist, ohne das ein wahrer Unterschied (bzw. Effekt) vorliegt. Beträgt diese Warscheinlichkeit unter 5% (manchmal auch unter 1%), schließt man den Zufall als Erklärung aus. Achtung: Diese Festlegung der 5% oder 1%-Grenze (des so genannten Signifikanzniveaus) ist eine Konvention, keine naturgegebene Regel. Wenn der Stichprobenumfang groß genug ist (ein wichtiger Faktor bei der Überprüfung der Signifikanz), können übrigens auch schon kleine Effekte (z.B. Gruppenunterschiede) statistisch signifikant sein. Ob ein solcher kleiner Unterschied dann jedoch wirklich von Bedeutung ist, ist eine andere (inhaltliche) Frage. Wie ihr seht, erweist die Statistik uns sehr wertvolle Dienste – und auch, wenn ich sie in meinem Studium sehr häufig verflucht habe, bin ich rückblickend doch sehr froh, mit ihr jetzt vertraut zu sein.

Warum Ahnung von Wissenschaft Gold wert ist

Das allgemeine Wissen über die Prinzipien wissenschaftlicher Forschung (die nämlich in jeder Naturwissenschaft nahezu gleich sind) erachte ich als extrem wertvoll, weil es einem etwas unglaublich Wichtiges ermöglicht: zu beurteilen, welchen Quellen von Wissen man trauen kann und welchen nicht. Mit den Merkmalen von „guter“, d.h. aussagekräftiger Forschung im Kopf, ist es einem wissenschaftlich ausgebildeten Menschen möglich, zu beurteilen, ob er einer beliebigen Studie (egal, ob veröffentlicht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift oder erwähnt in der Brigitte) Glauben schenken möchte. Ein solcher Mensch kann die angewandte Methode der Studie genau daraufhin überprüfen, ob die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, dass man hieraus tatsächlich gültige Schlussfolgerungen ziehen kann (z.B. interne Validität gegeben, vernünftige operantionale Definition…). Man fällt nicht so schnell darauf rein, wenn es bei RTL in den Nachrichten heißt, Forscher von der Universität XV hätten „herausgefunden, dass…“ (oder noch schlimmer: „bewiesen, dass…“), sondern fragt sich erstmal, wie die Forscher das überhaupt untersucht haben könnten und ob eine solche Aussage auf Basis der verwendeten Forschungsmethode überhaupt zulässig ist. Nicht zuletzt lernt man hierdurch, vermeintliches „Wissen“, das einem im Alltag so begegnet, dahingehend zu hinterfragen, woher es stammt bzw. worauf es basiert – eine Kenntnis von meiner Meinung nach unschätzbarem Wert, ermöglicht es einem doch z.B., der ein oder anderen bunt-schillernden esoterischen Weltanschauung etwas Handfestes entgegen zu setzen und diese als substanzlos zu entlarven. Und eben diese grundsätzliche naturwissenschaftliche Expertise ist das, was Psychologen den Vertretern anderer Fächer (Medizin und Pädagogik eingeschlossen) voraushaben, was sie wiederum aber mit der ebenfalls empirisch orientierten Soziologie verbindet. Darüber, wovon Psychologen darüber hinaus noch so Ahnung haben, wird es im nächsten Artikel gehen.

© Christian Rupp 2013

Warum Psychologen im Studium nicht lernen, ihr Gegenüber zu analysieren

Es ist das Cliché schlechthin, das in der breiten Gesellschaft über Psychologen und Psychologiestudierende kursiert, und damit verbunden ist eines der größten Irrtümer überhaupt, mit dem dieses Fach zu kämpfen hat. In diesem und im nächsten Artikel soll es darum gehen, kurz und bündig darzustellen, was man im Studium der Psychologie wirklich lernt, was beispielhafte Inhalte psychologischer Forschung sind, was fertige Psychologen tatsächlich können und worüber sie Bescheid wissen – und womit sie auf der anderen Seite nichts zu tun haben.

Psychologie, eine empirische Naturwissenschaft

Psychologie hat in der Gesellschaft oft einerseits den Ruf eines Heilberufes wie die Medizin, manchmal auch den eines „Laber-Fachs“ ohne Substanz, weil Psychologen ja angeblich immer nur reden. Gleichzeitig haben Psychologen für viele Laien etwas Unheimliches an sich, geht doch das Gerücht um, sie würden ihr Gegenüber wie eine durchsichtige Figur analysieren und in jedem Wort etwas finden, was man doch eigentlich verbergen wollte. Nicht zuletzt hat Psychologie, ebenso wie Medizin, den Ruf eines Elite-Studienfachs, da man, um es zu studieren, aufgrund der wenigen Studienplätze und der hohen Nachfrage meist einen Abiturdurchschnitt von mindestens 1,5 aufweisen muss. Doch was erwartet einen nun wirklich im Studium?

Psychologie an sich ist weder ein Heilberuf wie die Medizin, noch eine Geisteswissenschaft wie Philosophie oder Pädagogik, noch beinhaltet es die Vermittlung von übernatürlichen Fähigkeiten. Psychologie ist eine Naturwissenschaft, die, grob gesagt, menschliches Verhalten und Erleben dahingehend untersucht, dass sie versucht, es vorherzusagen und zu erklären. Sie ist derweil eine empirische, keine theoretische Wissenschaft, d.h., sie sucht nach Erkenntnissen nicht durch die logische Herleitung von Theorien, sondern durch die systematische Untersuchung des menschlichen Verhaltens und Erlebens. Dies tut sie durch das Aufstellen und das darauf folgende Testen von Hypothesen. Basierend auf empirischen Befunden (also den Ergebnissen aus wissenschaftlichen Studien) werden dann wiederum Theorien formuliert, die diese Ergebnisse erklären können – und die dann durch darauf folgende Studien entweder bestätigt oder widerlegt werden. Die Psychologie folgt dabei weitgehend der Wissenschaftstheorie Carl Poppers, die besagt, dass man in der Wissenschaft nie etwas schlussendlich beweisen kann, sondern nur weitere Bestätigung für eine Theorie oder Hypothese sammeln kann. Das einzige, was endgültig möglich ist, ist, eine Theorie oder Hypothese zu widerlegen (d.h., zu falsifizieren). Mehr zum Thema Wissenschaftstheorie finden sie hier.

