Flug 4U9525: Hypothesen im Hinblick auf das scheinbar Unerklärliche

Auch wenn es ein ebenso trauriger wie tragischer Anlass ist, habe ich mich entschieden, den Absturz von Flug 4U9525 zum Anlass für einen neuen Blogartikel zu nehmen, nachdem über ein halbes Jahr berufsbedingte Funkstille herrschte. Dazu bewogen haben mich letztendlich die mehr als fragwürdigen Umstände, die gemäß der gestern veröffentlichten Ermittlungen zu dem Unglück geführt haben, und die damit verbundene Fassungslosigkeit bezüglich des Verhaltens des Copiloten.

Wie wir nun wissen, hat sehr wahrscheinlich der Copilot den Absturz der Maschine bewusst und vermutlich auch absichtlich herbeigeführt. Mit anderen Worten: Im Raum steht derzeit der begründete Verdacht, dass der Copilot sich selbst suizidiert und damit rund 150 unbeteiligte Menschen mit in den Tod gerissen hat. Dies ist für alle Beteiligten – und dabei beziehe ich mich neben den Angehörigen der Passagiere und Crewmitglieder auch auf die Familie des Copiloten – ein nur schwer nachzuvollziehender und noch schwerer zu akzeptierender Umstand, erzeugt er doch ein ungeheures Maß an Wut und Hilflosigkeit. Und hiermit verbunden ist (und auch dies ist absolut verständlich) immer auch relativ automatisch die Frage „Wie konnte so etwas passieren?“. Bei der großen Mehrzahl der Flugzeugunglücke richtet sich diese Frage auf technische Defizite, Sicherheitslücken und ggf. menschliches Versagen. Doch im Falle von Flug 4U9525 ist es anders: Hier richtet sich die Frage eher in die Richtung der fragwürdigen psychischen Verfassung des Copiloten, und ziemlich schnell wurden in den Medien auch die psychologischen Tests der Lufthansa aufs Korn genommen, die alle angehenden Piloten durchlaufen und bestehen müssen.

Typischerweise beinhalten diese Tests die Erfassung zentraler für die Tätigkeit als Pilot relevanten Persönlichkeitsmerkmale wie z.B. Stressresistenz, Gewissenhaftigkeit oder auch allgemeine Intelligenz. In der Tat hat insbesondere das Auswahlverfahren der Lufthansa einen sehr guten Ruf, und die Tatsache, dass möglicherweise nun erstmalig ein Kandidat „durchs Raster gefallen“ ist, spricht im Grunde eher für als gegen das psychologische Testverfahren, da es bisher offenbar ziemlich verlässlich in der Bewerberauswahl war. Dass psychologische Tests jedoch niemals eine 100% sichere Vorhersage über das spätere Verhalten eines Bewerbers machen können, liegt zum einen in den Eigenschaften psychologischer Tests per se begründet (hier und hier nachzulesen), zum anderen aber natürlich auch darin, dass sich Menschen im Laufe der Zeit verändern, wobei zum Zeitpunkt der psychologischen Untersuchung keinerlei Vorboten für solche (z.B. charakterlichen) Veränderungen erkennbar sein müssen. Doch was wären nun – auf Basis des aktuellen Erkenntnisstands – mögliche psychologische Erklärungen für das für die meisten so derart unfassbare Verhalten des Copiloten? Ich habe mir hierüber einige Gedanken gemacht und würde gerne einige Möglichkeiten näher erläutern. Bei den folgenden Darstellungen möchte ich allerdings noch einmal betonen, dass es sich hierbei um Erklärungsansätze handelt, die auf der Annahme beruhen, dass Ursache des Unglücks tatsächlich kein technisches Versagen, sondern die intentionale Handlung einer einzelnen Person war, die wiederum nicht im klassischen Sinne terroristisch motiviert war.

Möglichkeit 1: Psychose & Depression

Eine mögliche Erklärung für das durchaus „wahnsinnig“ anmutende Verhalten des Copiloten, ist, dass er tatsächlich unter einer akuten psychotischen Erkrankung wie der Schizophrenie oder aber einem verwandten Störungsbild wie beispielsweise einer schizoaffektiven oder einer wahnhaften Störung litt. Kennzeichnend für diese Gruppe von Störungsbildern sind im Wesentlichen der Verlust des Realitätsbezugs im Sinne einer Verkennung der Realität (Wahn) sowie Halluzinationen, die alle fünf Sinneskanäle betreffen können. Typisch für letzteres ist das Hören von Stimmen, die beispielsweise bestimmte Befehle erteilen. In Bezug auf Flug 4U9525 wäre also eine mögliche Erklärung für das Verhalten des Copiloten, dass er aufgrund eines akuten Wahns (Überzeugung, aus irgendeinem Grund das Flugzeug abstürzen lassen zu müssen) oder aufgrund von Stimmen, die ihm ebendies befohlen haben, entsprechend handelte. Hierdurch ließe sich auf jeden Fall das aus unseren Augen verantwortungslose Handeln erklären, da im Rahmen eines akuten psychotischen Zustands ein Hinterfragen der Wahninhalte und der Halluzinationen unmöglich wird – und somit auch die Übernahme einer anderen Perspektive wie z.B. der der Passagiere.

Es gibt jedoch mehrere Aspekte, die gegen diese Hypothese sprechen. Es gibt zwar den seltenen Fall, dass eine Schizophrenie oder eine wahnhafte Störung plötzlich und ohne „Vorwarnung“ (so genannte Prodromalsymptome) auftritt, doch es wäre dennoch mehr als ungewöhnlich. Denkbar wäre hier ggf. noch eine auf organische Ursachen (akute Erkrankungen des Gehirns wie z.B. eine Gehirnblutung) zurückgehende Psychose, jedoch sind auch diese vergleichsweise selten. Zudem gehen psychotische Erkrankungen in der Regel mit einer ziemlich allumfassenden Störung kognitiver Funktionen einher, d.h. mit zumeist derart starken Konzentrations- und Auffassungsstörungen, dass es eher unwahrscheinlich erscheint, dass ein solcher Zustand unbemerkt bleibt und ein Copilot so ins Cockpit gelangt. Dagegen spricht ferner das Alter des Copiloten, der meines Wissens nach 28 Jahre alt war – denn das typische Ersterkrankungsalter für psychotische Störungen liegt bei Männern ca. im Bereich zwischen dem 19. und 24. Lebensjahr. Auch für die Möglichkeit einer schweren Depression, die oft mit Suizidgedanken, -impulsen und -handlungen einhergeht, spricht aus meiner Sicht eher wenig, da auch diese in der Regel mit derart starken Symptomen wie Antriebsminderung und Konzentrationsschwäche einhergeht, dass das Ausüben des Pilotenberufs unmöglich wird. Zudem sind bei (reinen) Depressionen derart appellative Suizide (Erläuterung siehe unten) eher untypisch. Ähnliches gilt für den Fall, dass der Entschluss zum Suizid durch die Diagnose einer schweren und ggf. tödlich verlaufenden Erkrankung getroffen wird: Auch hier wäre es bei Vorliegen einer „gesunden“ Persönlichkeitsstruktur eher sehr ungewöhnlich, dass Unbeteiligte mit in den Tod gerissen werden.

Möglichkeit 2: Persönlichkeitsstörung

Die andere mögliche (psychologische) Erklärung für das Verhalten des Copiloten wäre, dass er an einer Persönlichkeitsstörung litt. Hierbei handelt es sich um tiefgreifende Störungen des menschlichen Interaktionsverhaltens vor dem Hintergrund einer extremen Ausprägung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale, die in der Regel zu massiven Problemen zwischen der betroffenen Person und ihrer Umwelt führen (daher auch der eigentlich passendere Begriff der Beziehungsstörung). Kennzeichnend ist hierbei, dass Betroffene selbst eine Persönlichkeitsstörung meistens nicht als das eigentliche Problem sehen (man sagt daher, eine Persönlichkeitsstörung ist ich-synton) – in der Regel sehen Betroffene daher vorrangig die Schuld für ihre interaktionellen Probleme bei den Menschen in ihrer Umwelt.

Nun gibt es eine ganze Reihe verschiedener Persönlichkeitsstörungen, die sich am ehesten anhand des jeweiligen zwischenmenschlichen Motivs (bzw. Bedürfnisses) unterscheiden lassen, das die Betroffenen auf exzessive Weise und unter Anwendung problematischer Verhaltensweisen (z.B. Lügen, Manipulation, etc.) versuchen zu befriedigen. So könnte man z.B. sagen, dass bei der dependenten Persönlichkeitsstörung das Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe und bei der zwanghaften Persönlichkeitsstörung dasjenige nach Sicherheit und Verbindlichkeit in jeweils extremer Weise realisiert werden, wobei das, was die Störung zur Störung macht, die wachsenden negativen Konsequenzen und Einschränkungen sind, die die Person dadurch erleidet – und die (wenn überhaupt) meist den eigentlichen Grund für das Aufsuchen einer Behandlung darstellen.

Auf Basis der mir bekannten Umstände bzgl. des Absturzes der Germanwings-Maschine kämen aus meiner Sicht drei Persönlichkeitsstörungen in Frage. Zum einen ließe sich derart verantwortungsloses und im Grunde aggressives Verhalten durch eine antisoziale Persönlichkeitsstörung erklären, die u.a. auch durch einen Mangel an Empathie und Mitgefühl für die Opfer gekennzeichnet ist. Dagegen spricht allerdings erstens, dass Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstruktur in der Regel kaum einen Bildungsweg absolvieren, der schließlich zum Beruf des Piloten führt, und dass derartige Verhaltens- und Denkmuster in einer psychologischen Testung wie der der Lufthansa sehr wahrscheinlich aufgefallen wären. Zweitens spricht dagegen, dass Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstruktur zwar typischerweise anderen Menschen Schaden zufügen, jedoch kaum sich selbst, d.h. eher nicht den eigenen Tod mit in Kauf nehmen würden. In Frage käme darüber hinaus außerdem eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung (besser bekannt als Borderline-Störung), die durch eine Instabilität der Emotionen, Beziehungen und des Selbstbilds gekennzeichnet ist und mit Selbstverletzungen und Suizidversuchen einhergeht, die häufig appellativen Charakter haben, d.h. auf dramatische Weise die eigene Hilfsbedürftigkeit deutlich machen sollen. Hierzu würde zwar die Gestaltung des vermeintlichen Suizids des Copiloten passen, jedoch spricht hiergegen, dass Menschen mit emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung selten in der Lage sind, ein so geordnetes Leben zu führen, dass sie eine Pilotenlaufbahn einschlagen und beibehalten können.

Hypothese: Appellativer Suizid nach narzisstischer Kränkung

Für die wahrscheinlichste Antwort auf die psychologische Frage nach dem „Warum“ halte ich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Das zentrale zwischenmenschliche Motiv, um das sich Menschen mit dieser Art von Persönlichkeitsstörung unablässlich drehen, ist das nach Anerkennung und Bewunderung. Wie der bekannte Psychotherapeut Rainer Sachse herausstellte, ist das, worunter diese Menschen im Grunde leiden, ein unauflöslicher Konflikt zwischen einem sehr negativen Selbstkonzept („Ich bin ein inkompetenter Versager, der zu nichts in der Lage ist“) und einem übermäßig positiven Selbstkonzept („Ich bin sowieso der Beste, alle anderen sind nur neidisch auf mich“), das der Betroffene entwickelt, um das negative Selbstkonzept zu kompensieren. Dadurch – und vor dem Hintergrund des riesigen Bedürfnisses nach Bewunderung – erklären sich viele Verhaltensweisen von Narzissten. In der Regel haben sie eine Reihe von Größenphantasien im Kopf, die sich nicht selten darum drehen, wie sie im Mittelpunkt einer großen Menschenmenge stehen und als Gewinner  gefeiert werden. Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung sind zudem meist äußerst wettkampforientiert und stabilisieren ihr positives Selbstkonzept häufig, indem sie andere Menschen massiv abwerten („Der kann doch nichts, der ist völlig inkompetent, der kann mir doch nie das Wasser reichen“). Kennzeichnend ist zudem ein Mangel an emotionaler Empathie (d.h. Narzissten können sich emotionale Zustände rational gut erschließen, emotional fühlen sie jedoch kaum mit) und eine damit zusammenhängende Tendenz zu manipulativem Verhalten, das letztendlich immer darauf abzielt, sich selbst in ein gutes Licht – und möglichst auch in den Mittelpunkt der kollektiven Aufmerksamkeit zu rücken. Vielleicht hat jetzt der ein oder andere Leser ein gewisses Aha-Erlebnis, weil er nun einen Begriff für manch eine Person hat, die ihn stets zur Weißglut treibt.

Das, was Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung bisweilen unberechenbar und daher auch in einem gewissen Maß gefährlich macht, ist das, was passiert, wenn das positive Selbstbild durch Ereignisse in der Umwelt ins Wanken gebracht und das negative aktiviert wird – ein Prozess, der auch als narzisstische Kränkung bezeichnet wird. Diese kann aus unbeteiligter Sicht durch relative Lappalien ausgelöst werden, etwa durch eine vergleichsweise harmlose Kritik seitens eines Vorgesetzten, oder aber durch größere Einschnitte wie eine Kündigung oder eine vom Partner ausgesprochene Trennung. Nicht selten geraten Narzissten in diesem Moment wahrhaftig außer Kontrolle und versuchen, die Kränkung durch hasserfüllte Abwertung der Umwelt („Wie konnte das Miststück mir das nur antun?!“) und das Üben von Rache zu kompensieren. Letzteres ist das gefährlichste, denn Rache im Sinne eines Narzissten bedeutet, der Umwelt (und hierbei wird der Hass oft von der eigentlich verursachenden Person auf andere Menschen ausgeweitet) in dem Maße „wehzutun“, wie diese (in der subjektiven Sicht der gekränkten Person) auch ihm „wehgetan“ hat. Mit anderen Worten: Es ist möglich, dass ein derart gestrickter Mensch nach einer Kränkungserfahrung eine derartige Wut und einen solch ausgeprägten Hass entwickelt, dass diese sich schnell auf die gesamte Umwelt ausweiten („Die denken doch alle, sie könnten mit mir machen, was sie wollen – aber da haben die sich geschnitten“) und ein großes Bedürfnis nach Rache entsteht. Und eben diese Konstellation kann das zur Folge haben, was (wie oben schon angerissen) auch als appellativer oder demonstrativer Suizid bezeichnet wird – womit wir es übrigens auch häufig bei Amokläufen zu tun haben, denen nicht selten ebenfalls eine massive Kränkung des Täters vorausgeht, z.B. durch Mobbing. Werden (wie wahrscheinlich im Fall von Flug 4U9525) unbeteiligte Personen mit hineingezogen, spricht man zudem auch vom erweiterten Suizid oder vom Mitnahmesuizid.

Ein solcher appellativer Suizid beruht meist auf zwei Annahmen: Erstens, dass die gekränkte Person durch einen derart Aufmerksamkeit erregenden Tod der Welt „einen Denkzettel verpassen“ kann, da dieser somit vor Augen geführt wird, was sie der Person alles „angetan“ hat – und zweitens, dass sie durch das Mitreißen von im Grunde unbeteiligten Menschen zumindest zum Teil „Rache an der Menschheit“ nehmen kann, die sich gemäß der Wahrnehmung der gekränkten Person kollektiv gegen sie gerichtet hat. Mir ist bewusst, dass derartige Gedankengänge sehr erschreckend und beängstigend wirken können; dennoch sind sie ebenso Teil der Realität wie die Menschen, zu denen sie gehören. Das Gefährliche hieran ist dabei leider auch, dass Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung häufig sehr gut darin sind, derartige Denkmuster zu verbergen, und sich oft nach außen hin sehr adäquat verhalten, was erklären könnte, dass entsprechende Persönlichkeitsmerkmale selbst in psychologischen Untersuchungen mitunter unentdeckt bleiben. Zudem ist es anders als bei den anderen beiden diskutierten Persönlichkeitsstörungen so, dass Betroffene in der Regel einen hohen Bildungserfolg aufweisen und so z.B. auch Zugang einer Pilotenausbildung erhalten.

Korrekterweise muss ich an dieser Stelle herausstellen, dass es sich bei dem, was ich im vergangenen Abschnitt beschrieben habe, um eine Extremform der narzisstischen Persönlichkeitsstörung handelt, die in der Mehrzahl der Fälle nicht zu derarzt verheerenden Handlungen führt wie soeben beschrieben. In Bezug auf das aktuelle Flugzeugunglück ist hierdurch jedoch eine mögliche Erklärung für das Verhalten des Copiloten von Flug 4U9525 gegeben, die mir auf Basis des aktuellen Erkenntnisstands und meines psychologischen Wissens zumindest plausibel erscheint. Ich erhebe dabei nicht den Anspruch, hiermit die richtige Erklärung gefunden zu haben. Mein Hauptanliegen hierbei ist, die Fassungslosigkeit der Menschen aufzugreifen und deutlich zu machen, wie es tatsächlich doch dazu kommen kann, dass Menschen in einer Art und Weise handeln, wie sie für die meisten von uns völlig unverständlich – und durchaus auch beängstigend ist.

 © Christian Rupp 2015

Homöopathie & Co.: Von Placebo, Nocebo und einem paradoxen Dilemma

Vorab: Was ist eigentlich Homöopathie?

Diese Frage ist deshalb ganz zentral, weil im Volksmund häufig eine ganz bestimmte Verwechslung vorgenommen wird: nämlich die von homöopathischen und pflanzlichen Mitteln. Denn diese beiden Kategorien sind keineswegs dasselbe! Weder sind alle pflanzlichen Mittel homöopathisch, noch sind alle homöopathischen Mittel pflanzlich. Ein Beispiel für ein nicht-homöopathisches, aber pflanzliches Mittel ist z.B. Johanniskraut, dessen Wirksamkeit in Bezug auf Depressionen als gut belegt gilt, wenngleich der Effekt nicht so groß ist wie der klassischer Antidepressiva. Zudem ist Johanniskraut ein sehr gutes Beispiel dafür, dass auch pflanzliche Medikamente erhebliche Nebenwirkungen haben können – aber das nur nebenbei. Derweil enthalten homöopathische Mittel oft keinerlei pflanzliche Substanzen, sondern anorganische chemische Stoffe, wie z.B. Quecksilber.

Aber was ist nun der Unterschied? Im Wesentlichen liegt dieser in der Wirkstoffkonzentration. Überspitzt gesagt ist es nämlich so, dass pflanzliche Medikamente Wirkstoffe enthalten, homöopathische hingegen nicht. Warum das so ist? Das liegt in der Herstellung und den meiner Meinung nach als esoterisch zu bezeichnenden Annahmen bezüglich der Wirkung. Denn homöopathische Mittel beruhen auf dem Prinzip der extremen Verdünnung, die ein Verhältnis von bis zu 1 : 50000 annehmen kann (wobei der Wirkstoff entweder in Wasser oder Alkohol gelöst wird). Das Ergebnis dessen ist, dass in einem 50ml-Fläschchen rein rechnerisch oft kein einziges Wirkstoffmolekül mehr enthalten ist. Nun kann man sich zurecht fragen, wie dann noch eine Wirkung eintreten soll. Die Antwort der Homöopathen lautet in etwa so: Dadurch dass die Lösung zusätzlich auf eine ganz bestimmte Weise geschüttelt wird („Dilutation“), überträgt sich die Wirkung auf die Wasser- oder Alkoholmoleküle. Ferner sei es so, dass sich die Wirkung durch die Verdünnung nicht verringere, sondern gar vergrößere („Potenzierung“). Wie genau das geschehen soll, lassen sie derweil offen. Die wissenschaftliche Forschung hat derweil ein paar andere Antworten parat.

Homöopathie trifft auf wissenschaftliche Realität

Der durch zahlreiche Studien belegte wissenschaftliche Konsens bezüglich homöopathischer Medikamente ist der, dass sie zwar wirksam sind, aber eben nicht wirksamer als eine Zuckerpille, die das häufigste Beispiel für eine so genannte Placebo-Behandlung darstellt. Dieser Befund gilt für alle Formen von Erkrankungen, die bisher in solchen Studien betrachtet wurden. Untersucht werden Fragestellungen der Wirksamkeit von Medikamenten in der Regel in randomisierten kontrollierten Studien, in denen verschiedene Behandlungsgruppen miteinander verglichen werden, die jeweils mit nur einem Präparat über eine gewisse Zeit behandelt werden. So könnte man sich z.B. eine Studie vorstellen, in der vier Bedingungen miteinander verglichen werden: ein Medikament mit klassischem Wirkstoff, ein homöopathisches Mittel, eine Zuckerpille (Placebo) – und eine Gruppe von Patienten, die gar keine Behandlung erfährt. Das Ergebnis in einer solchen Studie sieht typischerweise so aus (Beispiel: Reduktion von Schmerzen bei Arthritis): Das klassische Medikament führt zu einer deutlichen Abnahme der Schmerzen, die Patienten ohne Behandlung verändern sich kaum hinsichtlich ihres Schmerzniveaus. Die Schmerzen in der homöopathisch behandelten Gruppen lassen auch signifikant nach (d.h. die Reduktion kann nicht auf einen Zufall zurückgeführt werden) – aber, und das ist das Wichtige: Die Schmerzen in der Placebo-Gruppe reduzieren sich ebenfalls signifikant um einen ähnlichen Betrag. Wie kann das sein?

Von Placebo- und Nocebo-Effekten

Die Antwort lautet „Placeboeffekt“. Abgeleitet von dem lateinischen Verb „placere“ (= „gefallen“) beschreibt dieser in der Psychologie sehr gut erforschte Effekt das Phänomen, das bloße Wirkungserwartungen schon Berge versetzen können. So weiß man sowohl aus der Forschung zur Wirksamkeit von Medikamenten als auch von Psychotherapie, dass am Ende eine stärkere Wirkung resultiert, wenn der Patient auch eine Verbesserung erwartet. Oder mit anderen Worten: an eine Besserung glaubt. Hierzu müssen diese Wirkungserwartungen allerdings in ausreichendem Maße ausgelöst werden (z.B. indem der Patient eine nach echter Tablette aussehende Pille schluckt), aber das genügt dann auch schon. Da man sich dieses Effekts bewusst ist, ist das, was Heilmethoden liefern müssen, um zugelassen zu werden, der Nachweis einer Wirkung, die über eben diesen Placeboeffekt hinausgeht. Und genau dieser fehlt bei homöopathischen Mitteln leider – sie zeigen keine größere Wirkung als eine Zuckerpille, von der Patienten denken, es sei eine „echte“ Pille.

Es gibt allerdings auch den bösen Zwillingsbruder des Placeboeffekts – genannt Nocebo-Effekt. Er beschreibt das Phänomen, dass negative Wirkungserwartungen auch einen negativen Effekt auf die tatsächliche Wirkung haben. Konkret bedeutet das: Sagt man Patienten, die eine echte Pille einnehmen, es handle sich hierbei um eine Zuckerpille ohne Wirkstoff, dann lässt sich tatsächlich eine geringere objektive Wirkung nachweisen als bei Patienten, die eine echte Pille einnehmen und dies auch wissen. Was man hieran also erkennt, ist: Jede Form von Therapie, sei es ein Medikament, ein wissenschaftlich fundiertes psychotherapeutisches Verfahren – oder aber homöopathische Globuli, Reiki und Akupunktur – sind von solchen Erwartungseffekten betroffen. Bedeutet das also, dass es eigentlich egal ist, welche Behandlungsform wir wählen, Hauptsache der Patient glaubt an ihre Wirkung?