Da die Psychologie ein unglaublich weites Feld darstellt, kann dies sehr, sehr viele verschiedene Formen annehmen. Besonders gern wird mit Experimenten gearbeitet, bei denen typischerweise zwei Gruppen von Probanden (d.h. Versuchtsteilnehmern) miteinander verglichen werden, die sich nur dadurch unterscheiden, dass bei der einen eine experimentelle Manipulation stattgefunden hat und bei der anderen nicht. Unterscheiden sich die beiden Gruppen danach hinsichtlich eines bestimmten Merkmals (das abhängige Variable genannt wird), kann man sicher sein, dass dieser Unterschied nur auf die experimentelle Manipulation zurückzuführen ist. Zudem werden sehr oft Zusammenhänge zwischen Merkmalen (d.h. Variablen) untersucht, z.B. zwischen Intelligenz und späterem Berufserfolg. Dies erfolgt in der Regel durch die Berechnung von Korrelationen. Wenn die eine Variable zeitlich deutlich vor der anderen gemessen wird, kann man zudem Aussagen darüber treffen, wie gut die eine Variable (z.B. Verlustereignisse in der Kindheit) die andere (z.B. Entwicklung einer Depression im Erwachsenenalter) vorhersagen (oder prädizieren) kann. Um einen Eindruck von typischen Sorten von psychologischen Studien zu vermitteln und die ganzen kursiv gedruckten Begriffe ein wenig mit Leben zu füllen, seien im Folgenden vier Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Psychologie genannt.

1. Arbeits- & Organisationspsychologie: Wie kann man Berufserfolg vorhersagen?

Dies ist ein Beispiel für eine Korrelationsstudie, bei der anhand der Intelligenz der Berufserfolg mehrere Jahre später vorhergesagt werden soll. Eine solche Erkenntnis ist von großem Wert für Psychologen, die in der freien Wirtschaft in der Personalauswahl tätig sind und die natürlich ein Interesse daran haben, solche Bewerber für einen Job auszuwählen, von denen erwartet werden kann, dass sie dem Unternehmen in Zukunft Geld in die Kasse spülen. Man geht hierbei so vor, dass man zu einem ersten Zeitpunkt die allgemeine Intelligenz einer Gruppe von Personen misst, die sich z.B. in dieser Gruppe zwischen 90 und 125 bewegt. Hierzu muss natürlich ein psychologischer Test gewählt werden, der präzise misst und gültige Aussagen über die Personen erlaubt. Zu einem späteren Zeitpunkt (z.B. 3 Jahre später) wird dann der Berufserfolg derselben Personen gemessen. Das kann man auf verschiedene Weise tun: Man kann das Einkommen oder die Berufszufriedenheit von den Probanden selbst erheben, oder man kann die jeweiligen Vorgesetzten bitten, die Leistung der Probanden zu bewerten. Die Übersetzung des recht allgemeinen Begriffs „berufliche Leistung“ in konkret messbare Variablen nennt man derweil die operationale Definition.

Wenn man dann beides gemessen hat, kann man den Zusammenhang der beiden Variablen (Intelligenz & Berufserfolg) berechnen, was mittels einer Korrelation erfolgt. D.h., man möchte wissen, ob im Mittel über alle Probanden hinweg höhere Intelligenzwerte mit höherem Berufserfolg einhergehen. Achtung: das bedeutet, dass diese Aussage nicht für jeden Probanden gelten muss: Es wird immer Ausnahmen geben, die dem generellen Trend widersprechen – aber dieser generelle Trend ist von Bedeutung. Wie stark dieser Trend ist, kann man am Korrelationskoeffizienten ablesen, der zwischen -1 und +1 variieren kann. -1 stünde für einen perfekten negativen Zusammenhang (je intelligenter, desto weniger erfolgreich im Beruf), +1 für einen perfekten positiven Zusammenhang (je intelligenter, desto erfolgreicher) und 0 für keinen Zusammenhang (Berufserfolg hat nichts mit Intelligenz zu tun).

Im Falle des Zusammenhangs zwischen Intelligenz und Berufserfolg wurde in Metaanalysen (das sind statistische Verfahren, mit denen die Ergebnisse vieler Studien zum gleichen Thema zusammengefasst werden) herausgefunden, dass Intelligenz späteren Berufserfolg mit durchschnittlich 0,5 vorhersagt. Das ist in der Psychologie ein verdammt hoher Wert – und es ist von allen Variablen, die man zur Vorhersage von Berufserfolg herangezogen hat (u.a. Leistung in Assessment Centern, Persönlichkeitsmerkmale, Arbeitsproben, Referenzen früherer Arbeitgeber…) diejenige, die am allerbesten Berufserfolg vorhersagt (man sagt auch, Intelligenz stellt den besten Prädiktor für Berufserfolg dar). Zum Vergleich: Die bei Unternehmen sehr beliebten Assessment-Center zur Bewerberauswahl, die das Unternehmen gerne mehrere zehntausend Euro kosten, haben mit späterem Berufserfolg nur einen Zusammenhang von ungefähr 0,3, sagen diesen also sehr viel weniger verlässlich vorher. Dass Unternehmen in der Bewerberauswahl dennoch die viel teureren Assessment-Center einsetzen, hat einerseits mit der mangelhaften Kenntnis wissenschaftlicher Befunde zu tun, andererseits aber auch mit den beiden Tatsachen, dass die Anbieter von Assessment Centern gut daran verdienen und Intelligenztests trotz ihrer erwiesenen Vorteile oft angstbesetzt und daher verschrien sind.