Das paradoxe Dilemma

Zunächst einmal: Nein. Denn der zentrale Unterschied liegt nun einmal darin, dass sich wissenschaftlich fundierte Behandlungsmethoden, wie oben beschrieben, eben genau dadurch auszeichnen, dass sie wirksamer sind als eine entsprechende Placebo-Behandlung. Dennoch ist es natürlich, wie bereits dargelegt, unverkennbar, dass die Erwartung des Patienten an die Wirksamkeit und die Wirkweise einer Behandlung großen Einfluss auf seine Genesung oder Nicht-Genesung haben kann. Die bedeutsame Rolle dessen, dass derartige Erwartungen durch eine glaubwürdige „Coverstory“ aber überhaupt erst erzeugt werden müssen, wird an dem Dilemma deutlich, dass ein Placebo zwar ohne Wirkstoff (bzw. als wirksam erachtete Elemente) wirkt – aber eben auch mehr als nichts ist (und somit klar von dem Effekt abzugrenzen ist, dass mit der Zeit „von selbst“ eine Besserung eintritt). Daher macht es z.B. im Kontext einer Psychotherapie Sinn, dem Patienten ein Störungs- sowie ein Veränderungsmodell zu vermitteln, welches er nachvollziehen und mit dem er sich zudem identifizieren kann – in anderen Worten: ein Modell, an das er glauben kann – um sich den Placeboeffekt zunutze zu machen.

Erwartungseffekte in der Psychotherapie

Zumindest in Bezug auf die Wirkung von Psychotherapie lässt sich der Befund, dass Wirkungserwartungen und die Passung zwischen dem subjektiven Patientenmodell und dem Veränderungsmodell der Therapie den Therapieerfolg maßgeblich bestimmen, durchaus mit dem aktuellen Forschungsstand der Psychotherapieforschung vereinbaren. Letzterer nämlich lässt sich am ehesten dadurch zusammenfassen, dass die Wirksamkeitsunterschiede zwischen den verschiedenen Therapieformen bestenfalls gering ausfallen (siehe auch mein Artikel zum Dodo-Bird-Verdict). Allerdings haftet dieser Forschung meiner Meinung eine reduzierte Aussagekraft an, da ihre externe Validität sowohl im Hinblick auf die Repräsentativität der Patienten (Patienten in klinischen Studien sind eher untypisch für die große Masse der Patienten in der Bevölkerung) als auch bezüglich der schulenspezifischen Reinheit der Therapie (die dem in der Praxis üblichen eklektischen Mix sehr fern ist) stark hinterfragt werden muss. Zudem ist die viel interessantere Frage, der sich die klinisch-psychologische Forschung zum Glück inzwischen vermehrt widmet, die nach den Prozessen bzw. Mediatoren, über die Psychotherapie wirkt. Ein sehr heißer Kandidat hierfür ist z.B. schulenübergreifend die therapeutische Beziehung, auch working alliance genannt. Zwar wurden in diesem Sinne bereits (z.B. von Klaus Grawe, der leider verstorben ist) integrative Ansätze zu Wirkmechanismen von Psychotherapie vorgeschlagen, jedoch herrschen in den Köpfen der meisten Forscher und Praktiker noch immer kategoriale Denkweisen vor.

Hierbei handelt es sich allerdings um ein mir weitgehend unverständliches Phänomen, da die Quintessenz, die ich aus meinem Studium in klinischer Psychologie mitnehme, die ist, dass im Grunde, wenn man einmal die Dinge zu Ende denkt, alle psychotherapeutischen Verfahren weitgehend dasselbe beinhalten und lediglich unterschiedliche Begriffe verwenden oder Perspektiven einnehmen. Und ich könnte mir in der Tat sehr gut vorstellen, dass es letztlich hauptsächlich darauf ankommt, ob der Patient diese Begriffe und Perspektiven für sich annehmen kann – sodass etwaige Wirksamkeitsunterschiede zwischen verschiedenen Therapieverfahren am Ende vielleicht genau darauf zurückzuführen sein könnten. Ich weiß nicht, ob Erwartungseffekte in der Psychotherapie bereits dahingehend untersucht wurden, ob eine generelle Wirkungserwartung bzw. ein allgemeiner Glaube an Psychotherapie eine notwendige Bedingung für Veränderung darstellen; so ließe sich in der Tat eventuell Licht ins Dunkel der Frage bringen, ob etwaige weitere Wirkmechanismen der Therapie im Sinne eines Interaktionseffekts erst dann wirksam werden, wenn diese notwendige Bedingung erfüllt ist.

Egal warum – Hauptsache, es wirkt?

Doch rechtfertigt dies die (oft in Bezug auf Homöopathie gehörte) Aussage: „Egal warum es wirkt – Hauptsache, es wirkt“? In Bezug auf psychotherapeutische Verfahren und Medikamente, deren Überlegenheit gegenüber einem Placebo belegt wurde, würde ich ganz klar sagen: Ja – aber mit dem Zusatz, dass es aber durchaus wünschenswert wäre, den Wirkmechanismus genauer zu kennen. Hinsichtlich Medikamenten und Therapien, für die diese Überlegenheit nicht gilt (z.B. Homöopathie), würde ich hingegen sagen: Bevor man hierfür Geld ausgibt, sollte man lieber die günstigere Zuckerpille schlucken – wenngleich die schwierige Crux natürlich gerade darin besteht, bei einer solchen Zuckerpille die notwendigen Wirkungserwartungen auszulösen. Dennoch wäre meine persönliche Empfehlung, dass man bei Zugrundelegung der Nicht-Überlegenheit homöopathischer Mittel gegenüber einem Placebo, deren fragwürdiger Herstellungsweise – und dem oft exorbitant hohen Preis – eher die Finger davon lassen sollte. Ein Ratschlag, den ich auch einigen deutschen Krankenkassen geben würde, von denen, wie ich vor Kurzem voller Entsetzen feststellen musste, eine große Zahl die Kosten für homöopathische Mittel übernimmt, während bei anderen Behandlungsformen, deren Wirksamkeit weitaus besser belegt ist, gerne gegeizt wird. Geht es djedoch nicht um die Frage des Geldes (angenommen, der Referenzwert ist der Preis einer Zuckerpille), sehe ich derweil keinerlei Nachteil darin, den Placeboeffekt voll auszunutzen. Nur leider ist es in der Regel so, dass am anderen Ende des Verkaufstisches, der Massageliege oder des Akupunkturnadelkissens meist kein altruistischer Kommunist steht, sondern in der Regel eine Person, die Geld verdienen möchte.

© Christian Rupp 2014

 

Nutzlos, aber doch so schön: Über unser Kaufverhalten in der Weihnachtszeit.

Warum neigen wir gerade in der Vorweihnachtszeit dazu, so viele nutzlose Dinge zu kaufen? Blinkende Weihnachtsmützen, einen Plüschelch mit Aufschrift „Merry Christmas“ oder einen singenden Weihnachtsmann-Gartenzwerg braucht niemand, und doch gehen diese Artikel in den Adventswochen über den Ladentisch wie warme Semmeln. Warum ist das so? Diese Presseanfrage erreichte mich am vergangenen Montag von einer Journalistin der Westfälischen Nachrichten (Tageszeitung). Hier im Folgenden meine Antwort, die in Auszügen heute (06.12.2013) in der Weihnachts-Sonderzugabe „Westfälische Weihnacht“ (Seite 8) erschienen ist.

Allgemein muss man sich bei dieser Fragestellung aus psychologischer Sicht vor Augen führen, wie Menschen generell Entscheidungen treffen. Vereinfacht gesagt stimmen die meisten psychologischen Theorien zu diesem Thema darin überein, dass wir Entscheidungen entweder rational über das nüchterne Abwägen der Pro- und Contra-Seiten fällen oder aber emotional. Letztere Variante (beschrieben z.B. durch Antonio Damasio in seiner „Theorie der somatischen Marker“), die übrigens den deutlich größeren Anteil unserer Entscheidungen steuert, meint die Entscheidung für eine Alternative in der Erwartung, in der Folge eine bestimmte positive Emotion (Freude, Zufriedenheit, etc.) zu erfahren, und zwar weil ein bestimmtes Motiv bzw. ein bestimmtes Bedürfnis durch diese Entscheidungsalternative angeregt wird. Solche „emotional“ getroffenen Entscheidungen setzen sich letztendlich fast immer gegen die rationalen durch – mit anderen Worten: Gefühle wiegen deutlich mehr als Argumente. Und je mehr diese emotionalen Entscheidungen überwiegen, desto häufiger kommt es zu den berühmten Fehlkäufen, bei denen wir uns am Ende fragen: „Wozu brauchte ich das noch mal?“. Und da gerade zur Weihnachtszeit bestimmte Kernmotive des Menschen (z.B. Anschluss, Geborgenheit und Harmonie sowie generelles Wohlbefinden bzw. im deutschen Sprachraum „Gemütlichkeit“) ganz besonders angeregt werden und stark in den Menschen aufkommen, sind Entscheidungen in dieser Zeit auch besonders starken emotionalen Einflüssen unterworfen. Weil es sich bei jenen Motiven vor allem um implizite Motive handelt, sind uns zudem die Prozesse, die zu diesen Entscheidungen führen, weitgehend gar nicht bewusst.

Nun kann man sich fragen, warum diese Motive besonders in der Weihnachtszeit den Menschen wichtig werden. Hier erscheint mir eine Kombination verschiedener Faktoren am plausibelsten. Zum einen werden in unserer christlich geprägten Kultur zur Weihnachtszeit Dinge wie Harmonie, Zweisamkeit und Nächstenliebe ganz besonders betont, was auf der Ebene des individuellen Menschen jene Motive anregt. Zusätzlich werden diese Werte natürlich in Form von Traditionen von Generation zu Generation weitergegeben. Ein weiterer meiner Meinung nach sehr wichtiger Grund sind zudem die Botschaften der vorweihnachtlichen Werbung, die den Menschen in ihren emotional gefärbten Kampagnen und auf entsprechenden Plakaten suggeriert, dass genau jene eigentlich überflüssigen Artikel notwendig sind, um – wie die freudestrahlenden Menschen in der Werbung – am Weihnachtsabend glücklich und zufrieden im Kreis seiner Lieben zu sitzen. Ein Paradebeispiel für eine in diesem Sinne perfekte Werbestrategie ist übrigens die weihnachtliche Coca-Cola Werbung, die die Art und Weise, wie Werbung jenes Bedürfnis nach positiven Emotionen forciert, hervorragend plakatiert. Letztendlich kommen natürlich auch noch die Vorbildwirkung der anderen Konsumenten und der dadurch entstehende normative Druck hinzu, getreu dem Motto: „Wenn die anderen so einen Krimskrams kaufen, dann wird das schon richtig sein – und dann brauche ich das auch“.

Leider ist es übrigens so, dass diese Erwartung der (vor)weihnachtlichen Glückseligkeit, wie ich sie einmal salopp nennen möchte, allzu oft enttäuscht wird, und zwar bedingt dadurch, dass viele Menschen sich die durch Medien, Werbung und Mitmenschen gesetzten Maßstäbe für „richtige“ Weihnachtsgeschenke zu sehr zu eigen machen, was wiederum jenen normativen Druck erzeugt und dazu führt, dass das Ergebnis am Ende nicht Zufriedenheit, sondern Stress heißt – der dann dazu führt, dass die Adventszeit als alles andere als angenehm erlebt wird.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 7: Was treibt uns wirklich an? Wie Sie Zugang zu Ihren unbewussten Motiven erhalten.

Dieser letzte Teil der Themenreihe zu Motivation ist zugleich der kürzeste, vielleicht aber auch der interessanteste. Nachdem ich nun in den vergangenen sechs Teilen jede Menge darüber erzählt habe, welche Macht unsere impliziten Motive über uns haben, wäre es gemein, Ihnen vorzuenthalten, wie man nun einen Zugang zu seinen unbewussten Motiven erlangt. Nun könnte ein gewiefter Leser einwenden, dass Motive, wenn man sich einen Zugang zu ihnen verschaffen kann, wohl kaum unbewusst sein können. Das ist auch weitgehend richtig. Aber ebenso wie ein projektiver psychologischer Test wie der TAT einen Einblick in unsere impliziten Motive und Wünsche liefern kann, kann man sich auch auf anderem Wege „Zugang“ zu diesen verschaffen, wenn man einmal über die folgenden drei Fragen nachdenkt:

Was machen Sie, auch wenn Sie dafür keine Belohnung erhalten, immer wieder, empfinden Freunde dabei, und vernachlässigen dafür sogar andere Dinge, weil ihnen die Sache so mühelos von der Hand geht?

Sehr wahrscheinlich handelt es sich hierbei um Handlungen, die von impliziten Motiven angetrieben werden. Diese erleben wir als mühelos und angenehm – sie machen uns Spaß. Oft sind dies Hobbies, sofern uns diese nicht durch unser Selbstkonzept vorgeschrieben wurden („Du musst ein erfolgreicher Sportler sein“). Wenn es ihnen Freude bereitet, sich z.B. sportlichen Herausforderungen zu stellen und leidenschaftlich einen Schritt nach dem anderen in Richtung eines Ziels (z.B. ein neuer eigener Rekord beim Sprinten) zu machen, dann verfügen sie wahrscheinlich über ein stark ausgeprägtes implizites Leistungsmotiv. Wenn Sie richtig darin aufgehen, z.B. als Vorsitzender des örtlichen Kleingärtnervereins Dinge zu entscheiden, Ansprechpartner für alle anderen zu sein und an diese Aufgaben zu delegieren, zeugt das von einem starken impliziten Machtmotiv. Und wenn Sie jemand sind, der am liebsten stundenlang mit Freunden oder Freundinnen telefoniert und dabei total die Zeit vergisst, dann weist das auf ein deutliches implizites Anschlussmotiv hin. Zum Vergleich: Rein explizit motivierte Menschen würden diese Telefonate auf das Nötigste beschränken und hätten ständig die Uhr im Blick („Wie lange muss ich noch mit ihr reden, damit sie nicht denkt, ich sei eine schlechte Freundin?“).

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie gerade etwas Langweiliges tun, z.B. in der Schlange stehen, Aufzug fahren, Wäsche aufhängen, bügeln, in der Kirche sitzen oder bei einer Hotline in der Warteschleife hängen und „Keine Panik auf der Titanic“ von Jürgen Drews hören?

Hier gilt das gleiche: In langweiligen Situationen rufen wir gerne innere Bilder und Gedanken herbei, die sich um Handlungen drehen, die mit unseren impliziten Motiven im Einklang sind („Tagträume“). So könnte ein unbewusst machtmotivierter Mensch sich z.B. Situationen ausmalen, wo er andere Menschen dominiert, ein implizit anschlussmotivierter Mensch könnte sich vorstellen, wie er von all seinen Freunden umgeben ist und in deren Gesellschaft förmlich aufblüht. Warum füllen wir die Langeweile mit diesen Tagträumen? Nun, weil sie natürlich, da von impliziten Motiven gesteuert, unmittelbar positive Emotionen erzeugen! Und wer möchte sich nicht gut fühlen?

Welches Ziel haben Sie schon einmal über lange Zeit verfolgt, dort hinein viel Energie und Arbeit investiert, die Tätigkeit selbst aber als schrecklich anstrengend erlebt und dann am Ende festgestellt, dass sie sich über die Verwirklichung nicht wirklich freuen konnten?

Wenn Ihnen hierzu etwas einfällt, kann Ihnen das Aufschluss darüber geben, welchem Ziel, dass Sie einmal verfolgt haben, die wahre Motivation durch implizite Motive fehlte: Die Abschlussarbeit zu einem Thema, mit dem man selbst eigentlich nichts anfangen kann? Aufgaben, zu denen Sie sich haben drängen lassen? Ihr Job, den Sie letztendlich gekündigt haben? In all diesen Fällen fehlte die „emotionale Energie“, die Handlungen antreibt, die von impliziten Motiven ausgehen. In der Folge kommt die „volitionale Steuerung“ zum Einsatz, was dann wiederum in die „volitionale Erschöpfung“ (siehe Teil 6) führen kann.

Sie haben etwas gefunden?

Wenn Sie beim Beantworten dieser Fragen bemerkt haben sollten, dass zentrale Dinge in Ihrem Leben, z.B. Ihre berufliche Tätigkeit, nicht von impliziten Motiven getragen werden, sollten Sie deshalb aber nicht gleich in Panik verfallen und die Tätigkeit sofort aufgeben. Es ist zwar so, dass Menschen, deren Arbeit mit ihren impliziten Motiven übereinstimmt, zufriedener sind und bessere Leistung erbringen als solche, wo diese im Widerspruch zueinander stehen – und zwar unabhängig von der Bezahlung, die übrigens fehlende Motivation durch implizite Motive nicht völlig ausgleichen kann. Dennoch muss man auch realistisch bleiben und zugeben, dass viele Menschen sich ihren Job nicht aussuchen können und es daher für sie am wichtigsten ist, überhaupt Arbeit zu haben. Nicht zuletzt kann ein nicht implizit motivierter Job auch durch ein implizit motiviertes Hobby oder Ähnliches ausgeglichen werden, führt also nicht zwangsläufig in eine Katastrophe. Und oftmals muss die Konsequenz einer unpassenden impliziten Motivstruktur auch nicht zwangsläufig bedeuten, dass man seinen Job sofort kündigt. Häufig ist es möglich, sich innerhalb eines Arbeitsverhältnisses andere Tätigkeiten zu suchen, die besser „zu einem passen“ – und da der (durchaus kausale) Zusammenhang zwischen der Arbeitszufriedenheit und der Leistung hundertfach wissenschaftlich nachgewiesen wurde, sollte ein guter Arbeitgeber solche Veränderungen auch unterstützen.

Das war es also mit der Motivation. Aber nur thematisch, denn meine Motivation, Sie darüber aufzuklären, was die Psychologie noch so alles weiß und kann, ist weiterhin ungebrochen. Und keine Sorge: Ich denke, hier stimmen implizites und explizites Motiv überein ;-).

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 6: Wenn wir wollen, was wir nicht mögen: Implizite und explizite Motive im Konflikt

Warum kommt es überhaupt zum Konflikt?

In den vergangenen Teilen ist es schon vermehrt angeklungen, und nun soll es in diesem Teil endlich darum gehen: um den Fall, dass implizite und explizite Motive sich widersprechen. Wie das sein kann? Nun, am einfachsten kann man dies beantworten, wenn sich einmal vor Augen führt, wie die beiden verschiedenen Formen von Motiven entstehen. Während implizite Motive in der sehr frühen Kindheit durch emotionale Lernerfahrungen entstehen (z.B. im Hinblick auf das implizite Leistungsmotiv die Erfahrung, dass das Überwinden von Herausforderungen sich „gut anfühlt“), bilden sich explizite Motive erst später zusammen mit dem Selbstbild aus. Und an dessen Entwicklung sind starke soziale und kognitive Faktoren beteiligt. Das Individuum lernt, welche Werte und Ziele von den Menschen in seiner Umgebung vertreten werden (sozialer Faktor), verarbeitet diese und versieht sie mit eigenen Wertungen (kognitiv) und formt schließlich daraus sein Selbstkonzept mit seinen persönlichen Wünschen und Zielen. So kann ein starkes explizites Leistungsmotiv z.B. entstehen, wenn ein Kind von vielen sehr erfolgreichen Menschen umgeben ist, die immer wieder direkt oder indirekt den Eindruck vermitteln, dass Erfolg einen Menschen wertvoll macht. Als Konsequenz hieraus formt das Kind ein Selbstkonzept der Sorte „Ich bin ein Leistungsträger“ bzw. „Ich muss mich anstrengen“, und folglich wird von dem Erreichen dieser selbst gesetzten Ziele der Selbstwert dieses Menschen abhängen. Erfolge steigern den Selbstwert, Misserfolge werden ihn mindern. Ich werde bei diesem Beispiel bleiben, um einmal zu verdeutlichen, was passiert, wenn ein solches explizites Motiv nicht zum jeweiligen impliziten Motiv passt. Denn ist dies nicht der Fall, kann das zu motivationalen Defiziten und starken emotionalen Beeinträchtigungen führen.

Der „verborgene Stressor“: Wollen, aber nicht mögen

Gut untersucht sind die Probleme, die auftreten, wenn ein stark ausgeprägtes explizites Leistungsmotiv („Ich will gut sein“) auf ein nur schwach ausgeprägtes implizites Leistungsmotiv trifft. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn das Selbstbild sagt: „Ich bin ein Topstudent“, man aber eigentlich gar keine Freude an Herausforderungen hat (implizites Motiv). Personen mit dieser Motivstruktur wollen Leistung zeigen, weil die daraus resultierenden Erfolge für sie belohnend sind, da sie ihren Selbstwert steigern. Sie mögen Herausforderungen (z.B. die Abschlussarbeit verfassen) selbst aber gar nicht, sodass diese als furchtbar anstrengend erlebt werden, weil die Tätigkeit selbst nicht zu ultimativen positiven Gefühlskonsequenzen führt. Nicht selten können sich solche Menschen dann über ein erreichtes Ziel auch nicht freuen, weil die Arbeit auf dem Weg dorthin als so erschöpfend erlebt wurde, dass man einfach nur froh ist, dass man’s hinter sich gebracht hat. Und hier kommt nun auch der Rückbezug zum Thema Volition: Wenn das implizite Motiv fehlt, fehlt aufgrund der fehlenden kurzfristigen Gefühlskonsequenzen auch die Motivation. Gesteuert werden diese Handlungen dann ausschließlich durch Volition, also durch die Kraft des Willens. Bei Menschen, die ein starkes explizites und ein schwaches Leistungsmotiv vereinen, spricht man daher auch von „volitionaler Erschöpfung“. Dies beschreibt einen Zustand der Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit im Hinblick auf Tätigkeiten, für die aktuell keine Motivation aufgebracht werden kann und die daher rein willentlich gesteuert werden müssen. Diese Dinge machen keinen Spaß, gehen alles andere als leicht von der Hand und ziehen sich wie Gummi, angetrieben jedoch von dem fernen Ziel, das Selbstbild zu bestätigen und, im Falle einer Abschlussarbeit z.B., den Selbstwert durch eine sehr gute Note zu steigern. Dieser Zustand der „volitionalen Erschöpfung“ gilt in der klinischen Psychologie als so genannter „verborgener Stressor“ (Stressor = Stressauslöser) – „verborgen“ deshalb, weil die Ursache (das zu schwache implizite Motiv) den Betroffenen nicht bewusst und daher nicht zugänglich ist.

Weitere Beispiele: Anschluss & Macht

Ähnliche Probleme entstehen, wenn das implizite Anschlussmotiv nur gering ausgeprägt ist, aber das explizite sehr stark. Dies ist z.B. der Fall, wenn mein Selbstkonzept besagt: „Ich brauche viele Freunde, weil das zeigt, dass ich beliebt bin“ (Wie diese Annahme auch kulturell geprägt wird, kann man in jedem amerikanischen Teenie-Film betrachten), aber soziale Beziehungen eigentlich gar keinen Belohnungswert für mich haben, weil ich mich in Gesellschaft überhaupt nicht wohl fühle. Solche Menschen leiden auch an starkem Stress, der dadurch entsteht, dass sie sich dazu verpflichtet fühlen, bewusst darauf zu achten, dass sie all ihren sozialen Kontakten gerecht werden (durch regelmäßige Treffen, Telefonate, Geschenke, etc.). Denn schließlich haben sie im Kopf, dass sie gemocht werden müssen, weil sie sonst kein wertvoller Mensch sind (wieder Thema Selbstwert). Das Pflegen der sozialen Kontakte wird ebenso wie beim letzten Beispiel als furchtbar anstrengend empfunden, positive emotionale Konsequenzen kurzfristiger Art gibt es nicht.
Ähnliches gilt für ein schwaches implizites und ein starkes explizites Machtmotiv, z.B. beim Sohn eines Unternehmens, der von Kindesbeinen an eingetrichtert bekommt, dass er eines Tages das Familienunternehmens übernehmen soll. Es formt sich das Selbstbild „Ich bin ein Anführer“, das jedoch von keinem impliziten Machtmotiv unterstützt wird: Macht ausüben macht einfach keinen Spaß, sich durchsetzen ist dem Mann unangenehm, und Führungsverhalten wird als anstrengend empfunden. Es „liegt“ solchen Leuten einfach nicht, andere zu dominieren.