2. Kognitive Neurowissenschaft: Wie unser Gehirn sich Gedächtnisinhalte einprägt

Hierbei handelt es sich ein Experiment aus einem vergleichsweise jungen Teilgebiet der Psychologie, der kognitiven Neurowissenschaft, die sich mit der Frage befasst, welche Prozesse im Gehirn unseren kognitiven Funktionen (Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denken, Problemlösen, Entscheiden etc.) sowie auch unseren Emotionen zugrunde liegen. Viele psychologische Studien haben sich damit beschäftigt, wie unser Gedächtnis funktioniert. Die Studienart, die ich vorstellen möchte, widmet sich der Frage, wie unser Gehirn es schafft, dass wir uns Gedächtnisinhalte einprägen (d.h. enkodieren) können. Hierbei handelt es sich um eine Leistung des so genannten Arbeitsgedächtnisses, das früher als Kurzzeitgedächtnis bezeichnet wurde und eine begrenzte Menge von Material für maximal wenige Minuten aufrechterhalten kann. Dies ist abzugrenzen von unserem Langzeitgedächtnis, in das Gedächtnisinhalte eingehen, die aufgrund häufiger Wiederholung so weit gefestigt (d.h., konsolidiert) sind, dass sie dauerhaft gespeichert sind. Für diese Konsolidierung ist eine evolutionär alte und innen liegende Gehirnstruktur, der Hippocampus notwendig. Für das Einprägen bzw. das Enkodieren von Gedächtnisinhalten (eine Funktion, die konzeptuell Arbeits- und Langzeitgedächtnis verbindet) sind wiederum andere Gehirnareale verantwortlich.
Um herauszufinden, welche, haben sich Psychologen eines sehr eleganten Designs (so wird generell der Aufbau eines Experiments bzw. einer Studie bezeichnet) bedient, das folgendermaßen aussah: Während Versuchspersonen in einer fMRT-Röhre lagen (mit dem fMRT kann recht präzise die Aktivität einzelner Gehirnareale untersucht werden), wurden sie gebeten, sich in vorgegebener Reihenfolge eine Liste mit Wörtern so gut wie möglich einzuprägen. Außerhalb der Röhre wurden sie dann einige Zeit später gebeten, so viele Wörter wie möglich zu erinnern. Typischerweise berichten Probanden dann zwischen 50 und 75% der Wörter. Was dann kommt, ist wirklich außerordentlich clever und elegant: Man vergleicht die im fMRT gemessene Gehirnaktivität während des Einprägens derjenigen Wörter, die anschließend erinnert wurden, mit der Gehirnaktivität während des Einprägens von Wörtern, die anschließend nicht erinnert werden konnten. Wenn sich dann eine bestimmte Gehirnregion findet, die in den beiden Fällen unterschiedliche Aktivität aufweist, ist sie offenbar an dem oben beschriebenen Einpräge-Prozess beteiligt: Hohe Aktivität führt zu einer höheren Erinnerungswahrscheinlichkeit für Wörter und spiegelt eine intensivere Enkodierung wieder. Genau das wurde für verbale Gedächtnisinhalte (Wörter) für ein kleines Areal im frontalen Cortex gefunden, den linken inferioren frontalen Gyrus – auch bekannt als Broca-Areal. Dieses Areal ist auch essentiell für unsere Fähigkeit, zu sprechen, was darauf hinweist, dass das Einprägen von Wörtern eine Art „innere Stimme“ nutzt, mit der die Wörter immer wieder wiederholt werden. Für visuelle Stimuli (z.B. Bilder) wurden währenddessen andere Gehirnareale gefunden, die für die Enkodierung wichtig sind.

3. Klinische Psychologie: Interaktion von Genetik und frühen Traumata bei Depression

In der klinischen Psychologie interessiert man sich neben der Untersuchung der Wirksamkeit von Psychotherapie im Rahmen kontrollierter Studien vor allem für die Frage nach der Ursache von psychischen Störungen. Bezüglich Depression weiß man, dass sowohl Stress in Form einschneidender und traumatischer Lebensereignisse (z.B. früher Verlust enger Bezugspersonen) als auch bestimmte Varianten eines Gens (des so genannten 5HTT-LPR-Polymorphismus) einen Risikofaktor für die Entwicklung einer späteren Depression darstellen. Was man hingehen lanfe Zeit nicht wusste, ist, wie genau diese Faktoren sich zueinander verhalten. Um dies zu untersuchen, führten die Wissenschaftler Caspi und Kollegen eine im Jahr 2003 veröffentlichte Längsschnittstudie durch. Das bedeutet, dass sie Probanden über mehrere Jahre begleiteten und im Zuge dessen einerseits durch Genanalysen die Ausprägung des oben genannten Gens und andererseits die im Laufe der Jahre aufgetretenen einschneidenden Lebensereignisse sowie die Zahl der Probanden, die eine Depression entwickelten, erfassten.

Das Ergebnis war verblüffend und schlug in der klinischen Psychologie wie eine Bombe ein: Sowohl die kritische Variante des Gens erhöte das Risiko für die Entwicklung einer Depression als auch die Anzahl der kritischen Lebensereignisse im Sinne einer „je mehr, desto höher“-Verbindung. Das ist an sich wenig überraschend, aber interessanterweise fanden die Autoren auch, dass der Einfluss der Zahl der Lebensereignisse sehr viel größer war, wenn die kritische Genausprägung (d.h. der unkritische Genotyp) im Gegensatz zur unkritischen vorlag. Und auch das Gegenteil war aus den Daten ersichtlich: Der Einfluss des Genotyps auf das Depressionsrisiko war erst von Bedeutung, wenn zwei oder mehr kritische Lebensereignisse vorlagen, vorher nicht. Man spricht in diesem Fall von einer Gen-Umwelt-Interaktion. Diese Ergebnisse haben eine sehr weitreichende Bedeutung für das Verständnis der Depression und die Art und Weise, wie sich genetische Ausstattung und Umweltfaktoren zueinander verhalten.

4. Sozialpsychologie: Saying-is-Believing – Ich glaube, was ich sage

Hierbei handelt es sich um ein klassische Sorte von Experimenten (ein so genanntes Paradigma) der Sozialpsychologie, die sich mit dem Verhalten von Menschen in sozialen Situationen beschäftigt. Der Saying-is-Believing-Effekt besagt, dass wir, wenn wir wissen, dass unser Gegenüber eine bestimmte Einstellung oder Meinung vertritt, ihm gegenüber auch hauptsächlich Dinge erwähnen, die mit dessen Meinung übereinstimmen – und in der Folge sich unsere eigene Einstellung der unseres Gegenübers angleicht. Dies weiß man aus Experimenten, in denen Versuchspersonen z.B. per Chat mit einer meist fiktiven (d.h. in die Studie eingeweihten) Person kommunizierten, über die sie entweder die Information erhielten, dass diese hinsichtlich eines bestimmten Themas ihrer Meinung oder anderer Meinung waren. Diese Information stellt hier die experimentelle Manipulation dar. So könnte die Information z.B. darin bestehen, dass das unbekannte Gegenüber ein Fan von Lady Gaga ist, während der Proband selbst zu Beginn die Information gegeben hat, dass er diese überhaupt nicht gut findet oder ihr neutral gegenüber steht. In der Kommunikation erwähnt der Proband dem fiktiven Gegenüber dann typischerweise tendenziell positive Dinge über Lady Gaga, was dazu führt, dass sich seine Einstellung dieser gegenüber ins Positive hin verändert – was man sehr gut nach der Kommunikationsphase anhand eines eigens dafür entwickelten Fragebogens erfassen kann.

Das war ein kleiner Einblick in verschiedene Forschungsthemen aus unterschiedlichen Fächern der Psychologie, mit dem ich hoffe, deutlich gemacht zu haben, wie facettenreich dieses Fach ist und wie wenig es mit dem zu tun hat, was die meisten Menschen generell im Kopf haben, wenn sie das Wort „Psychologie“ hören. In den folgenden Artikeln wird es darum gehen, warum das Psychologiestudium so voller Statistik und Mathematik ist, mit wie vielen verschiedenen Themen Psychologen sich tatsächlich auskennen und warum Sigmund Freud weder der Begründer der Psychologie ist noch in dieser eine bedeutende Rolle spielt.