Und andersrum: Wenn wir mögen, aber nicht wollen

Der Fall, dass das implizite Motiv stark und das explizite schwach ausgeprägt ist, existiert allerdings auch. Es hat keine so belastenden Folgen wie das Gegenteil, kann aber dazu führen, dass Menschen nie zu dem gelangen, was ihnen wirklich Freude bereitet. Wenn z.B. ein großes implizites Leistungsmotiv vorhanden ist, eine Person also Freude beim Aufsuchen und Bewältigen von Herausforderung empfindet, aber das Selbstbild dieses nicht widerspiegelt, werden die entsprechenden Aktivitäten (z.B. ein Studium) nicht aufgesucht. Dies ist z.B. ein Problem in so genannten „Arbeiter-Familien“, in denen akademische Bildung nicht üblich ist. Wenn ein Kind in einer solchen Familie nicht lernt, dass Bildung wichtig ist (z.B. um ein selbstbestimmtes Leben zu führen), sondern dass es viel wichtiger ist, möglichst schnell (wenn auch nicht viel) Geld zu verdienen, wird das Selbstbild dieses Kindes nicht das explizite Motiv enthalten, Leistung zu demonstrieren, weil dieses nicht wichtig für den Selbstwert ist. Am Ende führt dies dann dazu, dass das jeweilige Kind sein implizites Leistungsmotiv nie ausleben wird – und ihm zahlreiche Erfahrungen, die es mit Freude erfüllen würden, verwehrt bleiben werden.

Klinische Folgen und psychotherapeutische Maßnahmen

Es leuchtet ein, dass solche Widersprüche in der Motivstruktur eines Menschen erhebliche Folgen für dessen psychische Gesundheit haben können. Klinisch betrachtet zeigt die Forschung, dass solche „chronische Inkonsistenzen“ das Risiko für Depression und somatoforme (d.h. psychosomatische) Störungen erhöhen. Typische Probleme von Patienten in psychotherapeutischer Behandlung bestehen zudem oft darin, dass sie unfähig sind, sich von expliziten Partnerschafts- und Berufszielen („Ich will mit ihr zusammenbleiben, weil ich nicht weiß, wo ich sonst hin soll“ / „Mein Job macht mir keinen Spaß, aber immerhin ist er sicher) zu trennen, die ohne Freude verfolgt werden oder hohe psychische Kosten mit sich bringen. Dann ist es wichtig, Patienten auf ihre impliziten Motive aufmerksam zu machen und diese nach Möglichkeit mit ihren expliziten Motiven in Einklang zu bringen („Klärungsarbeit“). Ein weiterer Anwendungspunkt besteht im therapeutischen Prozess selbst: Zu Beginn einer Psychotherapie setzen sich Patienten üblicherweise Ziele, die sie im Verlauf der Therapie erreichen wollen. Hierbei ist es wichtig, zu beachten, dass diese Ziele mit den impliziten Motiven des Patienten deckungsgleich sind. Außerdem ist es wichtig, zu überwachen, ob ein zu Beginn der Therapie gesetztes Ziel vielleicht doch abgelegt oder geändert werden muss, weil es nicht mehr mit den inzwischen geklärten impliziten Motiven im Einklang steht.

Was sie sich jetzt vielleicht fragen, ist: „Toll, und wie komme ich nun an meine impliziten Motive?“ Einen Weg habe ich bereits in Teil 4 vorgestellt: den TAT bzw. dessen Neuentwicklung, die Picture Story Exercises. Ein paar einfachere Tipps finden Sie im finalen Teil Nr. 7, der sich ausschließlich mit dieser Frage auseinander setzt.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 5: Über den Ursprung unseres Bauchgefühls und die Theorie der somatischen Marker

Lange Zeit hielt man das so genannte „Bauchgefühl“ und seine Rolle beim Treffen von Entscheidungen für Humbug. Bis Antonio Damasio in der relativ jungen Vergangenheit (kurz nach der Jahrtausendwende) seine Theorie der somatischen Marker aufstellte und diese auch zunehmend von empirischen Befunden gestützt wurde.

Den Ursprung dieser Theorie bildeten Beobachtungen Damasios, die zeigten, dass Patienten mit einem Hirnschaden in einem ganz bestimmten Areal, nämlich dem ventromedialen präfrontalen Cortex (gelegen ca. hinter der Mitte unserer unteren Stirnhälfte), Schwierigkeiten dabei hatten, auch nur die einfachsten Entscheidungen zu treffen. Insbesondere Entscheidungen, die wir im Alltag extrem schnell ohne große Überlegungen fällen (z.B. Was esse ich heute zum Frühstück?), dauerten bei diesen Patienten fast ewig. Was bei diesen Patienten verloren gegangen war, war die Fähigkeit, Entscheidungen unbewusst zu treffen – auf Basis eines bestimmtenZustand ihres Körpers, der das widerspiegelt, was landläufig als „Bauchgefühl“ bekannt ist.

Beispielgeschichte

Wie im vorherigen Teil bereits beschrieben, ist unser Bewusstsein völlig überfordert damit, ständig bei jeder Entscheidung alle Vor- und Nachteile abzuwägen. Daher werden Entscheidungen oft unbewusst getroffen, auf Basis impliziter Motive. Doch wie sieht dies nun konkret aus? Als Beispiel soll folgende Situation herhalten: Einer Person, nennen wir sie Loredana, wird von einem internationalen Unternehmen eine Position im mittleren Management angeboten. Die Vergütung ist angemessen, aber nicht bombastisch, mit den Inhalten ihres Studiums hat die Stelle wenig zu tun, einen großen Zuwachs an Kompetenzen und Fähigkeiten kann sie nicht erwarten, sie soll ca. 60 Stunden die Woche arbeiten, und das Unternehmen ist dafür bekannt, gerade junge Mitarbeiter auszubeuten. Es gilt jedoch als große Errungenschaft, in diesem Unternehmen zu arbeiten. Loredana sitzt nun zu Hause und überlegt, ob sie das Angebot annehmen soll. Rational und clever, wie sie ist, macht sie eine Seite mit Pro- und Kontra-Argumenten und stellt verzweifelt fest: Es stehen zu viele Argumente auf der falschen Seite!

Was ist passiert? Gemäß der Theorie der somatischen Marker sind folgende Prozesse in Loredanas Körper abgelaufen:

1)

Der ventromediale präfrontale Cortex hat von den möglichen Handlungsalternativen und ihren Folgen Vorstellungsbilder erzeugt und sie auf Basis impliziter Motive emotional markiert. Das bedeutet, dieses Hirnareal assoziiert die beiden vorgestellten Handlungsalternativen (annehmen vs. ablehnen) jeweils mit einer Emotion – mit welcher, hängt vom aktivierten impliziten Motiv ab. Um welches könnte es sich hier wohl handeln? Nun, ganz klar um das implizite Machtmotiv (andere dominieren und kontrollieren, gegen andere gewinnen). Das heißt, die Alternative „annehmen“ wird mit einer positiven Emotion (Freude, Zufriedenheit, Stolz) belegt, die Alternative „ablehnen“ hingegen mit einer entsprechenden negativen Emotion. Aber: all diese Prozesse laufen unbewusst ab!

2)

Der ventromediale präfronale Cortex leitet nun die Entstehung des „Bauchgefühls“ ein. Dies geschieht über das autonome Nervensystem (Hirnstamm: Sympathikus / Parasympathikus), welches dann eine „peripher-physiologische Reaktion“ einleitet. Das bedeutet, es werden physiologische Reaktionen im gesamten Körper ausgelöst. Dies kann die Entstehung einer Gänsehaut, Schwitzen oder einen erhöhten Puls ebenso wie verschiedenste Reaktionen im Magen-Darm-Trakt auslösen. Hierher kommt auch der Begriff „somatische Marker“: Die „Marker“ sind, wie oben beschrieben, emotionaler Art, aber die Reaktion, die dadurch ausgelöst wird, betrifft den ganzen Körper (griech.: „Soma“). Dieses Konzert von physiologischen Reaktionen gleicht dann Emotionen wie Traurigkeit und Angst oder aber Lust und Freude – und kann als das „Bauchgefühl“ bewusst wahrgenommen werden. Dies muss aber nicht der Fall sein: Der Prozess kann auch unbewusst bleiben…

3)

Dies ist der Fall, wenn durch das Konzert physiologischer Reaktionen das „Belohnungssystem“ des Gehirns aktiviert wird (siehe Teil 2), welches als hauptsächlichen Neurotransmitter Dopamin nutzt. In diesem Fall würde das Belohnungssystem für die unbewusste Entstehung von Motivation sorgen, die bei Loredana dazu führt, das Jobangebot anzunehmen, weil sie hierdurch ihr angeregtes Machtmotiv ausleben kann.

Jetzt lässt sich erklären, warum Loredana zu viele Argumente auf der „falschen“ Seite der Liste findet: Aufgrund ihres stark ausgeprägten Machtmotivs wurde die Entscheidung schon viel früher auf unbewusstem Wege gefällt, sodass sich die durch bewusstes Abwägen gefundene Entscheidung (nämlich das Angebot abzulehnen) nicht richtig „anfühlt“. Loredana gehört zu den Fällen, bei denen das Bauchgefühl nicht bewusst wahrgenommen wurde. Die Forschung zeigt, dass es diesbezüglich tatsächlich Unterschiede zwischen Personen gibt: Interessanterweise haben Leute, die einen besseren Zugang zu ihren Körperempfindungen haben, eine bessere Übereinstimmung zwischen impliziten und expliziten Motiven, weil sie dadurch merken, was ihnen wirklich „gut tut“. Um Konflikte zwischen expliziten und impliziten Motiven wird es in Teil 6 noch ausführlicher gehen.

Machen unbewusst getroffene Entscheidungen glücklicher?

Das Binden an und Verfolgen von Zielen und Entscheidungen geschieht zu einem großen Teil unbewusst durch die Bildung „affektiver Präferenzen“, d.h. von Präferenzen für bestimmte emotionale Zustände. Durch bewusstes Abwägen getroffene Entscheidungen führen nachweislich zu geringerer langfristiger Zufriedenheit als unbewusst getroffene Entscheidungen (unbewusstes Abwägen im Sinne der Theorie Damasios). Dies weiß man aus Studien, in denen Probanden beispielsweise gebeten wurden, aus einer Reihe von Gemälden eines aussuchen. Entweder mussten sie dies sofort tun, nach einer Viertelstunde Bedenkzeit oder im Anschluss an eine „kognitive Distraktoraufgabe“, z.B. einen kurzen Aufsatz zu einem völlig anderen Thema zu schreiben. Diese Distraktoraufgabe sollte verhindern, dass bewusste Prozesse des Abwägens in Gang kommen, stand aber unbewussten Abwägungsprozessen (wie oben beschrieben) nicht im Wege. Nach einigen Wochen fragt man dieselben Probanden dann noch einmal, wie zufrieden sie mit ihrer Wahl von damals sind und erhält als typisches Ergebnis, dass die Probanden, die die Distraktoraufgabe bearbeitet haben und daher unbewusst abwägen mussten, am zufriedensten mit ihrer Entscheidung waren. Gefolgt von denen, die sofort entscheiden mussten und denen, die bewusst abwägen sollten. Dieses unbewusste Abwägen aufgrund nicht rationaler, sondern emotionaler, d.h. impliziter Motive gilt tatsächlich für viele langfristige Ziele wie Berufswahl, Partnerwahl, Familienplanung, etc. Es gilt aber auch für sämtliche alltägliche Entscheidungen, z.B….

Im Supermarkt: Marke oder No-Name?

Denken Sie einmal daran, wie Sie im Supermarkt entscheiden, was in den Einkaufswagen kommt. Sie glauben doch nicht, dass sie jede Entscheidung dabei durch bewusstes Abwägen treffen? Besonders zum Kauf von Marken-Artikeln vs. No-Name-Produkten gibt es sehr viel Forschung, die zeigt, dass der Kauf von Markenartikeln oft durch unbewusste Prozesse gesteuert wird. Legt man eine Person in ein MRT und zeigt ihr Bilder von großen Labels wie „Coca-Cola“, „Persil“, „BMW“ und Co., werden sämtliche Strukturen des Belohnungssystems, z.B. der nucleus accumbens, der den Belohnungswert eines Reizes anzeigt, am Bildschirm hell aufleuchten und dadurch die hohe Aktivität dieser Gehirnstrukturen verraten. Markenprodukte haben einen Belohnungscharakter, der entweder durch Erfahrungen in der Kindheit bewusst oder unbewusst gelernt wird („De Mutti hat auch immer dat jute Persil jekauft“) oder der mit impliziten Motiven zusammenhängt: So ist der Kauf von Markenprodukten z.B. durch ein starkes implizites Machtmotiv erklärbar, aufgrund dessen eine Person danach strebt, durch den Kauf solcher Produkte Status und Wohlstand zu demonstrieren („Isch kann et mir leisten!“).