Psychologische Tests – Teil 3: Von diesen „Tests“ sollten Sie lieber die Finger lassen

Nach den „echten“ psychologischen Tests folgen nun die „unechten“ – in dem Sinne, dass diese keine validen Aussagen über Sie als Person treffen können. Auch in diesem Teil habe ich die vielen verschiedenen Vertreter wieder zu möglichst übersichtlichen Kategorien zusammengefasst. Beginnen wir also.

„Tests“ aus Klatschzeitschriften

Wer kennt das nicht? Auf der Titelseite der „Woman“, „Tina“, „Frau im Spiegel“, und wie sie sonst noch alle heißen, locken Schlagzeilen wie „So finden Sie heraus, welcher Persönlichkeitstyp Sie sind!“ oder „Wie eifersüchtig sind Sie?“. Wie deutlich erkennbar ist, handelt es sich hierbei um vermeintliche „Tests“ aus dem Bereich der Persönlichkeitsdiagnostik. Aber auch „Intelligenztests“ werden von Zeit zu Zeit angeboten („Testen Sie, wie schlau sie sind!“ / „Wie hoch ist Ihr IQ?“).

Fallen Sie hierauf nicht herein. Diese Tests wurden zwar manchmal tatsächlich von Psychologen entwickelt und sind somit teilweise nicht völlig ohne Substanz, aber sämtliche Gütekriterien, die einen psychologischen Tests ausmachen, sind meistens nicht gegeben. Die objektive Anwendung ist nicht gewährleistet, die Normierung fehlt, die Reliabilität und die Validität sind nicht untersucht. Wie auch? Ein solcher Fragebogen muss in wenigen Tagen oder sogar Stunden entstehen – bis ein echter psychologischer Test veröffentlicht wird, muss er viele aufwendige Entwicklungsstadien durchlaufen – Studien zur Reliabilität, Validität und Normierung.
Manchmal sind Tests in solchen Zeitschriften aber auch „echten“ Tests entnommen – das muss aber dann vermerkt werden. Weil dabei aber Lizenzgebühren fällig werden, ist es oft billiger, sich „schnell mal selbst“ etwas aus den Fingern zu saugen.

Projektive Testverfahren

Projektiven Tests (die in der Psychologie tatsächlich angewendet wurden und teilweise noch werden) ist gemeinsam, dass der Teilnehmer mit unstrukturiertem, d.h. mehrdeutigem Material konfrontiert wird. Im TAT (siehe Reihe zu „Motivation“) erzählt der Teilnehmer eine Geschichte zu einem mehrdeutigen Bild, und im relativ bekannten Rorschach-Test werden die Teilnehmer aufgefordert, zu sagen, was ein bestimmter Tintenklecks darstellt (Der Rorschach-Test wurde übrigens ursprünglich nur dazu entwickelt, die Wahrnehmung von Schizophreniepatienten zu untersuchen).

Das Problem, das bei all diesen Verfahren besteht, ist die Annahme, dass der Teilnehmer etwas auf das mehrdeutige Material projiziert, was ihm nicht bewusst ist. Gemäß Sigmund Freuds Theorie wären das vor allem verdrängte Triebe und Wünsche (meistens: Sex). Wenn jemand nun sagt, er erkenne in einem Tintenklecks ein männliches Geschlechtsorgan, wird das als eine Projektion der unterdrückten Libido angesehen. Wie welche Antwort zu deuten ist, hängt größtenteils von der Erfahrung des Testleiters ab und ist deshalb wenig objektiv.

Zudem konnte die Theorie Freuds nie wirklich bestätigt werden, weshalb er übrigens auch in der modernen wissenschaftlichen Psychologie keine bedeutende Rolle spielt (obwohl man ihm zugute halten muss, dass er durch seine kontroversen Theorien viele fruchtbare Diskussionen angeregt und viel Forschung angestoßen hat). Es ist unklar, was da projiziert wird: verdrängte Wünsche und Bedürfnisse oder vielleicht doch einfach Ideen, die einem durch den Kopf gehen, weil man sich gerade zuvor damit beschäftigt hat? Oder projiziert der Teilnehmer vielleicht eigene Eigenschaften auf das Material? Oder einfach nur seinen aktuellen Gefühlszustand, z.B. Angst?

Was ich damit sagen will, ist, dass das größte Problem dieser Verfahren die fehlende Validität ist, wobei der TAT (oder vielmehr dessen Weiterentwicklung – die Picture Story Exercises von McClelland) hierbei eine Ausnahme darstellt, da dort die Objektivität, die Realiabilität und die Validität im Hinblick auf implizite Motive zumindest teilweise gesichert sind. Da sie keine quantitativen Daten (=Zahlen) liefern, ist auch keine Normierung möglich (siehe auch Teil 1). Von Objektivität bei der Deutung und Interpretation kann keine Rede sein, und die Untersuchung der Reliabilität ist kaum möglich, da man sonst Teilnehmer bitten müsste,  zweimal hintereinander dieselbe Geschichte zu erzählen oder denselben Klecks zu deuten.

Anbei gibt es noch ein wunderschönes Beispiel für einen völlig unsinnigen Test, der sogar von Hogrefe (dem Verlag, der die meisten psychologischen Tests veröffentlicht) verkauft wird, obwohl sämtliche Gütekriterien nicht erfüllt sind: der Baum-Test. Hier soll angeblich die Art und Weise, wie der Teilnehmer einen Baum zeichnet (z.B. vereinfacht-schematisch oder realistisch mit Blättern und Ästen) Aufschluss geben darüber, wie erwachsen bzw. reif ein Mensch ist.

Die unten stehenden Bilder zeigen zwei entsprechende Baum-Bilder (links die Zeichnung, die als „infantil gelten würde, rechts die „erwachsene“ Version) sowie einen (von mir selbst gezeichneten, keinen originalen) Rorschach-Klecks (Was meinen Sie, was der Klecks darstellt: einen Fisch, eine Wolke, ein Raumschiff,…?).

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Der kinesiologische Muskeltest

Dieser Test gehört zu den diagnostischen Methoden der spirituell-alternativer Heilmethoden. Der Begriff „Kinesiologie“ bezeichnet sowohl diese der Chiropraktik und Körpertherapie entstammenden Methoden als auch die seriöse Wissenschaft der motorischen Abläufe im Körper. Der oben genannte Test ist ein wunderbares Beispiel für einen unvaliden Test, der, obwohl er keinerlei gültige Aussagen über eine Person zulässt, trotzdem immer mehr Anhänger (darunter auch wissenschaftlich ausgebildete Personen wie Psychologen und Ärzte) findet.