Verblüffend

Wie stark die Macht von impliziten Motiven über unser Handeln ist, verdeutlichen die Befunde von Priming-Studien, die untersucht haben, wie Menschen sich unbewusst an ein Ziel binden. Demnach ist es sogar möglich, durch die subliminale (d.h. nicht bewusste, weil nur wenige Millisekunden andauernde) Darbietung von Anreiz-Worten (z.B. „Herausforderung“ zur Aktivierung des Leistungsmotivs) implizite Motive anzuregen und dafür zu sorgen, dass Leute sich an unbewusste Ziele binden, die sie nachher aber nicht verbalisieren können. Dass das Motiv dennoch aktiviert wurde, zeigt sich dadurch, dass die Leistung in einer darauf folgenden Aufgabe sichtlich gesteigert ist. Und nur nochmal zur Verdeutlichung: Die subliminale Präsenation ist so kurz, dass das Wort nicht bewusst verarbeitet werden und nicht verbal wiedergegeben kann!

Warum ist das so?

Doch warum sind unbewusste (d.h. emotional gesteuerte) Entscheidungen nun besser? Nun, weil das bewusstes Abwägen sich wegen der begrenzten Kapazität des Bewusstseins auf wenige Aspekte beschränken muss, während das unbewusste Abwägen viel mehr Informationen miteinander verrechnen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass beim bewussten Abwägen ein Aspekt vergessen wird, ist daher ungleich höher – ebenso wie das Risiko, mit der Entscheidung eines Tages nicht mehr zufrieden zu sein.

Im sechsten Teil widme ich mich der Frage, was passiert, wenn implizite und explizite Motive sich widersprechen – wenn wir wollen, was wir nicht mögen.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 4: Wie bewusst ist unser Handeln? Von expliziten und impliziten Motiven.

Bisher haben wir gesehen, wie Motivation grundsätzlich entsteht, wie sie mit Emotionen zusammenhängt und was benötigt wird, wenn es an Motivation fehlt. Nun soll es um das wohl spannendste Thema gehen, nämlich die Frage, inwiefern uns unsere Motive bewusst sind oder nicht. Wie bewusst treffen wir unsere Entscheidungen? Wie bewusst sind uns unsere Beweggründe, in einer bestimmten Situation so und nicht anders zu handeln? Warum lesen Sie gerade diesen Text?

In der Tat gibt es fast jedes Motiv in einer bewussten und einer unbewussten Form, und man spricht dementsprechend von expliziten (d.h. bewussten) und impliziten (d.h. unbewussten) Motiven. Aber was heißt „bewusst“ und was heißt „unbewusst“?

Was ist die Hauptstadt von Frankreich?

Nun, in Ihrem Kopf wird sich die Antwort „Paris“ breit machen. Dieser Teil ist daher bewusst, er ist Teil Ihres Bewusstseins. Die Such- und Abrufprozesse, die hierzu erst in Ihrem Gehirn stattfinden mussten, sind hingegen nicht Teil Ihres Bewusstseins, sie sind unbewusst. Genau so sind auch implizite Motive unbewusst, d.h. wenn man Menschen fragt: „Warum machst du das?“, können Sie einem über ihre impliziten Motive im Normalfall keine Auskunft geben. Dass dies so ist, sollte man nicht meinen, denn Menschen sind oftmals in der Lage, einem durchaus eloquent die Beweggründe für ihr jeweiliges Handeln darzulegen. Zugriff haben sie dabei aber lediglich auf ihre expliziten Motive, was erklärt, dass wir oft aus anderen Gründen handeln als wir meinen.

Warum ist das so? Eine Frage der Kapazität.

Es ist dabei in der Tat zwingend nötig, dass viele motivationale Vorgänge unbewusst, d.h. implizit gesteuert werden – denn unser Bewusstsein hat eine sehr begrenzte Kapazität, die ca. das Lesen des Satzes „Paris ist die Hauptstadt von Frankreich“ umfasst. Unglaublich viele Entscheidungen werden von uns unbewusst getroffen, geleitet durch implizite Motive. Denn der unbewusste Teil der in unserem Gehirn ablaufenden Prozesse hat eine vergleichsweise gigantische Kapazität, die es ihm ermöglicht, in der gleichen Zeit viel mehr Informationen zu verrechnen und zu einem Entschluss zu gelangen als der bewusste Teil. Unser Gehirn wäre sonst schlichtweg überfordert.

Eine knackige Gegenüberstellung: explizite vs. implizite Motive

Explizite Motive sind Teil des Selbstbilds, das praktisch die eigene Definition einer Person darüber beinhaltet, wer sie ist. Das Selbstbild oder Selbstkonzept gibt u.a. Antworten auf die Fragen: „Wer bin ich?“, „Was ist mir wichtig?“ und „Was will ich erreichen?“. Es enthält also eigene Bedürfnisse, Wünsche und Ziele, die man auch als explizite Motive bezeichnen kann. Implizite Motive haben mit diesen expliziten Motiven kaum etwas zu tun – es handelt sich tatsächlich um zwei unabhängige Motionssysteme. Implizite Motive regulieren Verhalten, so wie in den vorherigen Teilen beschrieben, durch die Erwartung (meist kurzfristiger) positiver emotionaler Konsequenzen. Explizite Motive tun dies hingegen durch das Streben nach einem konsistenten Selbstbild und einem positiven Selbstwertgefühl. Das heißt, wenn es z.B. Teil meines Selbstbildes ist, gute Leistungen zu erbringen, werde ich mich deshalb besonders anstrengen, um mein Selbstbild zu bestätigen. Das wiederum tue ich, weil von solch einem konsistenten Selbstbild mein Selbstwert abhängt.
Auch das Verhältnis zum Verhalten ist bei den zwei Sorten von Motiven grundsätzlich unterschiedlich. Implizite Motive bedingen Verhalten direkt, explizite Motive ermöglichen es uns eher, zwischen verschiedenen Handlungsalternativen zu wählen und Ziele zu setzen. Interessant ist außerdem, dass implizite Motive so genannte „Tätigkeitsanreize“ haben, während explizite Motive eher „Ergebnisanreize“ haben. Das bedeutet, dass implizite Motive durch sehr kurzfristige emotionale Konsequenzen der Tätigkeit bedingt sind – die Tätigkeit selbst (z.B. Prüfungsliteratur lesen) „macht Spaß“, während das „Antreibende“ bei den expliziten Motiven die erwarteten Emotionen sind, die durch das Ergebnis der Tätigkeit eintreten (z.B. eine gute Note in der Klausur). Außerdem unterscheiden sich die beiden Motivarten noch hinsichtlich ihrer Entwicklung bzw. Entstehung: Implizite Motiv entwickeln sich bereits in der frühen Kindheit, bevor das Kind sich sprachlich ausdrücken kann, durch emotionale Lernerfahrungen (man lernt, was zu positiven Gefühlszuständen führt und was nicht). Explizite Motive hingegen entstehen später, parallel zum Selbstbild des Menschen, das sich generell erst entwickelt, wenn der Mensch über sprachlichen Ausdruck verfügt.

Ein Beispiel: implizites und explizites Leistungsmotiv

Wie oben bereits angedeutet, unterscheiden sich das implizite und das explizite Leistungsmotiv grundsätzlich. Von einem impliziten Leistungsmotiv spricht man, wenn es einer Person Freude (kurzfristige, positive emotionale Konsequenzen) bereitet, ihre eigenen Fähigkeiten zu steigern und auszubauen, den Lernstoff zu verstehen, sich selbst Herausforderungen zu setzen, etc. Das explizite Leistungsmotiv hingegen strebt vielmehr danach, eine Bestätigung für ein Selbstkonzept der Sorte „Ich will zur Spitze gehören“ zu bestätigen. Wie im letzten Absatz beschrieben, geht es hier um die Ergebnisse des Handelns, nicht um das Handeln selbst. Die erwarteten Gefühlskonsequenzen des Ergebnisses (z.B. eine bestimmte Prüfungsnote) sind hier die treibende Kraft, und die vorwiegend angestrebte Emotion ist Stolz, d.h. eine Erhöhung des Selbstwerts. Das explizite Leistungsmotiv führt zu einer bewussten Zielsetzung (z.B. „Ich will mein Abitur mit einer „1“ vor dem Komma machen), das implizite Leistungsmotiv entzieht sich gemäß seiner Definition jeder bewussten Verarbeitung. In einem späteren Teil werden wir das implizite und explizite Leistungsmotiv noch einmal wieder treffen und uns den Fall anschauen, dass die beiden sich nämlich völlig widersprechen.

Wie greifen implizite und explizite Motive nun ineinander?

Explizite Motive bestimmen maßgeblich, in welchen Bereichen implizite Motive angeregt werden. Wieder Beispiel Leistungsmotiv: Das implizite Leistungsmotiv richtet sich unspezifisch auf alle Tätigkeiten, die man, plakativ gesagt, gut oder schlecht machen kann. Je nach Selbstkonzept und damit verbundenem expliziten Motiv (z.B. „guter Sportler“ oder aber „guter Schüler“) kann sich das implizite Motiv dann eher im einen oder im anderen Bereich entfalten. Das bedeutet: Explizite Motive bleiben wirkungslos, wenn nicht gleichzeitig ein passendes implizites Motiv besteht, das die Tätigkeit emotional „auflädt“. Die Forschung zeigt: Ca. die Hälfte aller expliziten Motive haben keinen impliziten „Partner“ und damit eine schlechte Chance, tatsächlich umgesetzt zu werden. Da sich dazu aber noch vielmehr sagen lässt, verweise ich auch hier wieder auf die noch folgenden Teile, wo sich diesbezüglich noch sehr spannende Erkenntnisse ergeben werden.

Und zum Schluss: Wie kann man Motive überhaupt erfassen?

Die Forschung zur Messung von Motiven war es tatsächlich, die überhaupt erst zur Unterteilung zwischen impliziten und expliziten Motiven führte. Kurz zusammengefasst ist es so, dass man explizite Motive mit geeigneten Fragebögen oder Interviews erfragen kann, da diese bewusst zugänglich sind und sprachlich wiedergegeben werden können. Implizite Motive müssen hingegen mit indirekten Verfahren erfasst werden. Bewährt hat sich hierbei vor allem der TAT, der Thematische Apperzeptionstest. Hierbei handelt es sich um eines der wenigen projektiven psychologischen Testerfahren, das zufrieden stellende psychometrische Testeigenschaften aufweist und somit valide (d.h. tatsächlich) gültige Aussagen über eine Person erlaubt (Streng genommen gilt dies jedoch sehr viel mehr für die moderne Weiterentwicklung des TAT, die Picture Story Exercises, die dem gleichen Prinzip folgen, aber bessere psychometrische Gütekriterien aufweisen). Der Test ist so aufgebaut, dass Personen mehrdeutige Bilder präsentiert werden (z.B. eines, das einen Mann und eine Frau auf einer Parkbank zeigt) und die Personen dann eine Geschichte zu diesem Bild erzählen sollen. Die recht gut belegte Annahme dabei ist die, dass sich in den Geschichten die impliziten Motive der Erzählenden niedergeschlagen – oder mit anderen Worten: Die Erzählenden projizieren (deshalb „projektives“ Testverfahren) ihre unbewussten Motive auf die neutrale Situation. So würde in unserem Beispiel z.B. ein stark anschlussmotivierter Mensch eine Geschichte erzählen, in der das Knöpfen sozialer Beziehungen eine Rolle spielt, ein Mensch mit starkem Machtmotiv würde vielleicht eine Konkurrenzsituation in seine Geschichte einbauen. Die Antworten der Personen in diesem Test werden aufgezeichnet und hinterher entsprechenden Kategorien zugeordnet, was die Auswertung sehr aufwendig macht. Im letzten Teil dieser Themenreihe werde ich aber auch noch ein paar einfachere Tricks verraten, mit denen man seinen impliziten Motiven auf den Grund gehen kann.