Dieser Test wird für nahezu alle Fragestellungen angewendet, die den Menschen betreffen, was für sich alleine genommen schon sehr zweifelhaft ist. Vereinfacht gesagt, läuft es so ab: Der Patient hält seinen Arm so hoch, dass er parallel zum Boden verläuft, und der Kinesiologe (oft sind das Heilpraktiker mit einer Affinität zu esoterischen und spirituellen Methoden) stellt eine Frage. So gut wie immer handelt es sich um binäre Fragestellungen, d.h. solche, die nur mit ja oder nein beantwortet werden können (auch sehr sinnvoll im diagnostischen Prozess – vorsicht Sarkasmus). Diese können seriös-biologischer Natur sein („Ist das Immunsystem intakt?“, „Ist der Körper mit Schwermetallen belastet?“), oder aber spirituell-esoterischer Qualität („Ist der Körper mit Erdstrahlen belastet?“, „Liegen innere Blockaden vor?“, „Ist die Aura durch den Geist eines Verstorbenen angegriffen?“, oder auch „Ist die Entscheidung des Patienten für X die falsche“). Dann versucht der Kinesiologe, den Arm des Patienten herunterzudrücken. Wenn er dies schafft, ist die Antwort auf all die Beispielfragen „ja“, wenn er es nicht schafft, „nein“.

Die Idee dahinter ist, dass sämtliche negative Ereignisse und Zustände im Körper (Erdstrahlen, Schwermetalle, innere Blockaden, falsche Entscheidungen…) den Muskeltonus mindern und somit dafür sorgen, dass im Moment nach der Fragestellung die Muskelanspannung verschwindet und der Arm gegen den Willen des Patienten heruntergedrückt werden kann.

Der Test wurde natürlich wissenschaftlich untersucht und erwies sich bezüglich all der Dinge, die man tatsächlich erfassen kann (Erdstrahlen & Co. fallen hier natürlich raus ) als völlig unvalide, was bedeutet, dass er keinerlei korrekte Aussagen über den Zustand einer Person zulässt. Zudem muss angemerkt werden, dass es für das Erschlaffen der Muskeln in einem solchen Moment zahlreiche andere Erklärungen gibt, z.B. dass durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf ein unangenehmes Thema die Spannung im Arm nachlässt. Die meisten Kinesiologen lehnen diese Befunde sowie die naturwissenschaftliche Denkweise schlichtweg ab, ohne dabei triftige Gründe nennen zu können.

 „Lügendetektortests“: Kann man tatsächlich überprüfen, ob das Gegenüber flunkert?

Wenn ich vom klassischen „Lügendetektor“ spreche, meine ich das Gerät, welches in Fachkreisen als Polygraph bekannt ist. Dieses Gerät zeichnet verschiedene physiologische Parameter auf, darunter z.B. die Herzrate (= Herzschläge pro Minute bzw. Puls) und die Hautleitfähigkeit (= wie stark schwitzt die Haut?). Diese Maße spiegeln den Erregungszustand des Körpers wieder und sind ein Anzeichen für Angst. Die Logik hinter dem Test ist die, dass ein Mensch, wenn er verhört / befragt wird und dabei lügt, ein erhöhtes Erregungsniveu aufweist, weil er fürchtet, dass seine Lügen auffliegen.

Das Problem an diesem Test ist die nur sehr eingeschränkte Validität und die Ermangelung eines klaren Testwerts, ab dem man davon ausgehen soll, dass derjenige lügt. Der Test liefert immer wieder viele falsch-positive (Der Test sagt „Lüge“, der Verhörte lügt aber gar nicht) und falsch-negative Ergebnisse (Der Test sagt „Wahrheit“, der Verhörte lügt aber), weshalb er als Beweismittel vor Gericht (inzwischen!) nicht mehr zugelassen ist, nachdem es lange Zeit Gang und Gäbe war. Warum jemand in einer solchen Situation aufgeregt ist und Angst empfindet, kann etliche Ursache haben: z.B. die Angst davor, Angst zu zeigen, weil einem genau dies negativ ausgelegt wird, die Angst, allgemein ins Gefängnis zu kommen, die Angst, dass niemand einem glaubt, etc.

Da jedoch viele Menschen glauben, der Lügendetektortest liefere korrekte Aussagen, machte sich der US-amerikanische Psychologe Harold Sigall dies zunutze und entwickelte das so genannte Bogus-Pipeline-Paradigma. Hierbei handelt es sich um eine Methode zur wissenschaftlichen Erforschung von z.B. Einstellungen. Gerade wenn es um die Einstellung zu Randgruppen wie Migranten, Homosexuellen und Angehörige bestimmter Religionen geht, sagen viele Menschen nicht ehrlich, welche Einstellung sie dazu haben, weil sie wissen, dass ihre Meinung sozial nicht konform ist und daher verurteilt werden würde. Um an die wahren Einstellungen dieser Menschen heranzukommen, schloss Sigall sie an einen angeblichen Lügendetektor an und forderte sie auf, die Wahrheit zu sagen, da das Gerät eine Lüge ohnehin entdecken würde. Der Plan ging auf – und Sigall konnte zeigen, wie ehrlich Menschen sind, wenn sie glauben, dass sie nicht unentdeckt lügen können. Inzwischen ist das Bogus-Pipeline-Paradigma aber aufgrund der ethischen Einwände (Versuchspersonen werden aufgrund eines Tricks/Betrugs sensible Informationen entlockt) verboten.

Andere Verfahren zur Entdeckung von Lügen richten sich auf Verhaltensbeobachtungen und postulieren, dass Lügen z.B. mit nicht vorhandenem Blickkontakt, bestimmten miminalen und nicht bewusst steuerbaren Mimiken (also Gesichtsausdrücken) oder bestimmten Bewegungen (wie dem Kratzen an der Nase) einhergehe. Die Erforschung der Validität solcher Hinweise ist aber zum momentanen Augenblick noch sehr unausgereift. Im Vergleich zum Forschungszustand werden diese Methoden aber schon sehr häufig angewendet – vor allem im Kriminalbereich.