In Teil 5 geht es um einen wichtigen Verdienst unserer impliziten Motive – die neurowissenschaftliche Ergründung unseres so genannten „Bauchgefühls“.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 3: Wenn die Motivation fehlt, zählt der Wille.

Bei Tieren ist Motivation, basierend auf der Erwartung von kurzfristig nach dem Verhalten eintretenden Emotionen, wahrscheinlich die einzige treibende Kraft für sämtliche Verhaltensweisen. Wenn das Motiv „Sexualität“ in der Paarungszeit durch potenzielle Sexualpartner und hormonelle Veränderungen aktiviert wird, folgt daraus grundsätzlich immer Paarungsverhalten (ergo: Sex).

Rauchen: Ein Beispiel für den Kampf von Motivation und Volition

Der Mensch aber besitzt aber die Fähigkeit, auch entgegen der aktuell bestehenden Motivation zu handeln. Dies geschieht durch die Kraft des Willens (Volition), weshalb solche Handlungen auch als „volitionales Verhalten“ bezeichnet werden. Dieser Wille muss sich gegen eine momentan bestehende Motivation durchsetzen, welche, wie in den ersten beiden Teilen beschrieben, bedingt ist durch die Erwartung von kurzfristigen emotionalen Konsequenzen. Das Paradebeispiel hierfür ist das Rauchen einer Zigarette, welches sofort zu einem positiven emotionalen Zustand führt, der über das meso-kortikolimbische System vermittelt wird. D.h., die Erwartung dieses Gefühls treibt das Verhalten an, sich die Zigarette anzustecken und sie genüsslich aufzurauchen. Trotzdem gelingt es ja immer wieder Menschen, mit dem Rauchen aufzuhören. Und das macht die Volition (= der Wille) möglich.

Das Rubikon-Modell

Wie solche willentlichen Prozesse aussehen, beschreibt das so genannte „Rubikon“-Modell. Der Rubikon ist ein Flüsschen nördlich von Rom, bis zu dessen Überquerung durch die Römer in der Gegend Frieden herrschte. Unmittelbar nach der Überquerung brach dann der Krieg aus. Das Modell hat seinen Namen von diesem Fluss, weil das Modell einen Punkt annimmt, ab dem eine geplante Handlung praktisch nicht mehr umkehrbar ist und durchgeführt werden muss.

Im Zentrum des Modells steht die Bildung einer Intention, also einer Absicht (z.B. mit dem Rauchen aufhören). Ihr geht die so genannte „Selektionsmotivation“ voraus, die es ermöglicht, zwischen verschiedenen Handlungsalternativen inklusive deren Konsequenzen abzuwägen und schließlich ein Ziel auszuwählen (z.B. weiter rauchen = keine anstrengende Herausforderung, aber Gesundheitseinbußen und hohe Kosten; mit dem Rauchen aufhören = zu Beginn anstrengend und entbehrungsreich, aber langfristig gut für Gesundheit & Portemonnaie). Wichtig ist: Dieser Prozess kann bewusst oder unbewusst ablaufen. Mit der Entscheidung für ein Ziel bildet sich die Absicht, die dem Modell zufolge unumstößlich ist, und es folgt die Realisationsmotivation, d.h. das Bestreben, das gesetzte Ziel auch umzusetzen. Aber die Realisationsmotivation ist „labil“: Auch wenn eine Absicht gebildet ist, können in Situationen Anreize auftauchen, die über die Antizipation kurzfristiger positiver Emotionen Motive aktivieren, die im Widerspruch zu der Absicht stehen. Wie z.B. wenn ein Raucher, der gerade aufgehört hat zu rauchen, in Mitten einer rauchenden Gesellschaft sitzt und eine Zigarette angeboten bekommt. In einem solchen Fall ist es wichtig, bestimmte volitionale Strategien zu verwenden. Einige hilfreiche Strategien sind im Folgenden dargestellt:

  • Aufmerksamkeitskontrolle: Die Aufmerksamkeit von verlockenden Anreizen weglenken, z.B. weg von all den verführerisch qualmenden Zigaretten und hin zu einem Gespräch oder zum Essen.
  • Emotionskontrolle: Verhindern, dass sich emotionale Zustände einstellen, die die Realisationsmotivation gefährden. Bei Rauchern, die einen starken Suchtdruck verspüren, hat sich z.B. Sport als sinnvolle Ablenkung erwiesen, weil er den Körper in einen anderen emotionalen Zustand versetzt.
  • Umweltkontrolle: Anreize, die die Realisationsmotivation gefährden könnten, aus der Umwelt selbst entfernen. Z.B. Aschenbecher und Feuerzeuge aus der Wohnung verbannen.
  • Motivationsaufschaukelung: An die langfristigen positiven Konsequenzen des Ziels denken, d.h. gegenwärtig nicht aktivierte Motive aktivieren. Bei Rauchern wären das z.B. die bessere Gesundheit, ein längeres Leben, und mehr Geld für andere Dinge, die man sich schon lange wünscht. Je bunter und intensiver man sich diese Konsequenzen vorstellt, desto besser.
  • Enkodierungskontrolle: Die Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit kontrollieren, z.B. Gespräche über’s Rauchen überhören.
  • Sparsamkeit der Informationsverarbeitung: Für das langfristige Ziel kontraproduktive Gedanken („Eine kann ich mir ja noch gönnen, danach höre ich richtig auf“) durch die Methode des „Gedankenstopps“ einstellen: D.h., solche Gedanken sofort erkennen und unterbinden, dass sie verhaltenssteuernd werden.

Man kann also an dieser Stelle festhalten, dass es zwei Arten von Motivation gibt: einmal die von der Erwartung kurzfristig eintretender Emotionen bedingte Motivation, und die von einer willentlich geformten Absicht erzeugte Motivation, die außerdem von der Erwartung langfristiger positiver Konsequenzen „gespeist“ wird. Der Begriff „Motivation“ meint aber im ursprünglichen Sinne nur den ersten Typ, der von Emotionen getragen wird. Um Verwirrungen zu umgehen, bezeichnet man den zweiten Typ daher meist als „Volition“, obwohl man natürlich argumentieren kann, dass dabei ein Zustand entsteht, der dem der Motivation in etwa entspricht.

Insgesamt ist es aber hilfreich, davon auszugehen, dass volitionales Handeln eben dann nötig wird, wenn ein Motivationsdefizit vorliegt, das sich dadurch zeigt, dass diese willentlich ausgeführten Tätigkeiten keinen Spaß machen und anstrengend sind – im Gegensatz zu Tätigkeiten, die durch aktuell aktivierte Motive gestützt werden (intrinsisch motivierte Handlungen). Diese machen Spaß und erzeugen den so genannten „Flow“, der u.a. durch enorme Ausdauer und vermindertes Zeitempfinden gekennzeichnet ist. Dies bildet auch die Überleitung zu den nächsten drei Teilen, in dem es um den Unterschied zwischen bewussten und unbewussten Motiven gehen wird, wobei das Konzept der Volition erneut auftauchen wird.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 2: Der Motor – Emotionen in unserem Gehirn

In diesem Teil soll es darum gehen, wie Motivation in unserem Gehirn entsteht. An dieser Stelle wird deutlich, dass das Konzept der Motivation untrennbar mit dem der Emotion verbunden ist. Wie in Teil 1 bereits dargestellt, entsteht Motivation, d.h. der Antrieb zu zielgerichtetem Verhalten, in Folge der Erwartung positiver Emotionen. Mit positiver Emotion ist hier vor allem „Lust“ bzw. „Befriedigung“ gemeint.

Das „Belohnungssystem“

Vermittelt werden Emotionen und speziell Belohnungs- und Befriedigungsempfinden maßgeblich durch evolutionär „alte“ und im Gehirn innenliegende Gehirnregionen, nämlich durch das so genannte limbische System, den nucleus accumbens und Teile des Mittelhirns (Mesencephalon), sowie durch ein sehr „junges“ Gehirnareal, den PFC (präfrontaler Cortex, gelegen hinter unserer Stirn). Das limbische System wiederum umfasst unter anderem den Hypothalamus (vegetative „Schaltzentrale“ und Schnittstelle zum Hormonsystem), den Hippocampus (unersetzlich für unser Gedächtnis) und die Amygdala (auch Mandelkern genannt, spielt die Hauptrolle bei Angst). All diese Gehirnstrukturen nutzen als Neurotransmitter Dopamin, weshalb man dieses Konglomerat zusammenfassend auch „meso-limbokortikal dopaminerges System“ nennt. Dieses System vermittelt das Lustempfinden bei allen Motiven, egal ob Hunger, Durst, Sex, Leistung, Macht oder Anschluss, weshalb es auch als „Belohnungssystem“ bezeichnet wird. So zeigen z.B. Menschen mit einem stark ausgeprägten Leistungsmotiv einen Anstieg in der Aktivität dieser Gehirnstrukturen, sobald das Leistungsmotiv durch einen Anreiz aktiviert wurde. Eine hervorstechende Funktion kommt dabei dem nucleus accumbens zu: Seine Attraktivität nämlich zeigt an, wie attraktiv eine Belohnung ist, d.h. als wie erstrebenswert ein bestimmter Gefühlszustand bewertet wird. Gleichzeitig erhält ein bestimmter Reiz (z.B. das Gesicht einer Person) erst durch eine hohe Aktivität des nucleus accumbens einen Belohnungscharakter. Er spielt daher eine wichtige Rolle bei Suchtverhalten, da durch seine Aktivität z.B. ein Reiz (Drogen, Alkohol, Glücksspiel, etc.)  mit Belohnung assoziiert wird.

Wenn Dinge positive Emotionen erzeugen, folgt daraus also Motivation. Aber wie werden Emotionen überhaupt erzeugt, nachdem wir einen bisher noch neutralen, d.h. nicht mit einer Emotion assoziierten Reiz wahrgenommen haben? Für das Auslösen von Emotionen ist die Amygdala (Teil des limbischen Systems) ausschlaggebend. Allerdings gibt es drei verschiedene Arten, wie die Amygdala Emotionen, allen voran Angst, produzieren kann, und diese sind im Folgenden kurz beschrieben.

1. „Quick and dirty“

Diese Route ist die kürzeste Verbindung zwischen der Wahrnehmung eines Reizes und der entstehenden Emotion. Ein Reiz, egal ob visueller, akustischer oder sonstiger Art, findet durch die Sinnesorgane Eingang ins Gehirn und erreicht zunächst den Thalamus, eine Struktur im Zwischenhirn (d.h. evolutionär eher „alt“). Der Thalamus sendet das Signal dann weiter in die entsprechende Cortex-Region (z.B. primärer visueller Cortex oder auditorischer Cortex), wo der Reiz dann weiter verarbeitet wird. Der Thalamus wird auch „Tor zum Bewusstsein“ genannt, weil jeder Nervenimpuls erst ihn passieren muss, damit er unser Bewusstsein erreicht. Die „Quick and dirty“-Route aber ist eine direkte Verbindung zwischen Thalamus und Amygdala. Sie sorgt z.B. für das Empfinden von Angst, für die wir keinen bewussten Grund feststellen können (z.B. wenn wir das Gefühl haben, verfolgt zu werden), sowie für blitzschnelle Schreckreaktionen, wie sie im Falle einer Bedrohung auftreten. Eine bewusste Verarbeitung und Bewertung des Reizes würde hierfür viel zu lange dauern, denn eine schnelle Furcht- und damit ggf. auch Fluchtreaktion ist lebenswichtig. „Dirty“ ist diese Route deshalb, weil diese kognitive, also gedankliche Bewertung eben fehlt – was dazu führt, dass die Angst oft unbegründet ist. 