Noch neuer sind neurowissenschaftliche Verfahren zur Aufdeckung von Lügen. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (umgangssprachlich auch als “ funktionaler Kernspin“ bekannt, kurz fMRT) konnten bestimmte Gehirnareale identifiziert werden, die während des Lügens ihre Aktivität steigern. Hierin steckt natürlich ein großes Potenzial, und Justiz & Co. werden sicherlich bald Interesse anmelden. Es ist hierbei aber aus zwei Gründen Vorsicht geboten: Erstens, weil die fMRT-Technik fehleranfällig ist und falsch-positive wie falsch-negative Ergebnisse somit vorprogrammiert sind – denn zwischen den ursprünglichen Daten und den Gehirnbildern mit den hell aufleuchtenden Punkten, die gesteigerte Aktivität anzeigen, liegen unglaublich viele statistische Umrechnungs- und Mittelungsprozesse, bei denen eine Menge schief gehen kann. Zweitens, weil ein solches Vorgehen gegen ethische Richtlinien verstoßen kann: Darf es zulässig sein, einen Menschen zum Verhör einer vergleichbar unangenehmen Prozedur wie der MRT zu unterziehen? Insgesamt gibt es also nicht wirklich einen Grund zur Euphorie.

Graphologie – die Persönlichkeit aus der Handschrift lesen

Die Graphologie beschreibt die vermeintliche Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, aus der Handschrift einer Person deren Persönlichkeit „herauszulesen“. Zurecht hat die Graphologie inzwischen den Status einer Pseudowissenschaft, weil sich dieses Verfahren als absolut nicht valide herausgestellt hat. Daher ist auch der häufig synonym verwendete Begriff „Schriftpsychologie“ hierbei nicht korrekt.

Wie viele andere nachweislich unvalide Verfahren wird es aber tatsächlich in manch einem Unternehmen noch angewendet, wenn es um die Auswahl geeigneter Bewerber geht. Und das, obwohl die Wissenschaftler Schmidt und Hunter in einer Metaanalyse (die sehr viele Einzelstudien zusammenfasst) zeigen konnten, dass die mittlere Validität von Graphologie genau 0,02 (!) beträgt – was bedeutet, dass dieses Verfahren praktisch keinerlei Zusammenhang mit späterem Berufserfolg hat. Warum sich diese Methode so hartnäckig hält, liegt zum Großteil daran, dass ihre Verfechter unzählige Anekdoten von ehemaligen Bewerbern auf Lager haben, die die angebliche Validität belegen (anekdotische Evidenz). Diese ist aber, weil durch die eigene subjektive Wahrnehmung, das Ausblenden von Gegenbeispielen und die eigene Einstellung verzerrt, nicht einmal ansatzweise mit objektiven wissenschaftlichen Befunden zu vergleichen. Wenn also einmal ein Unternehmen einen handgeschriebenen Lebenslauf von Ihnen verlangt, würde ich Ihnen raten: Finger weg von dem Laden!

Warum diese Methode totaler Unsinn ist, wird schon deutlich, wenn man überlegt, wie leicht man seine eigene Schrift ändern und verstellen kann. Ich habe in meiner Schulzeit bestimmt zehn Mal die Handschrift einfach von einem auf den anderen Tag geändert, weil ich wiedermal was Neues ausprobieren wollte. Aber ok, ich war vielleicht auch extrem.

Physiognomie –  die Persönlichkeit aus dem Gesicht lesen

Die Physiognomie bezeichnet eigentlich die Lehre vom menschlichen Körperbau und ist Teil der Anatomie. An dieser Stelle meint es aber die ebenfalls pseudowissenschaftliche Methode, mit der bestimmte Menschen versuchen, aufgrund des Körperbaus Rückschlüsse über die Persönlichkeit einer Person zu ziehen. Insbesondere das Gesicht wird hierbei sehr häufig als Quelle herangezogen. Ausgeprägte Wangenknochen werden dann z.B. zum Indiz für Durchsetzungsvermögen, kleine Ohren gelten als Zeichen für Geiz und eine große Nase enthüllt, dass deren Besitzer sehr nachdenklich ist. Es existieren hierüber hunderte Bücher, meist geschrieben von selbst ernannten Experten, die einem sagen, welches Merkmal für welche Persönlichkeitseigenschaft steht. Genau so gibt es auch solche „Experten“, die man dann eines Tages bei Markus Lanz oder Johannes B. Kerner (ich weiß, der ist abgeschafft) sitzen sieht und die dort fröhlich ihre Pseudo-Weisheiten verbreiten. Natürlich wird dann im Gesicht des Moderators gelesen, wie es um dessen Persönlichkeit bestellt ist, und – oh Wunder – es stimmt! Natürlich nicht, weil man aus den äußeren Eigenschaften eines Gesichts die Persönlichkeit ablesen kann, sondern weil 1) grundsätzlich nur positive Eigenschaften genannt werden, die dem Betreffenden schmeicheln, der dann kaum widersprechen wird, 2) die „Gesichtsleserin“ aus Vorinformationen und auf Basis des Verhaltens des Moderator schon viel über dessen Persönlichkeit weiß, was ihre Deutung maßgeblich beeinflusst, und 3) sie die gleiche Technik anwendet wie (gute) Kartenleger, Kristallkugelinterpreten und sonstige Menschen mit der vermeintlichen Gabe, in die Zukunft zu sehen: Sie nennt allgemeine Eigenschaften, die sowieso auf fast jeden zutreffen und denen somit kaum widersprochen wird, und sie tastet sich vorsichtig an ihre Deutungen heran, indem sie immer nur eine Behauptung aufstellt und dann auf die Rückmeldung des Betreffenden wartet. So vermeidet sie es, sich in eine völlig falsche Richtung zu bewegen. Das Ergebnis des ganzen ist natürlich das Staunen der gesamten Talkrunde, verblüffte Anerkennung – und ein typisches Stück anekdotische Evidenz (oben erklärt) für eine eigentlich komplett unvalide Methode.

Natürlich treffen manche Sachen tatsächlich zu, z.B. wenn über einen großen Mann mit breiten Schultern gesagt wird: „Er ist durchsetzungsfähig und selbstbewusst“. Es ist gut möglich, dass das stimmt. Aber die Kausalität ist eine andere: Er ist nicht groß und hat breite Schultern, weil er selbstbewusst und durchsetzungsstark ist (Das wäre die Deutung von Physiognomie-Experten). Er hat diese Eigenschaften sehr wahrscheinlich, weil sein Körperbau entsprechend ist! Genauso, wie es gut sein kann, dass jemand mit einem eher weniger hübschen Gesicht garstig im Umgang mit anderen ist: Die Eigenschaft ist vielmehr Folge der Beschaffenheit des  Gesichts und den damit hervorgerufen Reaktionen anderer als die Ursache dessen!

Während diese Art des Persönlichkeits-Lesens völliger Quatsch ist, weil unsere körperlichen Merkmale durch ganz andere Gene und Umwelteinflüsse bestimmt werden als unsere Persönlichkeit, sind die Schlussfolgerungen aufgrund von Mimik und Gestik kein Unsinn. Zwar lassen unsere Gesichtsausdrücke und unsere Gesten vielmehr Rückschlüsse auf momentane Emotionen zu als auf unsere Persönlichkeit, allerdings haben viele Studien gezeigt, dass Menschen das Gesicht als Quelle für sehr viele Informationen über eine Person benutzen (jetzt mal unabhängig davon, ob diese Informationen zutreffen). So ist z.B. gut untersucht, dass Menschen in Bruchteilen einer Sekunde (!) einen ersten Eindruck eines unbekannten Gesichts formen und entscheiden, ob sie dieses mögen oder nicht. Das heißt, es ist in der Tat so, dass wir aufgrund der unbewussten Verrechnung von zahlreichen Informationen sehr schnell ein Urteil über eine Person bilden. Dies hat aber nichts mit den Behauptungen von Physiognomie-Verfechtern zu tun, die oft viele Gesichtsmerkmale heranziehen, die Menschen bei der Fällung dieses Urteils gar nicht berücksichtigen, und die sehr spezifische Eigenschaften benennen, die unser Gehirn in so kurzer Zeit gar nicht bedenken kann. Insgesamt gilt also auch hier: Vorsicht vor Unsinn!

Damit wäre ein weiteres großes Anliegen von mir abgehakt – darüber aufzuklären, was echte psychologische Tests sind und was nicht. Und wenn ich auch nur ein bisschen dazu beigetragen habe, dass Sie als Leser nun ein bisschen besser bewerten können, was seriös und was Unsinn ist, habe ich mein Ziel schon voll erreicht.

© Christian Rupp 2013

Psychologische Tests – Teil 2: Diesen Tests können Sie trauen

Nachdem ich in Teil 1 beschrieben habe, welche Merkmale einen „echten“ psychologischen Test ausmachen, stelle ich in diesem Teil verschiedene Gruppen „gängiger“ psychologischer Testverfahren inklusive einiger prototypischer Vertreter vor.

Intelligenztests

Intelligenztests sind das Flaggschiff der Psychologie. Kein Thema wurde in der modernen Psychologie der letzten 100 Jahre intensiver beforscht als Intelligenz und ihre Messung, sodass heute eine Vielzahl sehr guter und auch präzise messender Intelligenztests vorliegen, die entweder Aussagen über die generelle Intelligenz liefern oder aber über spezifische Intelligenzfacetten (z.B. logisches Schlussfolgern und mentales Rotieren). Da ich das Thema „Intelligenz“ noch ausführlich behandeln werde, wobei ich auch einige Intelligenztests vorstellen werde, belasse ich es an dieser Stelle dabei.

Persönlichkeitstests

Seriöse Persönlichkeitstests basieren auf Mehr-Faktoren-Modellen der Persönlichkeit, die durch das statistische Verfahren der Faktorenanalyse (siehe Exkurs unten) entstanden sind. Dasjenige Modell, über das in der Wissenschaft am meisten Einigkeit besteht, ist das Modell der „Big Five“. Es basiert auf etlichen faktorenanalytischen Studien und besteht aus fünf Kerneigenschaften, anhand derer Menschen sich hauptsächlich unterscheiden:

Extraversion

Ja, es heißt nicht Extroversion – das Gegenteil ist aber die Introversion; Beispielaussagen für Extraversion wäre z.B. „Ich bin gerne unter Menschen“ und „Ich bringe Leben in eine Gesprächsrunde“.

Neurotizismus

Dies bedeutet emotionale Stabilität; ein sehr neurotischer Mensch ist eher emotional instabil.

Verträglichkeit

Kommt jemand gut mit anderen klar oder zieht er eher Konflikte an?

Offenheit für Erfahrungen

Ist jemand offen für Neues oder bleibt er lieber bei Altbekanntem?

Gewissenhaftigkeit

Habe ich im unten stehenden Exkurs erklärt.

Alle anderen Eigenschaften lassen sich gemäß diesem Modell den „Big Five“ unterordnen. Gute Persönlichkeitstests (Achtung: Die Namen von psychologischen Persönlichkeitstests sind fast immer Abkürzungen!) sind z.B. der „NEO-PI-R“, der „NEO-FFI“, der „TIPI“, der „BFI“ und der „FPI-R“. Der „BIP“ erfasst, weil für die berufliche Bewerberauswahl entwickelt, berufsrelevante Persönlichkeitseigenschaften, und der „PSSI“ erfasst das Kontinuum zwischen Persönlichkeitseigenschaft und Persönlichkeitsstörung.

Eine Sonderform der Persönlichkeitstests stellen die so genannten „Integrity“-Tests dar (z.B. der „IBES“). Diese erfassen, wie integer (= ehrlich, aufrichtig) ein Mensch ist – und tatsächlich können sie sehr gut unlauteres Verhalten am Arbeitsplatz (z.B. Diebstahl) vorhersagen, was verblüffend ist.

Persönlichkeitstests liegen meist in Fragebogenform vor, d.h. die Teilnehmer kreuzen an, wie sehr sie entsprechenden Aussagen (siehe oben) zustimmen. Es gibt aber auch Fremdbeurteilungsverfahren, d.h. Persönlichkeitstests, bei denen das Verhalten von Psychologen beobachtet und Rückschlüsse auf die Persönlichkeit desjenigen gezogen werden (was größte Sorgfalt und Vorsicht erfordert). Ebenso gibt es so genannte objektive Persönlichkeitstests wie den „OLMT“, die die Persönlichkeit indirekt erfassen, d.h. ohne dass der Teilnehmer weiß, dass es um seine Persönlichkeit geht. Beim OLMT wird z.B. die Leistungsmotivation des Probanden erfasst, in dem man ihn eine recht simple, aber auf Dauer anstrengende Aufgabe an einem Computerbildschirm lösen lässt, die inhaltlich nichts dem zu tun hat, was erfasst wird: Je länger der Proband „durchhält“, desto höher laut diesem Test die Leistungsmotivation. Auch hierbei wird also aus dem Verhalten auf die Persönlichkeit geschlossen. Fremdbeurteilungsverfahren und objektive Persönlichkeitstests bieten den Vorteil, dass sie nicht willentlich durch die Teilnehmer verfälscht werden können, was bei den Fragebögen natürlich möglich ist. Ihre Validität ist meist vorhanden, stellt jedoch teilweise ein Problem dar.