2. Bewusste Bewertung

Die zweite Route führt nicht direkt vom Thalamus zur Amygdala, sondern nimmt einen Umweg über den Cortex, der eine gründlichere und vor allem bewusste Verarbeitung des Reizes ermöglicht. D.h. es wird abgewogen, was der Reiz auf dem persönlichen Hintergrund der Person zu bedeuten hat, und der Reiz wird bewusst bewertet, z.B. als bedrohlich. In einem solchen Fall werden auf dieser Route außerdem noch die persönlichen Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten in Betracht gezogen, d.h. wie gut man mit dem bewerteten Umstand umgehen kann. Besteht der Reiz z.B. darin, dass man erfährt, dass eine Klausur um eine Woche vorverlegt wurde, könnte die (im Cortex stattfindende) erste Bewertung lauten: „Ach du Scheiße“. Nach Berücksichtigung der eigenen Handlungskompetenz, die es ermöglicht, den Lernplan entsprechend umzustellen, könnte die zweite Bewertung dann lauten: „Ok, krieg’ ich hin“, und die Amygdala würde keinen Angstzustand, sondern relatives Wohlbefinden erzeugen. Fällt in einer anderen Situation die Bewertung negativ aus, können durch solche bewusste Verarbeitungsprozesse Emotionen wie Schuld und Scham entstehen. Auf der positiven Seite wiederum können angenehme Emotionen wie beispielsweise Stolz entstehen.

3. Zuhilfenahme des Gedächtnisses

Route 3 zeichnet sich durch eine zusätzliche Beteiligung des Hippocampus aus, der den Sitz unseres deklarativen (d.h. bewusst zugänglichen) Gedächtnisses darstellt. D.h. er ist für die Speicherung unseres Weltwissens ebenso wie unserer persönlichen Erfahrungen verantwortlich (nicht aber für unser prozedurales Gedächtnis, welches z.B. automatische Bewegungsabläufe beinhaltet). Dadurch können aktuelle Ereignisse mit Erinnerungen abgeglichen werden und somit zu einer Bewertung des Reizes beitragen. Außerdem ermöglicht es dieser Schaltkreis, dass durch Erinnerungen Emotionen entstehen. Er ist somit daran beteiligt, wenn wir uns z.B. an ein tragisches Erlebnis in unserem Leben erinnern und dadurch Traurigkeit verspüren.

Die Amygdala, der präfrontale Cortex und kognitive Verhaltenstherapie

Die Amygdala weißt zwei weitere interessante Verbindungen zu anderen Hirnstrukturen auf. Ihre Verbindungen zu den sensorischen Arealen des Cortex ermöglichen es, die Aufmerksamkeit gemäß der Emotionslage auszurichten (z.B. auf Fotos aus dem letzten Urlaub, wenn es uns gerade gut geht). Die Verbindung der Amygdala zum PFC hingegen ist der Grund, weshalb kognitive Verhaltenstherapie wirkt. Diese Form von Psychotherapie wird erfolgreich z.B. bei Depression angewandt und besteht im Kern darin, dass Reize kognitiv neu (z.B. als weniger gefährlich) bewertet werden und in der Folge andere Emotionen erzeugen. Durch den PFC, wo solche kognitiven Prozesse geschehen, kann somit auf die Amygdala und die durch sie erzeugten Emotionen eingewirkt werden.

Der orbitofrontale Cortex und Expositionstherapie

Für konditionierte Angstreize (das sind Reize, die durch wiederholte Erfahrung mit Angst assoziiert sind, z.B. Spinnen) gilt dies im Falle der Amygdala aber nur eingeschränkt. Die Bezeichnung „Angstgedächtnis“ verrät bereits, dass die Amygdala der „Speicherort“ von konditionierten Ängsten ist. Und interessanterweise hat sich gezeigt, dass einmal in der Amygdala etablierte Reiz-Angst-Assoziationen außerordentlich resistent gegenüber Veränderung sind: Widersprüchliche Erfahrungen können diese Assoziationen kaum aufbrechen. Es gibt allerdings noch ein zweites wichtiges Angstzentrum, den orbitofrontalen Cortex (ganz vorderer Teil des Cortex, ungefähr hinter unseren Augen gelegen, Abkürzung OFC). Dieser ist deutlich „flexibler“ und kann durchaus auch „umlernen“, d.h. bestehende Assoziationen rückgängig machen und somit dafür sorgen, dass ein Reiz in Zukunft keine Angst mehr auslöst. Dieses System wiederum erklärt die große Wirksamkeit von Expositions- bzw. Konfrontationstherapie bei Angststörungen: Bei andauernder Konfrontation mit dem Angstreiz kommt es irgendwann zur Abnahme der Angstreaktion („Habituation“) – und die Assoziation zwischen Reiz und Angst wird aufgehoben („gelöscht“). Bezüglich dieses Prozesses liegen aber auch abweichende Ansichten in der Wissenschaft vor. So gehen viele Forscher auch davon aus, dass jene konditionierte Verbindungen nie wirklich gelöscht werden, sondern nur durch eine neue Lernerfahrung „überschrieben“ werden, sodass der neue Lerninhalt den alten hemmt. Dass die alte Verbindung zwischen Reiz und Furcht auch nach erfolgreicher Expositionstherapie noch besteht, weiß man z.B. dadurch, dass eigentlich gelöschte Verbindungen nach der Therapie manchmal wieder auftauchen. Für diesen Prozess werden vor allem die Verbindungen zwischen Amygdala und Hippocampus als wichtig angesehen. Was also letztendlich bei der Exposition passiert, ist noch nicht völlig geklärt.

Nach einem kleinen Schlenker hin zur Entstehung und Beeinflussung von Emotionen soll es nun zurück zum Kernthema gehen, der Motivation. Im dritten Teil gehe ich darauf ein, wie und warum es möglich ist, dass wir auch ohne jegliche Motivation handeln können.

© Christian Rupp 2013

Motivation – Teil 1: Wenn ein Motiv auf einen Anreiz trifft

Die Motivationsforschung ist ein Gebiet der Psychologie, das, obwohl es in meinem Studium fast gänzlich ausgelassen wurde, in besonderem Maße mein Interesse geweckt hat. Und zwar deshalb, weil sich anhand von Motiven so ziemlich am allerbesten menschliches Verhalten erklären lässt (besser z.B. als das Konzept der Persönlichkeitseigenschaften bzw. „traits“) – das wahrscheinlich älteste und für Laien interessanteste Ziel der Psychologie. Warum handeln wir so, wie wir handeln? Wie bewusst sind unsere Entscheidungen? Sind unsere Motive überhaupt bewusst zugänglich? Auf diese und noch mehr Fragen gehe ich in sieben Artikeln zum Thema „Motivation“ ein: Begeben Sie sich auf eine siebenteilige Reise durch die Welt der Motive, der Emotionen und des Willens.

Motive nehmen, wie gesagt, eine zentrale Rolle in der Erklärung von Verhalten ein. Ein „Motiv“ entspricht in etwa einem Bedürfnis eines Menschen. Die wissenschaftliche Definition sieht Motive als „überdauernde Affektpräferenzen für abgrenzbare Klassen von Anreizen und Zielzuständen“. Diese sperrige Formulierung soll bedeuten, dass es sich bei einem Motiv um ein Bedürfnis nach einer bestimmten Sache, einem bestimmten Zustand etc. handelt, weil diese Sache/dieser Zustand angenehme emotionale Konsequenzen („Affekte“) mit sich bringt.

Welche Motive gibt es? Für alle Menschen gelten dieselben Motive (auch wenn man sich nicht ganz einig ist, wie viele es nun gibt), aber nicht jeder bewertet jedes Motiv gleich hoch. Menschen unterscheiden sich also dadurch, wie wichtig Ihnen die verschiedenen Motive sind. Grundlegende Motive sind physiologischer Natur und sind sehr einfach durch evolutionäre Prozesse zu erklären. Es handelt sich um die drei Motive Hunger, Durst und Sexualität. Auf diese drei Motive passt am ehesten auch der psychoanalytische Begriff des „Triebs“, der in etwa das gleiche meint. Auch wenn die Psychoanalyse, d.h. Sigmund Freud und seine Schüler bzw. Nachfolger,  meiner Meinung viel Unsinn verzapft haben, so muss man anerkennen, dass das Konzept der (unbewussten) Triebe frappierende Ähnlichkeit hat mit dem Modell der Motivation, das in der heutigen Wissenschaft etabliert ist und welches ich im Verlauf dieser siebenteiligen Reihe versuchen werde darzustellen.

Welche Motive werden unterschieden?

Hunger, Durst und Sexualität werden im Gehirn maßgeblich durch den Hypothalamus (die „vegetative Schaltzentrale“) gesteuert, der letztendlich die Freisetzung von Hormonen bedingt, die mit dem Stoffwechsel interagieren und das Bedürfnis nach Nahrung, Flüssigkeit und Sex steuern. „Höhere“ Motive sind vor allem die drei Motive nach Leistung (das Bedürfnis, in Leistungssituationen das Beste zu geben, seine Fähigkeiten auszubauen und sich selbst zu verbessern), nach Anschluss (Bedürfnis nach Aufbau, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung positiver zwischenmenschlicher Beziehungen) und nach Macht (Bedürfnis nach Kontrolle und Dominanz über andere Menschen und danach, gegen andere zu gewinnen). Daneben betrachten einige Forscher auch noch Aggression und Neugier als weitere Motive. In puncto Neugier spricht man, wenn dieses Motiv extrem stark ausgeprägt ist, z.B. von „sensation seeking“, was eine Vorliebe für risikoreiche, impulsive, gefährliche und potenziell für andere schädliche Verhaltensweisen meint. Hierzu ist gut belegt, dass dieses Motiv mit einem überaktiven Dopaminsystem einhergeht, auf das ich noch zurück kommen werde. Aggression hingegen werde ich an dieser Stelle ausklammern, da sich dieses Thema gut mit der Frage verbinden lässt, warum Menschen eigentlich Verbrechen begehen – womit ich mich in Zukunft noch auseinander setzen werde.

Was ist der Ursprung der Motive?

Gegenwärtig werden die meisten Motive evolutionspsychologisch erklärt, d.h. ihre Entstehung wird dadurch begründet, dass Individuen, die ein entsprechendes Motiv hatten, dadurch direkt ihre eigenen Überlebenschancen und/oder gleichzeitig ihre Fortpflanzungschancen steigern konnten. Bei Hunger und Durst ist der Überlebenszweck unübersehbar, das Motiv nach Sexualität diente in der Vergangenheit zweifelsohne der Fortpflanzung, einen Zweck, den es heutzutage größtenteils verloren hat. Aber auch die Motive Macht, Anschluss und Leistung haben sehr wahrscheinlich einen evolutiven Sinn. Macht und Dominanz machen attraktiv und steigern die Fortpflanzungschancen, ähnlich wie ein stark ausgeprägtes Leistungsmotiv, das erfolgreich macht. Das Anschlussmotiv fördert den Gruppenzusammenhalt und war daher in der frühen Menschheitsgeschichte ebenfalls überlebenswichtig – so postulieren es viele aktuelle Modelle.

Und was ist nun Motivation?

Motivation ist ein positiver Erregungszustand, der Verhalten anstoßen kann und immer dann entsteht, wenn ein Motiv angeregt wird. Dazu braucht es einen Anreiz, der z.B. in einer bestimmten Situation bestehen kann. So kann beispielsweise die Konfrontation mit einer Leistungssituation (z.B. ein Sportwettbewerb) das Leistungsmotiv aktivieren. Die treibende Kraft hierbei ist die „Affektantizipation“, d.h. die Erwartung von positiven emotionalen Konsequenzen (z.B. Freude oder Stolz). In anderen Worten: Eine Situation aktiviert ein Motiv (stellt also einen Anreiz dar); und weil man erwartet, dass man sich danach gut fühlt, führt man ein bestimmtes Verhalten aus. Vereinfacht wird Motivation oft als eine Funktion von Erwartung x Wert erklärt. „Erwartung“ meint das Ausmaß, zu dem man positive Konsequenzen des Verhaltens erwartet, und „Wert“ beschreibt den subjektiven Stellenwert der positiven Gefühlskonsequenzen. D.h., ob ich das Verhalten letztendlich durchführe, hängt sowohl vom Wert als auch von der Wahrscheinlichkeit des Eintretens positiver emotionaler Konsequenzen des Verhaltens ab. Davon, wie diese emotionalen Konsequenzen entstehen und vermittelt werden, handelt Teil 2.

© Christian Rupp 2013