Auch unter diese Rubrik einzuordnen sind übrigens Tests zur Erfassung der Motive eines Menschen (wie der TAT, in der Reihe zu Motivation vorgestellt) sowie dessen Einstellungen gegenüber bestimmten Themen, Phänomenen und Menschengruppen (z.B. Migranten, Homosexualität, Esoterik, Übernatürliches…). Bei Letzterem wäre ich allerdings vorsichtig, den Begriff „Test“ zu verwenden und würde eher für die Bezeichnung „spezifischer Fragebogen“ plädieren, weil es sich ja immer um ein bestimmtes Thema dreht. Es gibt aber auch die Möglichkeit, Einstellungen, ebenso wie Motive, indirekt zu erfassen, d.h. ohne dass der Teilnehmer das Ergebnis verfälschen kann und ohne dass er weiß, dass es um seine Einstellungen geht. Ein bekanntes und recht valides Verfahren hierfür ist z.B. der IAT, der implizite Assoziationstest.

Die Validität von Persönlichkeitstests wird z.B. durch den Zusammenhang mit anderen Persönlichkeitstests oder mit bestimmten Verhaltensweisen, die zu der jeweiligen Eigenschaft passen, gesichert.

Exkurs „Faktorenanalyse“

Grob gesagt passiert bei der Faktorenanalyse Folgendes: Nachdem Probanden einen Fragebogen mit sehr vielen Aussagen (z.B. „Ich mag es, unter Leuten zu sein“ / „Ich erledige alle meine Arbeiten gründlich“) beantwortet haben, indem sie mit Hilfe einer Skala (die z.B. von 1-7 reicht) angaben, wie sehr diese Aussage auf sie zutrifft, werden statistische Analysen angewendet, die ausspüren, welche Aussagen des Fragebogens stark zusammenhängen (korrelieren). Zwei Aussagen sind dann korreliert, wenn Personen dazu tendieren, sie gleich oder ähnlich zu beantworten. Meistens hängen mehr als zwei Fragen zusammen, und diese werden dann zu einem „Faktor“ zusammengefasst. So gehören z.B. die Aussagen „Ich erledige alle meine Arbeiten gründlich“ und „Ich hasse es, wenn Unordnung entsteht“ zum Faktor „Gewissenhaftigkeit“ – einem der fünf großen Persönlichkeitsfaktoren, in dem sich Personen unterscheiden. Die Faktorenanalyse ist aber auch die Basis der Intelligenzforschung: Hier bearbeiten Probanden verschiedenste Aufgaben anstelle von Aussagen, und es werden diejenigen Aufgaben zusammengefasst, die häufig zusammen gelöst werden. Da Menschen z.B. sehr häufig sowohl in Wortschatz- als auch in Analogieaufgaben gute Leistungen bringen, werden beide Aufgabenarten, vereinfacht gesagt, oft zu dem Faktor „sprachliche Intelligenz“ zusammengefasst. Dass Leute, die gut in Wortschatzaufgaben sind, auch gute Leistungen in Rechenaufgaben bringen, ist derweil weniger häufig der Fall – sodass man hier von zwei verschiedenen Faktoren (z.B. „sprachliche Intelligenz“ vs. „mathematische Intelligenz“) ausgeht. Mehr dazu in den Artikeln zum Thema „Intelligenz“.

Tests zur Erfassung von Aufmerksamkeit, Konzentration & Gedächtnis

Hierunter fallen sämtliche Tests, die kognitive Funktionen wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Konzentration erfassen. Der „VLMT“ z.B. erfasst verbale Lern- und Merkfähigkeiten und ist in der Alzheimer – und Demenzdiagnostik wichtig. Die „TAP“ ist eine Testbatterie, mit der die selektive Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis und die Konzentrationsleistung überprüft werden. Auch der „d2“ und der „FAIR“ erfassen die Konzentrationsleistung, in dem sie den Teilnehmer vor die Aufgabe stellen, eine vergleichsweise einfache Aufgabe, die aber viel Konzentration erfordert, unter Zeitdruck zu bearbeiten, ohne Fehler zu machen. Ebenso gibt es Tests, die die Belastbarkeit einer Person unter Stress und die motorischen Fähigkeiten erfassen. In diese Gruppe von Tests fallen all die Tests, die Teil der Aufnahmeprüfung in Berufen sind, in denen mangelnde Konzentration etc. fatal sein können – bei Piloten, Fluglotsen, Zugführer, LKW-Fahrer, etc. Auch bei der MPU, der medizinisch-psychologischen Untersuchung, die z.B. auf Verkehrsteilnehmer wartet, die zu viele Punkte in Flensburg haben, kommen viele von diesen Tests zum Einsatz.

Fragebögen zu klinischen Symptomen

Auch hier sollte man mit dem Begriff „Test“ vorsichtig sein und die Bezeichnung „Fragebogen“ wählen. Klinische Fragebögen erfassen Symptome psychischer Störungen und liegen entweder als Selbstbeurteilungsvariante (der Patient kreuzt selbst an) oder als Fremdbeurteilungsvariante (ein_e Psychologe_in beurteilt das Verhalten und die Schilderungen des Teilnehmers und kreuzt an) vor. Es gibt Fragebögen, die Symptome mehrerer Störungsbilder gleichzeitig abfragen (z.B. die „SCL-90-R“) und Fragebögen, die Symptome nur jeweils einer Störung erfassen – hier ein paar Beispiele von qualitativ hochwertigen diagnostischen Fragebögen:

Depression

  • Selbstbeurteilung: „BDI“, „ADS“ (hat nichts mit AD(H)S zu tun, sondern steht für „allgemeine Depressionsskala“)
  • Fremdbeurteilung: „MADRS“, „HAMD“

Angststörungen/Ängstlichkeit

  • Selbstbeurteilung: „STAI“ und „ACQ“
  • Fremdbeurteilung: „HAMA“

Zwangsstörungen

  • Selbstbeurteilung: „HZI“

AD(H)S bei Erwachsenen

  • Selbstbeurteilung: „WURS-K“ (für Symptome in der Kindheit), „ADHS-SB“ (für Symptome im Erwachsenenalter)
  • Für AD(H)S bei Kindern stehen zahlreiche Fremdbeurteilungsverfahren vor, die auch von Eltern und Lehrern ausgefüllt werden können.

und viele mehr…

Der wichtige Grundsatz bei den klinischen Fragebögen lautet: Sie sind als zusätzliche Quelle von diagnostischen Informationen sinnvoll, aber eine Störungsdiagnose sollte niemals alleine auf dieser Basis vergeben werden! Deshalb sollte hier auch nicht von Tests die Rede sein – denn die liefern sehr viel eindeutigere und vor allem unumstößliche Ergebnisse.

Im dritten Teil stelle ich dann abschließend eine Reihe von Tests vor, die die in Teil 1 dargestellten Gütekriterien von psychologischen Tests kaum oder gar nicht erfüllen. Sie glauben gar nicht, auf wie viele so genannte „Tests“ dies zutrifft…

© Christian Rupp 2013